„In der Früh sagte ich mir immer: Heute lebe ich noch, heute bringe ich mich nicht um! Tag für Tag habe ich mich dazu entschieden, zu leben“, erinnert sich Cristina Grazioli an den dunkelsten Abschnitt ihres bisherigen Lebensweges. <BR /><BR /><BR /><BR />Mit Mitte 40 wollte sie sich selbst das Leben nehmen – und genau über dieses Thema – Suizid – hat sie ihre Doktorarbeit geschrieben: Cristina Grazioli, frühere Oberschullehrerin, veröffentliche mit 56 Jahren ihre Dissertation zum Thema „Wenn die Nacht zu lange wird – Lebensbejahung und Suizid“. 20 Jahre lang hat sie unterrichtet – Philosophie, Psychologie und Pädagogik – an den Lehrerbildungsanstalten von Meran und Brixen. 2 Doktoratsstudien hat Grazioli erfolgreich abgeschlossen – Pädagogik mit 24 Jahren und Theologie mit 51 Jahren. Grazioli stammt aus Bozen und lebt seit 1977 in Brixen.<BR /><BR /><BR /><BR /><b>Mit Mitte 40, als Sie mit Ihrem 2. Studium – Theologie – beschäftigt waren, sind Sie in eine psychische Krise geraten, die Sie immer mehr in Depression und Suizidgedanken getrieben hat. Wie kam es dazu?</b><BR />Cristina Grazioli: Das hat bei mir schon in der Kindheit angefangen. Ich hatte damals ungünstige Lebensbedingungen. Zudem war ich als Kind schüchtern, zurückgezogen und gehorsam: Ich habe alles getan, was die anderen mir gesagt haben. Es gibt kein einziges Kindheitsfoto von mir, auf dem ich gelacht habe. Ich war schon damals eher depressiv. In jenen Jahren ist das nicht behandelt worden – niemand hat sich darüber Gedanken gemacht. Man hat sich wohl gedacht: Das Kind ist halt so. Während der Oberschule und während meines ersten Studiums – Pädagogik, Philosophie und Psychologie – ist es mir dann besser gegangen. Es tat mir gut, unter jungen Leuten zu sein.<BR />Mit Anfang 30, als ich unterrichtete, habe ich dann zum ersten Mal einen Psychiater aufgesucht. In dieser Zeit ist mein Vater gestorben – das ließ manches aus der Kindheit wieder hochkommen. Dann habe ich Medikamente bekommen. Mit diesen kam ich zurecht und es ging mir wieder besser. Ich hatte einen sehr guten Hausarzt: Diesen konnte ich jederzeit anrufen, wenn es mir nicht gut ging. Angerufen habe ich ihn einige Male – immer am Wochenende, wenn ich allein war.<BR /><BR /><b>Wer hat Ihnen dann später aus Ihrer Krise während des Theologiestudiums geholfen?</b><BR />Grazioli: Ich hatte damals, als ich mit dem Studium in Innsbruck beschäftigt war, vor allem im Frühjahr Krisen – im März. Anfang der 1990er Jahre war es besonders intensiv. Die Krise spitzte sich zu. Ich nahm die Welt um mich herum kaum mehr wahr, nichts sprach mich mehr an. Ich fühlte mich voll Leid und Schmerz. Innerlich war ich leer, ich war apathisch. Ich konnte nur mehr weinen. Zwischendurch sagte ich immer: Ich will nicht mehr leben – ich schrie es unter Schluchzen heraus. In diesem Moment war wichtig, dass eine Arbeitskollegin da war, die sich zufällig in Innsbruck befand.<BR /><BR /><embed id="dtext86-52816526_quote" /><BR /><BR /><b>Warum?</b><BR />Grazioli: Sie hat verstanden, dass sie mich nicht allein lassen durfte. Sie sagte zu mir: Du musst etwas tun, du musst zu jemandem gehen, der dir helfen kann. Ich ging zur Familienberatung, dort habe ich eine Therapie angefangen. Ich hatte wöchentliche Gespräche. Das hat mir geholfen, mich über Wasser zu halten. Die Therapeutin sagte mir, dass ich auch unbedingt medikamentöse Hilfe brauche. Geholfen haben mir dann auch die Medikamente. Manche Menschen wehren sich gegen Medikamente – ich habe mich nicht gewehrt. Geholfen hat mir auch, dass ich Tag für Tag gelebt habe. In der Früh sagte ich mir immer: Heute lebe ich noch, heute bringe ich mich nicht um! Tag für Tag habe ich mich dazu entschieden, zu leben. Weiter als bis zum nächsten Tag konnte ich nicht denken.<BR /><BR /><b>Was ist dann passiert?</b><BR />Grazioli: Ich habe mir gesagt: Ich bereitete mich auf die nächste Prüfung für mein Theologie-Studium vor, obwohl ich keine Lebensperspektive hatte. So habe ich weitergemacht, bis ich auch mithilfe der Medikamente wieder die Kraft hatte, zu leben. Geholfen hat mir auch, dass ich meine Gedanken schriftlich verarbeitet habe. Ich habe immer viel geschrieben. Deshalb habe ich auch meine Dissertation zum Thema Suizid gewählt. Es hat mir gutgetan, mich auseinander zu setzen mit der Frage „Will ich leben oder will ich sterben?“. Ich kam dann zum Ergebnis: Eigentlich will ich leben. Ich habe durch die wissenschaftliche Aufarbeitung auch verstanden: Der Suizidgedanke ist eigentlich ein Hilfeschrei, der lautet: „Ich kann nicht mehr anders: Wenn mir niemand hilft, dann mache ich Schluss.“ Aber Menschen mit Suizidgedanken wollen eigentlich leben. Sie können jedoch so nicht mehr leben, in dieser Situation, in der sie sich gerade befinden. Sie müssen etwas ändern. Weil sie nicht wissen, was sie ändern sollen, machen dann manche total Schluss. Mir hat geholfen, dass ich Hilfe gesucht habe. Ich habe nicht aufgegeben. Ich bin damals sicher den Leuten auf die Nerven gegangen, aber das war mir wurscht. Ich habe überall um Hilfe gesucht – bei Ärzten und Freunden. Einige Menschen in meiner Nähe haben mich mit viel Geduld begleitet. Ich konnte sie jederzeit anrufen und sie haben sich meiner angenommen. Als ich dann mit etwa 56 Jahren meine Dissertation veröffentlicht habe, war es auch mein offizielles und endgültiges Ja zum Leben. Das hat mich noch einmal bestätigt: Mit der Veröffentlichung sage ich es der ganzen Welt. Sehr geholfen hat mir auch, dass ich einen Partner gefunden und geheiratet habe – mit 55 Jahren.<BR /><BR /><b>Sie leiten seit dem Jahr 2000 Selbsthilfegruppen für Menschen mit Depression und Angst..</b><BR />Grazioli: Ja, zeitweise habe ich bis zu 3 Gruppen geleitet – derzeit leite ich noch eine Gruppe in Brixen. Diese Gruppen werden vom Verein Lichtung geführt.<h3> Selbsthilfegruppe gibt Kraft</h3><b>Wie laufen denn Treffen in solchen Selbsthilfegruppen ab?</b><BR />Grazioli: Es beginnt mit einer Anhörrunde: Jeder erzählt, wo er jetzt steht und wie es ihm geht. Damit hört man die Probleme – und ich versuche dann heraus zu hören, welches das wichtigste Problem ist – und das machen wir dann zum Thema. Jeder in der Gruppe kann sich dazu äußern. Manche haben schon ähnliche Erfahrungen gemacht. Die Betroffenen erhalten Ratschläge, was sie versuchen könnten. Nicht nur der Betroffene erhält damit Hilfe, sondern auch die anderen in der Gruppe. Die Selbsthilfegruppe gibt den Teilnehmern wieder Kraft. Es wird nach Lösungsmöglichkeiten gesucht. Am Schluss gibt es einen Moment der Stille: Es wird darüber nachgedacht, was alles gesagt worden ist. Dann stellt man sich die Frage: Was davon ist mir wichtig? Was will ich versuchen? Was habe ich gelernt? Und: Habe ich noch eine Frage? Diese Frage wird dann beim nächsten Mal behandelt. Meist gehen die Gruppenteilnehmer zufrieden auseinander – mit dem Gefühl: Jetzt habe ich wieder etwas gelernt. <BR /><BR /><b>Eine Selbsthilfegruppe allein wird aber nicht reichen – es braucht wohl ein Bündel an Maßnahmen, oder?</b><BR />Grazioli: Ja. Die Selbsthilfegruppe ist kein Ersatz für Therapie oder Medikamente, sondern ein dritter Pfeiler neben diesen beiden. Alles zusammen hilft wirklich. Ich merke: Es hilft, wenn die Teilnehmer in der Gruppe wirklich mitmachen und sich getrauen, von sich zu reden, an sich arbeiten, und dann versuchen, die Impulse, die sie von den anderen erhalten, umzusetzen. Wenn sich jemand selbst nicht einbringt, dann bringt der Besuch bei einer Selbsthilfegruppe nichts – solche Teilnehmer bleiben dann weg und kommen nicht mehr.<BR /><BR /><embed id="dtext86-52816527_quote" /><BR /><BR /><b>Was hilft Suizid-gefährdeten Menschen am meisten?</b><BR />Grazioli: Nicht allein gelassen zu werden. Ich sage den Teilnehmern der Gruppe immer: Sie brauchen einen oder 2 Menschen, die sie jederzeit anrufen können: einen Freund, einen Priester – wen auch immer. Dann verfliegen schwierige Momente oft schnell wieder. Und wer wirklich niemanden hat, der sollte die Notrufnummer 112 anrufen. Diese Möglichkeit besteht immer. Es ist wichtig, jede Hilfe in Anspruch zu nehmen, die es gibt.<BR /><BR /><b>Sind wir als Gesellschaft zu unsensibel gegenüber Signalen von Menschen, die sich das Leben nehmen könnten? Haben wir die Fähigkeit verloren, auf Menschen in Krise zu achten?</b><BR />Grazioli: Ja. Es herrscht dabei oft auch eine große Hilfslosigkeit: Wir nehmen solche Botschaften und Signale wahr, wissen dann aber oft nicht, was tun. Es ist wichtig, solche Menschen anzusprechen und zu fragen: „Geht es dir nicht gut? Denkst du auch daran, dir das Leben zu nehmen?“ Wichtig ist es, solche Menschen zum Reden zu bringen und mit ihnen im Gespräch zu bleiben. Nichts tun ist das Falsche. Es ist wie bei der Ersten Hilfe. Manche haben Angst vor der Herzdruck-Massage. Der einzige Fehler, den man machen kann, ist aber nichts zu tun. <BR /><BR /><b>Warum nehmen sich Männer häufiger das Leben als Frauen?</b><BR />Grazioli: Frauen trauen sich mehr als Männer, Hilfe zu holen. Bei Männern herrscht noch die Vorstellung vor, der Starke sein zu müssen. Hilfe zu holen, heißt auch, Schwäche zuzugeben und damit tun sich Männer schwerer. In Selbsthilfegruppen sind die Frauen meist in der Mehrzahl, aber zurzeit sind in meiner Gruppe mehr Männer als Frauen. <BR /><BR /><b>Ist Depression noch immer mit sehr viel Scham behaftet?</b><BR />Grazioli: Ja. Es besteht beispielsweise bei der Arbeit die Angst, von Vorgesetzten dann nicht mehr ernst oder für voll genommen zu werden. Deshalb wollen es manche am Arbeitsplatz verbergen. Das erschwert dann oft die Hilfesuche. <BR /><BR /><b>Was würden Sie sich für Südtirol wünschen, um das Versorgungsangebot für Menschen in psychischer Not zu verbessern?</b><BR />Grazioli: Es wäre hilfreich, wenn das Zentrum für psychische Gesundheit einen Not-Telefondienst einrichten würde für die Zeit, wenn es geschlossen ist – nachts und am Wochenende.<BR /><BR /><BR /><BR />HIER FINDEN SIE HILFE<BR /><BR /><b>Psychologischer Dienst24 h:</b><BR /> Bozen 0471/43 50 01<BR />Meran 0473/25 10 00<BR /> Brixen 0472/81 31 00<BR /> Bruneck 0474/58 62 20<BR /><BR /><b>Telefonseelsorge:</b><BR />0471/052 052 rund um die Uhr; <BR />online: www.telefonseelsorge-online.bz.it<BR /><BR /><b>Young and Direct:</b><BR />am Telefon: 0471/1 55 15 51 E-Mail: online@young-direct.it<BR /> Whatsapp 345/0 81 70 56.<BR /><BR /><b>Verein Lichtung:</b><BR />Tel. 0474/530266<BR /><BR /><BR /><BR />