Mindestens jeder zehnte Senior in Südtirol ist von dieser Krankheit betroffen. Pillen und Psychiater braucht es nicht zwingend. Mit ein paar Veränderungen im Lebensumfeld der Senioren kann viel erreicht werden.<BR /><BR /><b>Wie steht es um die psychische Gesundheit von Südtirols Senioren?</b><BR />Dr. Christian Wenter: Das große Thema der psychischen Gesundheit im Alter ist die Depression. Psychische Störungen nehmen im Alter grundsätzlich exponentiell zu, häufig kombiniert auch mit mentalen Problemen. Unter den Problematiken bei älteren Menschen ist die Depression aber das zentrale Thema. <BR /><BR /><b>Gibt es konkrete Zahlen, wie viele Senioren im Land an einer Depression leiden?</b><BR />Dr. Wenter: Wenn wir davon ausgehen, dass in der Allgemeinbevölkerung 2 bis 7 Prozent an einer depressiven Störung leben, so sprechen wir bei den Senioren von 10 bis 12 Prozent. Es ist sehr abhängig von den Lebensumständen. Sehr konzentriert hat sich das Phänomen auf die Seniorenwohnheime. Depression im Alter ist von der Häufigkeit her ein großes Thema.<BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="822134_image" /></div> <BR /><BR /><b>Inwiefern?</b><BR />Dr. Wenter: Es gibt natürlich Menschen, die ihr Leben lang depressive Störungen gehabt haben und die haben sie dann meistens auch noch im Alter. Im Alter sind die schweren Krisen vielleicht nicht mehr so schwer wie im Erwachsenenalter und die Intervalle werden etwas länger. Der weit größere Teil an Depressionen manifestiert sich erstmals im Alter nach 65, 70 oder auch noch nach 80. Diese Form der Depression ist für die alten Menschen extrem belastend und aus ärztlicher Sicht nicht so leicht zu erkennen. <BR /><BR /><b>Wie manifestiert sich eine Altersdepression?</b><BR />Dr. Wenter: Manchmal habe ich das Gefühl, es ist bei den Senioren fast eine andere Krankheit als die Depression im Erwachsenenalter. Altersdepression manifestiert sich auf völlig andere Art als beim Erwachsenen. Depression beim Erwachsenen ist vordergründig, depressive Verstimmung, Lebensüberdruss, Aussichtslosigkeit, Energielosigkeit. Bei älteren Menschen steht das meist überhaupt nicht im Vordergrund, sondern körperliche Beschwerden, wie Kopfweh, Bauchschmerzen, Schwindelgefühl, Herzbeschwerden. Sehr sehr häufig sind es auch kognitive Beschwerden wie Vergesslichkeit. Wenn alle Untersuchungen keine Erklärung für die körperlichen Beschwerden ergeben, kann man von einer Depression ausgehen. 50 Prozent der Patienten, die vom Hausarzt mit Verdacht auf eine Demenz- oder Alzheimererkrankung zur Abklärung zum Facharzt geschickt werden, haben keine Demenz. Die häufigsten haben eine depressive Verstimmung. <BR /><BR /><embed id="dtext86-56505457_quote" /><BR /><BR /><b>Gibt es bestimmte Auslöser für eine Altersdepression?</b><BR />Dr. Wenter: Die Stressfaktoren nehmen im Alter im Vergleich zu einer anderen Lebensphase um ein Vielfaches zu. Die Leute im Umfeld sterben weg, Trauerereignisse sind im Alter wesentlich häufiger. Das ist natürlich extrem belastend. Aber auch der Verlust der sozialen Rolle belastet stark. Typisches Beispiel ist das Ausscheiden aus dem Berufsleben. Das ist für sehr viele ein einscheidender Moment. Man hat plötzlich keine Aufgabe, keine Funktion, keine soziale Rolle mehr, der Tag keine Struktur mehr. Auch das immer häufigere Alleinbleiben und die Angst, anderen zur Last zu fallen, belastet. Gar nicht zu reden von den gesundheitlichen Einschränkungen und körperlichen Beschwerden. Hinzu kommt die Altersarmut, die in Südtirol schon voll angekommen ist. Ein Drittel unserer Pensionisten erhält nur die Mindestrente. Damit über die Runden zu kommen ist extrem schwierig und auch extrem demütigend. Man ist aus dem sozialen Leben ausgeschlossen, weil man es sich schlichtweg nicht mehr leisten kann. Das alles trägt dazu bei, dass man früher oder später zusammenbricht.<BR /><BR /><b>Gibt es einen Unterschied zwischen Frauen und Männern?</b><BR />Dr. Wenter: Frauen sind weit exponierter als die Männer. Sie haben meist eine längere Lebenserwartung als ihr Partner und auch nicht ein so starkes soziales Netzwerk wie man oft meint. Die höhere Lebenserwartung führ auch dazu, dass sie mit mehr Gebrechlichkeit in der letzten Lebensphase rechnen müssen. Anders sieht es beim Suizid im Alter aus: Von den offiziell registrierten Suiziden über 80 Jahren sind es in 7 von 10 Fällen Männer. Da wirkt sich das beim Mann sehr stark aus. Die ganz schweren Verläufe sind stark männlich geprägt. Alt und lebensmüde ist ein großes Thema. Bei älteren Menschen ziemlich stark im Steigen ist der latente Suizid. Menschen, die irgendwann sagen, ich kann nicht mehr, beginnen absichtlich zu verwahrlosen, ihre Medikamente nicht mehr einnehmen, sich absichtlich nicht mehr ernähren. Solche Tendenzen sehen wir täglich. <BR /><BR /><b>Was tun, wenn ich merke, dass mit Oma oder Opa was nicht stimmt?</b><BR />Dr. Wenter: Ich würde unbedingt zu einer Beratung durch den Hausarzt raten. Abzuklären ist, ob es eine organische Erkrankung für die Veränderung verantwortlich, oder ob diese auf der psychischen Ebene ausgelöst worden ist. Sehr viele Krankheiten, führen nämlich auch bewusst oder unbewusst zu einer psychischen Störung. Und das muss erst einmal ausgeschlossen werden. Wenn jemand eine chronische Krankheit hat, muss man sowieso damit rechnet, dass er zu einer Depression neigt.<BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="822137_image" /></div> <BR /><BR /><b>Wenn die Diagnose Altersdepression erst einmal steht, wie kann Betroffenen geholfen werden?</b><BR />Dr. Wenter: Man kann den Patienten sehr sehr gut helfen. Es muss längst nicht jeder zum Psychiater. Es gibt Medikamente, gerade die neueren Antidepressiva sind im höheren Alter und mit Begleiterkrankungen sehr sehr gut handzuhaben. Depressionstherapie kann aber nie nur eine medikamentöse Therapie sein. Es braucht immer auch einen psychotherapeutischen Ansatz. Oft reichen kleine Veränderungen im persönlichen Umfeld des Betroffenen, um es der Person zu erleichtern, mit ihrer Situation umzugehen. Gibt es Besuchsmöglichkeiten, gibt es die Möglichkeit einen Anschluss an eine Vereinigung, an eine Seniorentagesstätte, nimmt man sich eine Haushaltshilfe ins Haus. Fehlernährung ist typisch. Das kann mit Seniorenmensa oder Essen auf Rädern gelöst werden. Auch physische Aktivität ist sind enorm wichtig. Allein schon durch die genannten Möglichkeiten kann man einer Person helfen, aus ihrer schwierigen Situation herauszufinden. <BR /><BR /><b>Und wie sieht es mit Psychopharmaka aus?</b><BR />Dr. Wenter: Man sollte nicht scheuen, eine Depression medikamentös zu begleiten. Wenn, dann sollten es aber Antidepressiva und nicht Beruhigungsmittel sein. Auch sollte das nur kurzzeitig während einer Krise eingesetzt werden. Wichtig dabei: Antidepressiva brauchen im höheren Alter aber 30 bis 40 Tage bis sie wirken und die volle Wirkung hat man nicht vor 2 Monaten. Sehr häufig nehmen die Menschen die Medikamente 10 Tage und lassen sie dann wieder weg, weil sie sagen, die bringen ja eh nichts. Ein erster Behandlungsversuch sollte über ein Jahr gehen, sonst gibt es leicht einen Rückfall.<BR /><BR /><b>Ein Besuch beim Psychiater ist aber unumgänglich oder?</b><BR />Dr. Wenter: Bestimmte, auch hochaltrige Personen, sollten unbedingt zum Facharzt in die Psychiatrie gehen, wie z.B. die klassischen psychiatrischen Patienten mit einer bipolaren Störung. Auch bei Depressionen, die mit psychotischen Zügen einhergehen, wie Halluzinationen, Verfolgungsängste, und bei einer Ankündigung, dass sie sich etwas antun wollen, sollten Senioren unbedingt zum Psychiater. Und nicht zuletzt sollten auch jene älteren Menschen zum Facharzt, die depressiv sind und zu einem Substanzmissbrauch neigen.<BR /><BR /><BR />HILFE IN SEELISCHEN NOTLAGEN<BR /><BR />1. Notfalldienste<BR /><BR /><b>Notrufnummer</b> 112<BR /><b>Notfallpsychologie:</b><BR />rund um die Uhr: 366/620 94 03<BR /><b>Psychologischer Dienst 24 h</b>:<BR /> Die psychologischen Dienste<BR /> sind rund um die Uhr erreichbar: <BR />Bozen 0471/435001, Meran 0473/251000, Brixen 0472/813100 und Bruneck 0474/586220 <BR /><BR />2. Beratungsdienste<BR /><BR /><b>Telefonseelsorge:</b> 0471/052 052; täglich rund um die Uhr, <BR />onlineberatung: www.telefonseelsorge-online.bz.it <BR /><b>Telefono amico:</b> 02/23 27 23 27; täglich von 10-24 Uhr; <BR />whatsApp: 345/0 36 16 28 von 18-21 Uhr; <BR />www.telefonoamico.it (Beratung in ital. Sprache) <BR /><BR /><BR /><BR />