Rosalia* (Name von der Redaktion geändert) ist 94 Jahre alt. Seit sie vor 4 Jahren in ihrer Küche schwer gestürzt ist und sich dabei mehrere Wirbel gebrochen hat, leidet sie unter heftigen Rückenschmerzen. Kein Medikament konnte ihr Linderung verschaffen, bis Dr. Roberto Pittini der Patientin ein alternatives Heilmittel empfahl. Jetzt nimmt sie das Medikament seit 3 Jahren, „und es geht mir gut“, sagt sie. <BR /><BR /> Die gebrochenen Wirbel sind verheilt, die notwendige Operation hat sie gut überstanden. Aber die Muskeln im Bereich der verletzten Wirbel schmerzen seither. „Das ist ein sehr starker Schmerz und länger als eine halbe Stunde konnte ich nicht mehr auf den Beinen sein“, erzählt sie. Ein ganzes Jahr lang musste Rosalia mit den Schmerzen leben, bis ihr endlich geholfen werden konnte. <BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="776534_image" /></div> <BR />Erst war sie skeptisch, denn Cannabis kannte auch sie nur als Droge. Doch sie ließ sich überzeugen. Mittlerweile nimmt sie das Medikament seit 3 Jahren: „Die Schmerzen sind nicht komplett weg, aber so, dass ich damit leben kann und das Leben noch genießen“, sagt die 94-jährige, selber Medizinerin. Besonderen Wert legt sie auf die Feststellung, dass das Medikament keinerlei Rauschzustand hervorruft. „Das ist keine Droge, es hat keine halluzinogene Wirkung“, betont sie. <h3> Teuer und nicht immer erhältlich</h3>Sie nimmt das Cannabis in Form von Tropfen ein, möglichst sparsam. Erstens weil sie nie weiß, wie lange der Flakon aufgrund der Lieferengpässe reichen muss und zweitens, weil das Medikament mittlerweile richtig teuer geworden ist. Einfach in irgendeine Apotheke gehen und die Tropfen holen, das geht – anders als bei anderen Medikamenten – nicht. Mal hat „ihre“ Apotheke Cannabis, aus der sie die Tropfen herstellen kann. Ein anderes Mal nicht. <BR /><BR />Dann muss die 94-Jährige nach einer Alternative suchen, oft genug müsste sie quer durch Südtirol fahren, um die Apotheke aufzusuchen, die die knappen Blüten gerade haben. „Ich kann zum Glück meinen Sohn schicken, ich selber kann solche Fahrten nicht mehr unternehmen“, berichtet sie. Manchmal gibt es aber auch gar nirgends in Südtirol therapeutisches Cannabis. Und dann kehren die Schmerzen zurück. <BR /><BR /> Dr. Roberto Pittini gilt unter Südtirols Ärzten als ein Experte für therapeutisches Cannabis. Im Interview erklärt er, warum die Skepsis gegenüber dem Heilmittel vor allem in der Politik sehr groß ist und wie Patienten auch in Südtirol darunter leiden. <BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="776537_image" /></div> <BR /><b>Für welche Patienten/Erkrankungen ist der Einsatz von therapeutischem Cannabis sinnvoll?</b><BR />Dr. Roberto Pittini: Das therapeutische Cannabis ist sehr vielfältig einsetzbar. Laut israelischen und kanadischen Studien könnten ca. 1,3 Prozent der Bevölkerung vom medizinischen Cannabis in vielen Krankheitsbilder profitieren. Besonders indiziert ist es in der Schmerztherapie. Aber auch bei Nervendysfunktionen wie etwa der Parkinson-Erkrankung erzielt man gute Resultate. Es wird aber auch begleitend zu Chemotherapien eingesetzt, um die Nebenwirkungen zu mildern. Vielfach wird es auch bei Multipler Sklerose verschrieben. Und da es Appetit anregend wirkt, ist es bei starkem ungewolltem Gewichtsverlust indiziert. Die Liste ließe sich noch lange fortsetzen. <BR /><BR /><b>Woran liegt es dann, dass es vergleichsweise sehr selten verschrieben wird?</b><BR />Dr. Pittini: Das hat verschiedene Gründe. Aber eigentlich hängen sie alle mit den Vorurteilen gegenüber Cannabis zusammen, die sind noch sehr groß – von Seiten der Ärzte, der Patienten der Politik. <BR /><BR /><b>Und die sind völlig unbegründet?</b><BR />Dr. Pittini: Absolut. Das Suchtpotenzial von Cannabis liegt etwa auf dem Niveau von Koffein, und damit deutlich unter dem von Nikotin oder Alkohol. Zudem gibt es bei Cannabis auch keine tödliche Gefahr einer Überdosierung. Ganz anders als bei fast allen anderen Medikamenten und Wirkstoffen. Das heißt nicht, dass eine zu hohe Dosis nicht unangenehme Nebenwirkungen haben kann. Die Dosierung muss man individuell einstellen. Dabei fängt man stets sehr schwach dosiert an. <BR /><BR /><b>Wieso gilt Cannabis dann als gefährliche Droge – und ist für den nicht therapeutischen Gebrauch illegal?</b><BR />Dr. Pittini: Aus wissenschaftlicher Sicht gibt es dafür kaum eine Begründung. Cannabis war lange Zeit ein verbreitetes Hausmittel, das man bis zum Zweiten Weltkrieg in vielen Apotheken kaufen konnte.<BR /><BR /><embed id="dtext86-54628593_quote" /><BR /><BR /><BR /><b>Warum hat sich das geändert?</b><BR />Dr. Pittini: Das hat mit der amerikanischen Geschichte und insbesondere mit der Diskriminierung bestimmter Bevölkerungsgruppen dort zu tun. Raucher-Saloons wurden damals hauptsächlich deswegen verboten, weil sich dort die schwarze Bevölkerung getroffen hat. Man hatte Angst, bei diesen Treffen könnten Aufstände angezettelt werden. <BR /><BR /><b>Zurück zur Medizin. Diese Vorurteile führen auch dazu, dass die Verschreibung nicht ganz einfach ist.</b><BR />Dr. Pittini: Grundsätzlich dürfte man therapeutisches Cannabis zu Lasten des Gesundheitssystems nur dann verschreiben, wenn andere Behandlungen nicht möglich bzw. wirkungslos sind. Also nur als ultima ratio, in manchen Fällen aber leider zu spät. In bestimmten Fällen ist es aber möglich – dank der ehemaligen Landesrätin Martha Stocker – es als rotes Rezept – also zu Lasten des Gesundheitssystems – verschrieben zu bekommen. Doch damit sind die Probleme noch nicht gelöst.<BR /><BR /><b>Was steht einer Therapie dann noch im Weg?</b><BR />Dr. Pittini: Neben der schwierigen Zubereitung vor allem die enormen Versorgungsengpässe. Es gibt in Europa nur einen großen Produzenten, mit Sitz in den Niederlanden. Der Import läuft über den Staat. Und der bestellt derzeit für das gesamte Staatsgebiet im Jahr lediglich 250 Kilogramm. Und auch das vom Verteidigungsministerium in Florenz angebaute Cannabis ist noch viel zu wenig. Man hat deshalb jetzt eine Ausschreibung gestartet, um zusätzliche Produzenten – unter strenger staatlicher Kontrolle – zu finden. An der könnte sich beispielsweise auch die Laimburg beteiligen. Aber die Politik scheint nicht recht zu wollen. Für die Patienten bedeutet das, dass sie sich laufend informieren müssen, welche Apotheke gerade über therapeutisches Cannabis verfügt. Oftmals nehmen sie weite Strecken dafür in Kauf. Oft gibt es aber auch nirgends welches, und sie müssen die Therapie unterbrechen.<BR /><BR /><BR />