Der Markt für die „Schlankmacher“ boomt: Analysten von Morgan Stanley rechnen damit, dass Medikamente zur Gewichtsreduktion bis 2035 weltweit ein Marktvolumen von fast 200 Milliarden US-Dollar erreichen werden. Mit dem Boom wächst aber auch ein gefährlicher Schwarzmarkt: Die Europäische Arzneimittel-Agentur (EMA) warnt seit Längerem vor gefälschten Präparaten, die über Internetseiten oder soziale Medien angeboten werden.<h3> Die Gefahr liegt in der Verharmlosung</h3>„Das Problem ist aber nicht nur der Schwarzmarkt“, sagt Dr. Cristina Tomasi. „Die eigentliche Gefahr besteht darin, dass diese Medikamente zunehmend verharmlost werden.“ Sie würden immer öfter als Lifestyle-Produkt oder einfache Lösung zum Abnehmen wahrgenommen. Gerade mit den neuen Tabletten könnte die Hemmschwelle weiter sinken. „Bisher stellte die Spritze zumindest noch eine psychologische Barriere dar. Eine Tablette könnte vielen Menschen dagegen das Gefühl vermitteln, es handle sich um eine einfache Abkürzung zum Wunschgewicht“, vermutet Dr. Tomasi.<BR /><BR /><embed id="dtext86-75876190_quote" /><BR /><BR /><BR />Dabei sei genau das ein Irrtum. „Diese Medikamente heilen Adipositas, also krankhaftes Übergewicht, nicht“, sagt Tomasi. „Sie öffnen lediglich ein Zeitfenster, in dem Patienten lernen müssen, ihre Ernährung umzustellen, ihre Muskelmasse zu erhalten und einen Lebensstil aufzubauen, der das Ergebnis langfristig sichert.“ Fehle diese Begleitung, sei die Wahrscheinlichkeit groß, dass das Gewicht nach dem Absetzen zurückkehre. Gleichzeitig drohten Muskelabbau und langfristige Nachteile für den Stoffwechsel. „Das ist nicht nur eine Möglichkeit – es wird die Regel sein.“<h3> Die wichtigste Frage: Was geht verloren?</h3>Denn die entscheidende Frage sei nicht, wie viel Gewicht verloren gehe, sondern was dabei verloren werde, sagt Tomasi. Beim Abnehmen verschwinde nämlich nicht nur Fett. Die großen Zulassungsstudien zeigen, dass zwischen einem Viertel und rund 40 Prozent des Gewichtsverlustes auf fettfreie Körpermasse entfallen – vor allem auf Muskulatur. „Der Muskel ist kein ästhetisches Detail“, sagt die Stoffwechselexpertin. „Er ist eines der wichtigsten Stoffwechselorgane unseres Körpers. Er verbessert die Insulinsensitivität, speichert Glukose und schützt uns mit zunehmendem Alter vor Gebrechlichkeit.“ <BR /><BR />Besonders deutlich werde das Problem nach dem Absetzen der Medikamente. Die Verlängerung der STEP-1-Zulassungsstudie zeigt, dass Patienten innerhalb eines Jahres durchschnittlich rund zwei Drittel des verlorenen Gewichts wieder zunahmen. „Wenn während der Gewichtsabnahme auch viel Muskelmasse verloren ging, besteht das zurück- kehrende Gewicht überwiegend aus Fett“, erklärt Tomasi. „Das eigentliche Paradox ist: Die Menschen sind zwar leichter als früher, verfügen aber über weniger Kraft und einen verletzlicheren Stoffwechsel.“<h3> Die Zukunft ist mehr als ein Medikament</h3>Außerdem bemängelt die Fachärztin für Innere Medizin, dass man mittlerweile zwar sehr genau wisse, wie viel Gewicht diese Medikamente verschwinden lassen. „Aber wir wissen noch viel zu wenig darüber, was langfristig mit Muskeln, Knochen und körperlicher Leistungsfähigkeit passiert“. <BR /><BR />Ihre Kritik richtet sich ausdrücklich nicht gegen diese Medikamente. „Sie zählen zu den bedeutendsten therapeutischen Innovationen der vergangenen Jahrzehnte.“ Sie dürften aber keineswegs unbegleitet eingenommen werden. „Von Beginn an müssen eine proteinreiche Ernährung und regelmäßiges Krafttraining wesentlicher Bestandteil der Behandlung sein“, betont sie. „Das Medikament öffnet die Tür – Ernährung, Krafttraining und Aufklärung sorgen dafür, dass sie offen bleibt.“