„Als Patienten erwarten wir uns zu Recht, dass wir aus einem Gespräch mit dem Arzt herauskommen und verstanden haben, welches Leiden wir haben und welche weiteren Schritte uns bevorstehen“, sagt Dr. Guido Schumacher. <BR /><BR />Als Arzt weiß er aber auch, dass diese Erwartung häufig nicht erfüllt wird. „Ich habe nichts verstanden“, „Wie geht es mit mir weiter?“, „Kann ich noch ein normales Leben führen?“ – Das seien typische Fragen von Patienten nicht nur nach der Diagnosestellung, sondern auch nach einem Aufklärungsgespräch beim Arzt, mit dem eigentlich alles über die Diagnose und Behandlung besprochen wurde. „Offenbar kommen wichtige Informationen bei den Betroffen häufig nicht an“, sagt Dr. Schumacher. <BR /><BR />Man müsse sich also fragen, was falsch laufe. Hören die Betroffenen nicht richtig zu? Waren sie zu sehr im Stress, dass der Kopf für solche Neuigkeiten und Informationen nicht aufnahmefähig war? Ist das Umfeld nicht optimal für ein Gespräch gewesen? Hat sich der Arzt nicht genug Zeit genommen? War die Sprache nicht für einen medizinischen Laien geeignet? Fehlte die Kompetenz des Arztes?<BR /><BR /><embed id="dtext86-65217484_quote" /><BR /><BR />Es ist und bleibe die Aufgabe eines Arztes, dafür zu sorgen, dass sich die Patienten gut aufgeklärt fühlen. Dafür müssten bestimmte Dinge beachtet werden, sagt der Primar. Schon nach wenigen Minuten müsse der Arzt wissen, welchen Typ Mensch er vor sich habe. Nicht jeder Mensch sei gleich, man unterscheide 4 ziemlich gegensätzliche Typen: den Nähe-, den Distanz-, den Dauer- und den Wechseltyp (siehe mehr dazu weiter unten). <BR /><BR />„Das ist ein grobes Raster, wobei es natürlich auch Mischtypen gibt. Den Patienten richtig einzuschätzen, ist zentral, um Fehler in der Kommunikation zu vermeiden, die zu Unzufriedenheit und Missverständnis beim Patienten führen können“, sagt Dr. Schumacher. <h3> Mehr als nur Vermittlung von Informationen</h3>Müssen beim Gespräch schlechte Nachrichten übermittelt werden, etwa die Diagnose Krebs, setze sich beim Patienten ein Prozess der Verarbeitung in Gang, der in 5 Phasen ablaufe (siehe eigene Meldung). Auch das müsse der Arzt beim Gespräch beachten. „Diese Phasen treten nicht nach einem festen Zeitschema auf“, erklärt Dr. Schumacher. „Sie sind von Patient zu Patient unterschiedlich stark ausgeprägt, können alleine oder gemischt auftreten, tauchen immer wieder auf und halten unterschiedlich lange an.“ Je nachdem, in welcher Phase sich ein Patient befinde, bekomme ein Arzt auf unterschiedliche Weise einen Zugang zu ihm. „Das Gespräch in der Verärgerungsphase wird anders verlaufen als in der Depressionsphase.“<BR /><BR />Ebenso entscheidend für ein erfolgreiches Gespräch ist der aktuelle körperliche Zustand des Betroffenen. In welcher Phase der Erkrankung und der Behandlung befindet sich die Patientin oder der Patient? Handelt es sich um das Überbringen einer schlechten Diagnose? Ist das Leiden heilbar oder nicht? Wird der Patient Dauerschäden davontragen? Geht es um die Planung der weiteren Schritte? Ist die Behandlung bereits erfolgt, so dass „nur“ noch die Nachbetreuung und Begleitung notwendig ist?<BR /><BR />Gespräche zwischen Ärzten und Patienten seien viel mehr als nur die Vermittlung von Informationen, sagt Dr. Guido Schumacher. „Natürlich ist das Ziel, eine Diagnose zu übermitteln, die erforderlichen Untersuchungen aufzulisten und über eine bevorstehende Operation oder Chemotherapie zu reden.“ Dies dürfe aber nicht heruntergeleiert werden, damit das Gespräch abgehakt werden kann. „Das Entscheidende ist das, was bei Patienten und Angehörigen ankommt. Dazu braucht es viel mehr“, betont der Primar. Auch gelinge es nicht, alles in einem einzigen Gespräch zu bereden. Dennoch sei das Erstgespräch von besonderer Bedeutung. „Nach einem oder mehreren guten Gesprächen wissen Patientin oder Patient und die Angehörigen, welche Erkrankung vorliegt, was auf sie zukommt, wer sie behandelt, wie lange es ungefähr dauert und wie der Endzustand voraussichtlich sein wird.“ Dann sollte auch ein Großteil der Angst beseitigt und Vertrauen aufgebaut worden sein. Auch sollte die Bereitschaft für weitere Gespräche vorhanden sein. <h3> Bedeutung der nonverbalen Kommunikation</h3>Neben der verbalen ist auch die nonverbale Kommunikation wichtig. Daher sollte das Gespräch in einem geschlossenen Raum stattfinden, in dem keine weiteren Menschen ein- und ausgehen, die Atmosphäre sollte Ruhe ausstrahlen, ebenso der Arzt. Das Telefon müsse ausbleiben, der Blick auf die Uhr vermieden werden. Der Patient sollte das Gefühl haben, dass sich der Arzt ausreichend Zeit nimmt. <BR /><BR />„Wenn möglich, sollten Angehörige am Gespräch teilnehmen“, sagt der Chirurg. „Um die Persönlichkeit, die psychische Lage und die Aufnahmefähigkeit der Patienten gut beurteilen zu können, sollte der Arzt den Schilderungen der Patienten zunächst in Ruhe zuhören. Auch das intellektuelle Niveau, an das sich dann das Gespräch anpassen muss, wird so schnell verstanden. Erst dann wird der Arzt die Gesprächsführung übernehmen“, so Dr. Schumacher. Wichtig dabei sei, eine einfache Sprache zu verwenden, eher langsam zu sprechen, Sprechpausen einzulegen und immer wieder Teile des Gesprächs zusammenzufassen. Das gelte auch für hoch gebildete Akademiker, die nicht aus dem medizinischen Bereich kommen.<BR /><BR />Natürlich gehöre zum Gespräch auch, fachliche Kompetenz auszustrahlen. „Ich erläutere die Anatomie und die geplante Operation gerne anhand von Bildern, die ich im Computer oder auf Tafeln in einem Ordner für jede Operation griffbereit habe. Wenn es sich nicht um eine Standardoperation handelt, zeichne ich gerne auf einem Blatt Papier. Diese visuelle Darstellung wird in der Regel viel besser verstanden als die rein verbale Erläuterung“, erklärt Dr. Schumacher.<h3> Für den Patienten ansprechbar bleiben</h3>Im Verlauf einer Erkrankung werden meist mehrere Schritte durchlaufen wie Diagnostik, Operation, Chemotherapie und Nachsorge. „Das alles wird mit ungefähren Zeitangaben besprochen. Die Betroffenen müssen dabei über mögliche Zwischenfälle wie Komplikationen ehrlich aufgeklärt werden. Am Ende des Gesprächs vereinbare ich den nächsten Termin, so dass ich mich mit den Patienten nur auf den jeweils nächsten Schritt konzentriere“, sagt der Primar. <BR /><BR />Er hat die Erfahrung gemacht, dass es durch umfassende Erläuterungen und Zuhören in der Regel gelinge, so viel Vertrauen aufzubauen, dass jede Art der Therapie angegangen werden könne. „Gerade bei der zunehmenden Spezialisierung werden Patienten immer mehr von verschiedenen Ärzten behandelt. Oft wird der Arzt von den Patienten nach dem guten ersten Gespräch dennoch auch langfristig als Vertrauensperson bestimmt, auch wenn er nicht mehr an der Behandlung teilnimmt.“ Er selbst bleibe weiterhin ansprechbar, was Patienten sehr gerne annehmen. „Wenn das Vertrauen da ist, werden auch Zwischenfälle wie eine Komplikation oder Nebenwirkungen verstanden und akzeptiert“, sagt Dr. Guido Schumacher.<h3> 4 Typen von Menschen</h3>Nach dem Riemann-Thomann-Modell kann man 4 Typen von Menschen unterscheiden (aus Regine Heiland, „Weil Worte wirken: Wie Arzt-Patienten-Kommunikation gelingt. Theorie - Praxis – Übungen“; Kohlhammer Verlag). <BR /><BR /><b>Der Nähe-Typ</b>: Diese Menschen zeichnen sich dadurch aus, dass sie gerne mit anderen im Wartezimmer kommunizieren, sich für das Zu-spät-Kommen entschuldigen und die Tränen nicht verstecken. Sie wollen niemandem zur Last fallen. Kurz die Hand oder den Arm berühren empfinden sie als Wärme und Zugewandtheit.<BR /><BR /><b>Der Distanz-Typ</b>: Er liest im Wartezimmer in der Zeitung, damit er nicht mit den anderen reden muss. Er ist aus dem Internet bereits gut informiert und sucht beim Arzt nur Bestätigung dessen, was er schon weiß. Er zeigt keine Gefühle und möchte nicht berührt werden.<BR /><BR /><b>Der Dauer-Typ</b>: Diese Menschen wollen immer alles genau wissen, ein fester Therapieplan wird strikt eingehalten und dokumentiert, Tabletten werden pünktlich eingenommen. Veränderung wird als unangenehm angesehen. <BR /><BR /><b>Der Wechsel-Typ</b>: Er mag strikte Verhaltensregeln nicht. Er ist offen für Veränderungen des Therapieplans oder für eine Studienteilnahme. Die Tabletteneinnahme wird öfter vergessen, die Pünktlichkeit lässt zu wünschen übrig. Bei Kritik der Unzuverlässigkeit wird er eher den Arzt wechseln als sein Verhalten. <h3> 5 Phasen der Verarbeitung einer Nachricht</h3><Unterzeile></Unterzeile><BR />Erhält ein Patient eine schlechte Nachricht, wird diese in 5 Schritten verarbeitet, erklärt Dr. Guido Schumacher.<BR /><BR />Die erste Phase der Nachrichtenverarbeitung ist durch Ungläubigkeit gekennzeichnet: „Sicher wurden meine Befunde verwechselt.“<BR /><BR />Danach kommt es zur zweiten Phase des Ärgerns und der Wut, was teilweise mit aggressivem Verhalten einhergeht: „Warum ausgerechnet ich?“, „Wer ist Schuld?“ In dieser Phase müssten Familie und Freunde, aber auch Pflegepersonal und Ärzte oft als Blitzableiter dienen, weiß Dr. Guido Schumacher. <BR /><BR />In der dritten Phase ist der Patient bereit zu verhandeln: „Ok, wenn ich Sport mache und gesund esse, werde ich wieder gesund.“ <BR /><BR />Die vierte Phase ist durch Trauer und Depression gekennzeichnet. Es wird realisiert, dass es sich um eine schwere Krankheit handelt. Beim Patienten kommt Angst auf, der Mut schwindet. <BR /><BR />In der fünften Phase ist die Nachricht verarbeitet, man kann wieder klare Gedanken fassen. Es werden Pläne geschmiedet.