<b>Von Christoph Höllrigl</b><BR /><BR />Dass Geist und Körper zusammenhängen, weiß die Medizin seit jeher. Chronischer Stress hinterlässt etwa biologische Spuren. Dass aber auch die Angst vor dem Altern so wirken kann, ist neu und nun belegt mit einer Studie der New York University <i>(siehe Infobox unten)</i>.<BR /><BR />„Was mich dabei am meisten beeindruckt“, so Francesca Schir, Präsidentin der Psychologenkammer der Provinz Bozen: „Die Angst, weniger attraktiv zu werden oder weniger fruchtbar zu sein, spielt auf Zellebene keine Rolle. Was zählt, ist die Angst vor Krankheit.“ Und damit nicht genug: „Diese Angst wird heute noch verstärkt durch ein Gesundheitssystem mit langen Wartezeiten und weniger Angeboten. Die Angst vor dem Altern ist auch die Angst, krank zu werden und sich keine Behandlung leisten zu können“, so Schir.<BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1320906_image" /></div> <BR />Die Studie zeigt jedenfalls, dass Altersangst nicht nur ein psychologisches Problem ist, sondern echte gesundheitliche Folgen haben kann – was in den Blutproben der Studienteilnehmerinnen nachgewiesen wurde. Damit werde klar, so formuliert es Dr. Christian Wenter, bis 2023 Geriatrie-Primar in Meran und aktuell u.a. Vorsitzender der KVW-Senioren, „dass die Lebenseinstellung bzw. die Lebenshaltung Auswirkungen auf die organische Gesundheit hat.“ <BR /><BR />Dr. Wenter geht davon aus, dass der Zusammenhang zwischen der Angst vor dem Altern und dem biologischen Altern grundsätzlich für alle Geschlechter gilt. Ein Faktor könne jedoch bei Frauen verstärkend hinzukommen: „Wer kranke Angehörige pflegt oder erlebt, dass das Altern mit Krankheiten und Gebrechlichkeiten einhergeht, fragt sich unweigerlich: Wird mir das selbst auch bevorstehen?“ Und wer pflegt die Angehörigen meist? Frauen. Francesca Schir unterstreicht dazu: „Frauen übernehmen die Pflege oft zusätzlich zur Berufstätigkeit. Sie sehen den Verfall täglich. Das ist der Boden, auf dem diese Angst wächst.“<h3> Fakten zeichnen anderes Bild</h3>So berechtigt die Sorge vor Krankheit im Alter sein mag. „Sie ist<BR />getrieben von falschen Einschätzungen über das Älterwerden“, mahnt Dr. Christian Wenter: „Die Datenlage sagt nämlich etwas ganz anderes. Ein guter Teil der Bevölkerung kann auf ein sehr langes Leben hoffen. Und der Gesundheitszustand im höheren Alter hat sich in den vergangenen Jahrzehnten sehr stark gebessert.“ <BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1320909_image" /></div> <BR />Natürlich nehme die Wahrscheinlichkeit von Krankheit mit zunehmendem Alter zu, so Dr. Wenter, „aber es ist doch so, dass nur rund 14 Prozent aller Hochaltrigen betreuungs- und pflegebedürftig sind.“<h3> Die Abwertung des Alters</h3>Der ehemalige Geriatrie-Primar beklagt die stereotype Reduzierung des Alters auf Gebrechlichkeit, Krankheit und Verlust in unserem Kulturkreis: „Dieses verbreitete, negative Altersbild führt dazu, dass die Menschen immer mehr zur Einsicht kommen, dass dies für jeden Einzelnen unausweichlich ist.“ Francesca Schir kennt die Problematik aus fachlicher Sicht nur allzu gut: „Es gibt ein Wort, das Psychologen seit Jahrzehnten kennen, das aber kaum jemand benutzt: Ageismus. Es ist das Vorurteil gegenüber älteren Menschen. Oder gegenüber sich selbst als zukünftige Alte. Man sieht es in Werbungen für Anti-Aging-Cremes. Man hört es in Gesprächen, die den Ruhestand wie ein Ende behandeln.“<BR /><BR />Nicht zuletzt in den Medien würden im Zusammenhang mit Alter allzu oft nur negative Aspekte behandelt: Zunahme der Pflegebedürftigen, daraus resultierender Fachkräftemangel, überbordende Gesundheits- und Pflegekosten … Die negative gesellschaftliche Haltung – oft genug verstärkt durch Berichterstattung – gelte es also kritisch zu hinterfragen bzw. zu überwinden, betonen die Experten. „Es braucht einen Wandel in unserer Kultur“, sagt etwa die Präsidentin der Psychologenkammer.<h3> Was also tun? Die Ratschläge</h3>Vor allem auf individueller Ebene gelte es, die eigene Einstellung zum Alter zu überdenken. „Es geht darum, die Vorstellungen von der eigenen Lebenskurve ein bisschen realistischer zu bewerten und diesen Lebensabschnitt, der sehr vielen von uns bevorsteht, erfüllend zu leben – so, wie wir es in den Lebensabschnitten zuvor machen“, unterstreicht Dr. Christian Wenter, der außerdem rät, den Wert des fortgeschrittenen Alters zu erkennen und zu schätzen: „Wir müssen diesen Lebensabschnitt so gestalten, dass er sinnstiftend ist, dass wir konkrete Ziele anstreben und dass es nicht nur ein Ausklingen dieses Lebens ist.“ Das reiche von Hobbys über Beziehungen bis hin zum organisierten Volontariat.<BR /><BR />Francesca Schir fügt hinzu: „Und wir sollten ein anderes Verhältnis zum eigenen Körper entwickeln – ihn als Begleiter durchs Leben sehen, nicht als Beweis für Jugendlichkeit.“ Die Präsidentin der Psychologenkammer empfiehlt zudem eine Art Übung: „Wir sollten ältere Menschen in der eigenen Umgebung anschauen und auch Schönheit sehen. Nicht nur Verfall. Wer das lernt, hat schon viel gewonnen. Und man sollte früh damit anfangen. Nicht erst mit 70.“<BR /><BR /><embed id="dtext86-75067280_listbox" />