Wer an einer Aufmerksamkeitsstörung leidet, tendiert zu einer intensiveren Nutzung digitaler Medien. Erhöhter Konsum kann aber auch „Fake-ADHS“ hervorrufen. <b>Von Eva Huber</b><BR /><BR /><h3> Warum heute so oft ADHS diagnostiziert wird</h3>Die Diagnose ADHS wird aber heute deutlich öfter gestellt. Das hat verschiedene Gründe. Zum einen gibt es nun spezifische Diagnosekriterien und neuropsychologische Tests, um das Störungsbild deutlich besser diagnostizieren zu können. Und: Nicht nur Psychiater und Psychologen, sondern auch Lehrpersonen, das Kindergartenpersonal und auch viele Eltern kennen den Begriff ADHS und sind feinfühliger hinsichtlich der Symptome.<BR /><BR />Zum anderen trägt unser heutiger Lebensstandard dazu bei, dass typische ADHS-Symptome stärker zum Vorschein kommen. Alles läuft deutlich schneller ab. Man muss sich nur die Kinderserie „Biene Maja“ von 1975 und die neue Serie ab 2013 anschauen. In Letzterer sind die Schnitte deutlich schneller und die Farben deutlich intensiver. Unser Gehirn hat sich an diese Geschwindigkeit und Reizintensivität angepasst und gewöhnt. Anderes Beispiel: Bei Facebook, Instagram, TikTok und Co. kann man ständig weiterscrollen, und es kommt immer etwas Neues. Unzählige Computerspiele bieten ständige Abwechslung, und als Spieler erhält man schnell eine Belohnung.<BR /><BR />Genau auf das sprechen vor allem ADHS-Betroffene besonders an. Sie haben Schwierigkeiten, abzuwarten, sie mögen es, wenn es schnell geht, und sie bevorzugen kurzfristige Belohnungen. Was die digitalen Medien schaffen, kann die reale Welt jedoch nicht liefern. So kann keine Lehrperson ununterbrochen Neues liefern, am besten dabei noch mit visuell und akustisch ansprechenden Reizen, und laufende, unmittelbare Belohnungen geben.<h3> Warum Betroffene zu erhöhtem Medienkonsum neigen</h3>ADHS-Betroffene neigen häufig zu einem erhöhten Medienkonsum, da sie ein Ungleichgewicht von neuronalen Botenstoffen aufweisen, was zu einem chronischen Langeweile-Gefühl und einem raschen Belohnungsbedürfnis führt. Das Suchtrisiko ist bei ihnen erhöht, da das Suchtverhalten den Dopaminhaushalt im Belohnungssystem erhöht. Das ist genau jener Botenstoff, der bei Betroffenen in zu geringer Menge vorkommt.<h3> „Fake-ADHS“ durch erhöhten Medienkonsum</h3>Die vermehrte Nutzung von digitalen Medien kann aber Symptome ähnlich jenen von ADHS hervorrufen. So konnte festgestellt werden, dass die Fähigkeit zum schnellen Scannen durch die Nutzung von digitalen Medien zugenommen hat. Die Fähigkeit zur Daueraufmerksamkeit und das Fokussieren auf Details sind jedoch gesunken. Unser Gehirn hat sich an die rasante Geschwindigkeit der digitalen Medien gewöhnt. Ist etwas langsamer, so wird uns schneller langweilig, wodurch die Aufmerksamkeit sinkt.<BR /><BR />Die Nutzung der digitalen Medien beeinflusst auch unser Schlafverhalten. Egal, ob Computerspiele oder soziale Netzwerke: Sie führen zu einer gesteigerten Erregung. Die hohe Beleuchtungsstärke und das kurzwellige Licht reduzieren zudem das Schläfrigkeitsgefühl. Dadurch wird die Schlafenszeit hinausgezögert. Dies führt zu erhöhter Müdigkeit, was wiederum Unaufmerksamkeit und Konzentrationsschwierigkeiten auslöst – typische Anzeichen von ADHS. Man kann in diesem Zusammenhang von „Fake-ADHS“ sprechen, d.h. ein erhöhter Medienkonsum kann typische Symptome von ADHS hervorrufen. Aktuell konnte jedoch nicht festgestellt werden, dass digitale Medien auch die für ADHS typische Neurotransmitterstörung auslösen. <h3> Dem Gehirn Pausen gönnen – zwischendurch offline sein</h3>Digitale Medien sind Teil unseres Lebens und lassen sich nicht mehr wegdenken. Es ist aber wichtig, dass wir dem Gehirn dennoch immer wieder eine Pause gönnen und mal offline gehen. Wenn wir öfters zu einem Brettspiel oder Buch greifen, profitieren nicht nur die Kinder, sondern auch wir. Das wahre Leben spielt in der realen Welt.<BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1012803_image" /></div> <BR /><h3> Info: „Fomo – Fear of missing out“</h3>„Fomo“ bezeichnet die Angst, etwas zu verpassen, und den Wunsch, immer mit anderen vernetzt zu sein. Dies führt zu Abgelenktheit, geringerer Fokussierung auf die eigentliche Tätigkeit sowie zu Handlungsunterbrechungen. Typisch für ADHS, aber es ist nicht ADHS.<BR />