Die aus Sterzing Wissenschaftlerin hat für ihre Habilitationsarbeit den mit 1500 Euro dotierten TUM-Habilitationspreis erhalten. Im Interview erläutert sie, warum im Gesundheitsbereich die Partizipation marginalisierter Gruppen immer wichtiger wird, wie diese konkret aussehen kann und wie sich die Rolle der Patienten ändert.<BR /><BR /><b>Frau Crepaz, welchen Fragen sind Sie bei Ihrer umfangreichen Habilitationsarbeit nachgegangen?</b><BR />Katharina Crepaz: Einer der Schwerpunkte betraf die Verbindung von politischer Teilhabe und Gesundheit. So bin ich der Frage nachgegangen, inwieweit soziale Determinanten – also Faktoren wie Geschlecht, Migrationshintergrund, Behinderung, Arbeitsumfeld oder Wohnort – einen Einfluss auf die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben haben. Denn damit hängen maßgeblich die Gesundheitsversorgung und Gesundheitschancen zusammen. <BR /><BR /><b>Das heißt, dass benachteiligte Menschen bzw. marginalisierte Gruppen einen schlechteren Zugang zu den Leistungen des Gesundheitssystems haben?</b><BR />Crepaz: Nun, wir müssen etwas weiter ausholen. Es geht hier um einen umfassenderen Gesundheitsbegriff, wie er von der Weltgesundheitsorganisation WHO definiert wird. Gesundheit ist nicht bloß die Abwesenheit von Krankheiten, sondern schließt psychisches und soziales Wohlbefinden mit ein. Wenn wir außerdem von einem partizipativen Ansatz im Gesundheitssystem sprechen, dann gestehen wir dem Patienten eine überaus aktive Rolle zu, gewissermaßen auf Augenhöhe mit den Ärzten. In dieser Hinsicht sorgt auch die Technologie für wesentliche Neuerungen.<BR /><BR /><b>Inwiefern?</b><BR />Crepaz: Beispielsweise kann der Patient mithilfe von spezifischen Apps gewisse Dinge kontrollieren und seine Gesundheit sozusagen überwachen – denken wir etwa nur an Diabetes-Apps. Diese Möglichkeiten werden vor allem in der Prävention immer wichtiger. Gerade deshalb ist die Einbindung von marginalisierten gesellschaftlichen Gruppen von großer Bedeutung. Denn sie sollen nicht in einer passiven Grundhaltung verharren, im Sinne von: Ich werde behandelt. Sondern: Ich bin informiert, involviert und kann teilhaben. Dieser Ansatz birgt natürlich große Herausforderungen, denn die Gesellschaft wird durch all die Prozesse der Diversifizierung zunehmend heterogener. <BR /><BR /><b>In Ihrer Forschung haben Sie sich auch mit der Situation in Bayern und Südtirol befasst. Mit welchen Ergebnissen?</b><BR />Crepaz: Ja, in einem Teilprojekt meiner Studie habe ich mich mit dem Zusammenhang von politischer Partizipation und Wohlbefinden von Menschen mit Behinderung befasst. Südtirol hat bereits ein inklusives Schulmodell, in Bayern wird das erst langsam zum Thema. Andererseits gibt es in Bayern mehr zielgruppenspezifische Angebote – beispielsweise Wahlprogramme von Parteien in leichter Sprache oder Gebärdensprache. <BR /><BR /><b>Letztlich ist es wünschenswert und wichtig, die bereits erwähnten marginalisierten Gruppen für die Teilhabeprozesse zu gewinnen, damit sie ein besseres Leben führen können. Wie soll man diese Mammutaufgabe anpacken?</b><BR />Crepaz: Wir sollten vom Ansatz der 17 SDG-Ziele der Vereinten Nationen ausgehen. Diese Ziele für nachhaltige Entwicklung bilden den Rahmen, sie stehen für eine stärkere Selbstbestimmung, Geschlechtergerechtigkeit und nachhaltige Lebensweisen weltweit. Die Thematik Gesundheit und Wohlbefinden für alle ist hierbei ein integrativer Bestandteil, jedoch sind diese 17 Ziele alle miteinander verbunden. <BR /><BR /><b>Bedeutet das etwa auch, dass man in Südtirol die vielen Menschen mit Migrationshintergrund gezielter ansprechen müsste, etwa in deren Sprache und auf allen möglichen Kanälen?</b><BR />Crepaz: Ja, hier könnte man stärker interkulturelle Mediatoren hinzuziehen. Allerdings wären zielgruppenspezifische Angebote wie in Deutschland wünschenswert, wo Personen aus den Migranten-Communities ausgebildet werden, um dann in den jeweiligen Gemeinschaften über Präventionsangebote informieren. Neben sprachlichen Barrieren müssen auch kulturelle bedacht werden. So werden beispielsweise in gewissen Ländern psychische Krankheiten noch stigmatisiert oder es wurden dort schlechte Erfahrungen mit Behörden gemacht. Gesundheitskompetenz korreliert auch mit dem sozialen Status, Menschen der unteren Einkommensschichten greifen weniger häufig zu Bioprodukten. Es gilt also, alle mitzunehmen, um die Gesundheitskompetenz gesamtgesellschaftlich zu erhöhen. In der Hochphase der Corona-Pandemie hat man die Wichtigkeit der Thematik sehr wohl erkannt. <BR /><BR /><b>Wegen der Verhaltensregeln?</b><BR />Crepaz: Genau, die AHA-Regeln wurden für verschiedene Zielgruppen aufbereitet und darüber in unterschiedlichsten Kanälen informiert. Ein Lied diente sogar als Anleitung zum richtigen Händewaschen.<BR /><h3> Zur Person</h3>Die aus Sterzing stammende Katharina Crepaz hat nach ihrem PhD in Politikwissenschaften an der Universität Innsbruck ihren Postdoc an der TU München (Lehrstuhl für Diversitätssoziologie) gemacht, zudem am Max- Planck-Institut für Sozialrecht und Sozialpolitik gelehrt. <BR /><BR />Seit März 2020 ist sie an der Eurac Bozen beschäftigt, seit Oktober am Center für Advanced Studies am UNESCO-Lehrstuhl von Roland Benedikter. Darüber hinaus ist sie Privatdozentin an der TU München (Lehrstuhl für soziale Determinanten der Gesundheit).<BR />