Dr. Christian Thuile spricht im Interview mit s+ über die häufigsten Ernährungsfehler, die Nachteile von Säureblockern und die Vorteile von PCR-Tests bei der Darmkrebs-Vorsorge.<BR /><BR /><b>Warum ist der Darm so wichtig?</b><BR />Dr. Christian Thuile: Der Darm muss unseren gesamten Körper mit Nährstoffen versorgen. Er ist in der Mitte des Körpers, gut verstaut. 8 Meter „Kabel“ haben dort Platz. Der Darm hat Hunderte Funktionen und ist auch verantwortlich für die Aufnahme der Vitamine und Spurenelemente, der Kohlenhydrate, Eiweiße und Fette.<BR /><BR /><b>Was fasziniert Sie am Darm?</b><BR />Dr. Thuile: Vielleicht die Tatsache, dass der Darm unglaublich wichtig ist in Bezug auf unsere Gesundheit und das Wohlbefinden. Gerne wird der Darm auch auch als zweites Gehirn bezeichnet. Praktisch ist er eine zentrale Schaltstelle in unserem Körper, die nicht nur das Gemüt beeinflusst, sondern ganz entscheidend auch das Abwehrsystem.<BR /><BR /><b>Warum ist das richtige Kauen von Speisen so wichtig?</b><BR />Dr. Thuile: Die gesamte Verdauung beginnt im Mund und nicht im Darm. Indem ich gut kaue, bereite ich die Verdauung gut vor. Ich speichle den ganzen Brei ein. Vom Speichel werden dabei bereits Stoffe abgegeben, die anfangen, die Lebensmittel in kleinste Stücke zu zerlegen. Diese Aufteilung ist dann bereits eine Riesen-Erleichterung für den Magen. Nicht umsonst sagt man: Wenn man nicht gut kaut, liegt das Essen schwer auf dem Magen. Denn das Essen muss dann viel länger im Magen bleiben und der Magen muss dann die Zerkleinerungsarbeit übernehmen, die vorher bereits Mund und Zähne hätten durchführen müssen. Das ist eine stärkere Belastung für den Magen. Der Magen braucht dann mehr Säure, um das Essen zu zerlegen, er muss länger kneten und alles wird schwerer verdaulich. Und nicht zu vergessen: Diese Säure hat auch eine gewisse Aggressivität gegenüber Magen und anderen Verdauungsorganen.<BR /><BR /><b>Was ist die Folge?</b><BR />Dr. Thuile: Es kann zu Sodbrennen kommen, oder, wenn die Säure weitergeht in den Zwölffingerdarm, dann können dort Entzündungen entstehen. Die bekannteste Entzündung ist die der Magenschleimhaut – die Gastritis. Es kann auch zu Entzündungen der Speiseröhre oder des Zwölffingerdarms kommen. Solche Entzündungen sind oft vermeidbar.<BR /><b><BR />Wie?</b><BR />Dr. Thuile: Durch sehr gemütliches Kauen. Man sollte sich beim Essen nicht ablenken lassen durch Handy, Fernsehen oder Reden über stressige Dinge oder Geschäftliches. Wenn man in der Hektik gefangen ist, kaut man nie gut. Und dann kommt noch ein zweiter Nachteil dazu, wenn wir nicht gut kauen. Im Speichel befinden sich unheimlich viele Antikörper. Diese bilden die erste Schiene der Abwehr: Was nicht in den Magen-Darm-Trakt gehört, wird von diesen Antikörpern bereits neutralisiert. Die Salzsäure im Magen ist dann der zweite wichtige Abwehrschenkel gegen Bakterien, die uns ansonsten krank machen können. Wer die Säure blockt, sollte einen guten Grund dafür haben, denn durch Säureblocker wird indirekt auch das Abwehrsystem geschwächt: Es ist weniger Säure da und die Desinfektion des Speisebreis wird weniger gut durchgeführt.<BR /><BR /><b>Welche konkreten Tipps geben Sie beim Kauen?</b><BR />Dr. Thuile: Man sollte so etwa 25- bis 30-mal kauen, bevor man schluckt. Das tut bei uns natürlich keiner. Durchschnittlich wird oft sogar nur 4- bis 5-mal gekaut.<BR /><BR /><b>Was ist typischerweise die Ursache für einen geblähten Bauch und Völlegefühl?</b><BR />Dr. Thuile: Dafür gibt es viele Ursachen. Aber alles kann schon wieder mit dem Kauen beginnen: Wer zu schnell isst, schluckt auch zu viel Luft. <BR /><BR /><b>Was tut dem Darm nicht gut?</b><BR />Dr. Thuile: Schwer verdauliche Lebensmittel fordern den Darm mehr heraus, zum Beispiel sehr fette Lebensmittel. Paniertes ist eine extreme Herausforderung. Das Verdauungssystem des Körpers ist auch nicht scharf auf jede Menge Süßigkeiten – diese können dem Körper nachhaltig schaden. Auf Unverträglichkeiten ist zu achten: Lebensmittel mit Laktose, Weizen oder Klebereiweiß sind für den einen Gift, für den anderen Top-Nahrungsmittel. Diese Unverträglichkeiten sind abzuklären.<BR /><BR /><b>Und was mag der Magen-Darm-Trakt überhaupt nicht?</b><BR />Dr. Thuile: Ungesunden Lebensstil. Der Darm liebt die Regelmäßigkeit bei den Essenszeiten und bei der Ruhe. Gar nicht mag er den Stress. Die Leute haben viel zu viel Stress und Druck: Diese beeinflussen ganz tiefgreifend unsere Verdauung. Chronischer Stress ist extrem ungesund und hat starke Auswirkungen auf unser Wohlbefinden und unsere Verdauung. Es bilden sich mehr Gase und die Verdauung läuft oftmals unregelmäßig ab. Es kommt dann auch zu Verstopfung oder unregelmäßigem Stuhlgang bis hin zum klassischen Reizdarm-Syndrom.<BR /><b><BR />Schlagen auch seelische Belastungen auf den Darm?</b><BR />Dr. Thuile: Ja, absolut. Ein klassisches Beispiel sind Ängste. Diese wirken sich auch auf den Darm aus. Bei Prüfungsstress wird manchen übel, man bekommt sogar Durchfall und wir müssen oft zur Toilette laufen. Das ist eine typische Schnellreaktion zwischen Gehirn und Darm, die eng miteinander gekoppelt sind. Es kann auch vorkommen, dass der Stuhl nicht mehr verfestigt wird und weich bleibt. <BR /><BR /><b>Ab einem Alter von 50 Jahren stellt sich bei der Darmkrebs-Vorsorge die Frage: Darmspiegelung – Kolonoskopie – oder Stuhl-Untersuchung...</b><BR />Dr. Thuile: Die Kolonoskopie ist der einzige Standard zur Vorsorge für den Dickdarm, um Tumor-Entstehungen rechtzeitig zu erkennen. Polypen können entfernt werden, noch bevor sie bösartig werden. Das Screeningverfahren, bei dem Stuhl auf Blut untersucht wird, ist eine Methode, die sich in der Zwischenzeit extrem verbessert und erweitert hat. Die Covid-Diagnostik hat auch zu dieser Entwicklung beigetragen. Man macht heute PCR-Tests dazu. Man schaut nicht nur, ob Blut oder bestimmte Eiweiße enthalten sind, sondern auch, ob im Stuhl Krebs-Gene vorkommen. Das kann man über PCR-Tests ganz genau feststellen. Wenn man bei dieser Untersuchung etwas findet, dann hat man eine über 95-prozentige Heilungschance, noch bevor es überhaupt zu einer Entartung kommt.<BR /><BR /><b>Ist es in Südtirol bereits möglich, solche PCR-Tests durchzuführen?</b><BR />Dr. Thuile: Diese Tests sind möglich. Sie werden derzeit von privaten Strukturen angeboten. Die kostenlos angebotene Standarduntersuchung ist aber nach wie vor, ob Blut im Stuhl ist. Für mich ist das ein wenig genaues Verfahren – fast ein wenig ein Tappen im Dunkeln: Man sucht nach einem Tumor, aber ein Tumor muss nicht immer bluten. Und: Auch Hämorrhoriden bluten. Diese Methode ist sehr unspezifisch, ungenau und wiegt den Menschen oft in falscher Sicherheit. Die Kolonoskopie ist hingegen eine ganz andere Kategorie von Untersuchung. Mit einer gut verlaufenen Kolonoskopie hat man 10 Jahre sozusagen das TÜV-Siegel drauf, oder – wenn man älter ist – dann immer noch zwischen 5 und 7 Jahren.<BR />