„Wenn der Geruchssinn beeinträchtigt ist, geht einem Menschen sehr viel an emotionaler Wahrnehmung verloren“, sagt Neurologe Peter Berlit. Es gibt sogar einen Zusammenhang mit Depressionen.<BR /><BR />Ein Geruchsverlust bringt unter anderem die Ernährung durcheinander: Wer nicht riecht, schmeckt auch nicht richtig, vom Kochen und Abschmecken ganz zu schweigen. Manche Menschen verlieren den Appetit.<BR /><BR />„Der Geruchssinn wird oft unterschätzt“, sagt Berlit. „Viele sagen: lieber den Geruchssinn verlieren als blind oder taub werden, aber der Geruchssinn spielt bei vielen Dingen eine zentrale Rolle. Er ist im Gehirn deutlich enger als andere Sinne mit dem limbischen System verschaltet, das für Emotionen zuständig ist.“ Angst, Stress, Frust – all das lässt den Körper Moleküle erzeugen, die sich im Achselschweiß nachweisen lassen und die andere Menschen wahrnehmen können. Die Konzentration ist aber so schwach, dass das meist unbewusst passiert.<h3> Besonders ehrliche Kommunikation</h3>„Die Menschen kommunizieren richtig über Düfte und Gerüche“, sagt Thomas Hummel, Leiter des interdisziplinären Zentrums „Riechen und Schmecken“ am Uniklinikum Dresden. „Wenn man einen Infekt ausbrütet, ändert sich der Körpergeruch. Wenn sich die Laune ändert, man sich fürchtet oder freut, all das teilt man mit. Ich kann zum Beispiel bei meiner Frau riechen, wenn sie nervös ist.“ Was es genau ist, kann der Arzt und Pharmakologe nicht sagen. „Es ist kein Duft, der einem in die Nase springt. Man nimmt es unterschwellig wahr.“<BR /><BR />Diese Kommunikation sei besonders ehrlich, weil der Aussendende sie nicht verändern könne, sagt Bettina Pause, Professorin für Biologische Psychologie und Sozialpsychologie an der Universität Düsseldorf. „Ich möchte jetzt mal nach Freude riechen, obwohl ich ängstlich bin – das geht nicht“, sagt sie. Man könne Parfüm aufsprühen, die Angstmoleküle würden aber trotzdem produziert.<BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="796130_image" /></div> <BR /> „Der Geruchssinn ist auch entscheidend für die Inzestschranke“, sagt Berlit. „Dass man keine sexuellen Beziehungen zu engen Verwandten hat, läuft über den Geruchssinn – auch, wenn das bewusst gar nicht wahrgenommen wird.“ Nach Angaben von Pause können Menschen gegenseitig das Immunsystem riechen. Menschen mit ähnlichem Immunsystem vermeide man als Liebespartner, sagte Pause. <BR /><BR />Das mache Sinn: Partner mit möglichst unterschiedlichen Immunsystemen könnten auch viele unterschiedliche Gene an ihren Nachwuchs vererben.<BR />Bei Freundschaften ist es ganz anders: „Das bei weitem ähnlichste System zwischen Freunden ist die Genfamilie der geruchlichen Sinneszellen“, sagt Pause. „Freunde sind sich darin ähnlich, wie sie die Welt geruchlich wahrnehmen.“<BR /><BR />Was der Verlust des Riechens bedeuten kann, erlebt Hummel in der Klinik: „Die Menschen verlieren soziale Kompetenz, und manche werden unsicher“, sagt er. 2 Drittel der Patienten, die seine Praxis wegen Riechverlust aufsuchen, seien leicht depressiv.<h3> Ein Frühwarnsystem</h3>Ein Verlust des Geruchs kann viele Ursachen haben, etwa neurodegenerative Erkrankungen. „Es ist wie ein Frühwarnsystem, weil das oft schon passiert, bevor die typischen Symptome der Krankheit auftauchen, etwa die Verlangsamung bei Parkinson oder die Gedächtnisstörungen bei Demenzen“, sagt Berlit.<BR /><BR />Eine Studie zeigte 2017, dass rund 90 Prozent der Parkinson-Patienten im Frühstadium einen nachlassenden Geruchssinn erleben. Anhaltender Riechverlust kann auch die Folge einer Grippe-Infektion oder von Kopfverletzungen sein. Auch mit dem Alter lässt der Geruchssinn nach.<BR /> „Man kann auch ohne Geruchssinn gut durchs Leben kommen“, sagt Hummel. Einer von etwa 1000 Menschen könne von Geburt an nicht riechen. Patienten, die länger unter Riechverlust leiden, könne mit Riechtraining geholfen werden. Sie schnuppern monatelang morgens und abends an 4 Düften: Rose, Zitrone, Gewürznelke und Eukalyptus, weil die einen großen Teil des Riechspektrums abdecken.<BR /><BR />Nochmal Covid-19: Der Verlust des Geruchssinns ist das eine. Einige Betroffene beklagten Parosmien oder Phantosmien, sagt Berlit. „Für sie riecht alles verändert, oft unangenehm, oder sie nehmen attackenweise Gerüche wahr, die gar nicht vorhanden sind. Für viele sind diese Begleitsymptome störender als der Riechverlust selbst.“<BR />