<b>Frau Rosentreter, das Volksleiden Demenz bekommt immer mehr Aufmerksamkeit, wohl vor allem deshalb, weil es immer mehr Menschen betrifft. Was aber macht eine Demenz-Aktivistin?<BR /></b>Sophie Rosentreter: Wenn man bedenkt, dass es allein in Deutschland offiziell 1,9 Millionen Menschen mit Demenz gibt und sich diese Zahl in den kommenden zehn Jahren verdoppeln wird, dann ist klar, dass wir uns damit auseinandersetzen müssen. Leider wird es vielfach in den Medien noch einseitig negativ dargestellt. Somit ist Demenzaktivismus eine Form von Aktivismus: Ich möchte zur Aufklärung über die Krankheit beitragen, denn es ist ein Thema, das uns alle angeht. Manchmal hat es den Anschein, als ob man die Leute vor lebensnahen Themen wie Pflege, Krankheit, Demenz oder Tod in Schutz nehmen müsste. Dabei gehören sie mitten unter die Gesellschaft und somit auch in die Schule.<BR /><BR /><b>Damit verbunden ist auch der Umgang mit Demenz. Was können Sie betroffenen Angehörigen empfehlen?</b><BR />Rosentreter: Wichtig ist Sichtbarkeit. Gerade am Anfang einer Diagnose sollte man innerhalb der Familie darüber sprechen – natürlich auch mit dem oder der Betroffenen selbst. Nur so kann man erfahren, wie es sich anfühlt und welche Art von Unterstützung sich die Betroffenen wünschen. Den einen Königsweg im Umgang mit Demenz gibt es nicht, die Angehörigen und Pflegenden müssen immer erst für sich den richtigen Weg finden. Empfehlenswert ist sicherlich der Austausch in Selbsthilfegruppen. <BR /><BR /><b>Warum engagieren Sie sich in dieser Sache?</b><BR />Rosentreter: Seit ich das mache, habe ich erstmals das Gefühl, eine Berufung zu haben und nicht nur einen Beruf. Das hat mit der Tiefe der Thematik zu tun. Wir geben etwas und bekommen sehr viel zurück. Ich begegne wildfremden Menschen mit Demenz, halte ihre Hände, zeige meine Zuwendung und da kann es vorkommen, dass wir uns anschauen wie das schönste Liebespaar. Es sind also diese Mikromomente der Verbundenheit, die einem zeigen, was das Menschsein ausmacht. <BR /><BR /><b>Demenz entwickelt sich immer mehr zum Volksleiden. Welche sind die wichtigsten Ursachen?</b><BR />Rosentreter: Eine Ursache ist natürlich die Alterung der Gesellschaft. Aber es geht darüber hinaus. Lebensumstände wie Rauchen, Alkohol, wenig Bewegung oder Einsamkeit begünstigen eine Erkrankung. Gewissermaßen ist Demenz ein Spiegel unserer Gesellschaft. <BR /><BR /><b>Hintergrund:</b><b>Mehr Unterstützung für Menschen mit Demenz</b><BR />Anlässlich des diesjährigen Welt-Alzheimer-Tages stellt der Verein Alzheimer Südtirol ASAA die Situation von Menschen mit Demenz und ihren Angehörigen in den Mittelpunkt. Unter dem Motto „Ohne Sie (sie) wären wir alle viel ärmer“ soll auf die wachsende Zahl der Betroffenen und auf die Herausforderungen im Alltag aufmerksam gemacht werden. Zum Auftakt der Aktion war die Hamburger Demenzaktivistin Sophie Rosentreter zu Gast. <h3> Veranstaltung zum Welt-Alzheimertag: Montag, 19 Uhr in Gärtnerei Schullian </h3>Durch die Demenzerkrankung ihrer Großmutter setzte sie sich zunehmend mit dem Thema auseinander. Sie berichtete über ihre Erfahrungen und ihren persönlichen Zugang zum Thema Alzheimer. Am heutigen Montag, 21. September, folgt um 19 Uhr in der Gärtnerei Schullian in Bozen eine weitere Veranstaltung. Zu Gast ist Letizia Espanoli, Begründerin des „SenteMente“-Modells, das für einen positiv ausgerichteten Ansatz in der Begleitung und Betreuung von Menschen mit Demenz steht. <BR /><BR />Für 2026 legt ASAA einen Katalog von Forderungen vor. Im Mittelpunkt stehen eine frühzeitige Diagnose und Therapie, ein besserer Zugang zu nicht-medikamentösen Angeboten, qualifizierte Pflege und Betreuung, mehr gesellschaftliche Teilhabe sowie eine bessere Begleitung von Betroffenen und Angehörigen nach der Diagnose. Auch die Ausbildung von Ärzten, Pflegekräften und Therapeuten müsse stärker auf die Besonderheiten von Demenzerkrankungen ausgerichtet werden. „Die Zahl der Betroffenen wird aufgrund des demografischen Wandels weiter steigen“, betont ASAA-Präsident Ulrich Seitz in einer Aussendung.<BR /><BR /> Politik und Gesellschaft müssten deshalb rechtzeitig Angebote und Unterstützungsstrukturen schaffen. Zum Welt-Alzheimer-Tag wird außerdem das von der Liedermacherin Barbara Zanetti komponierte Lied „Vergissmeinnicht“ als Dank an Menschen mit Demenz und ihre Angehörigen vorgestellt.