<b>Von Elisa Steiner</b><BR /><BR />Eltern wollen ihren Kindern das bestmögliche Leben bieten und sie vor den Gefahren der Welt schützen. Ein zutiefst menschliches und nachvollziehbares Bedürfnis. Doch was, wenn die Fürsorge Überhand nimmt? Wissenschaftliche Studien zeigen klar, dass übermäßige Kontrolle Kindern schadet: Sie entwickeln seltener die Fähigkeit, Frust auszuhalten, Gefühle zu regulieren oder sich selbst zu beruhigen. <BR /><BR />Die Folgen reichen oft bis ins Erwachsenenalter und können psychische Probleme begünstigen. Über das Phänomen der sogenannten Helikopter-Eltern hat s+ mit der Psychologin und Psychotherapeutin Marlene Munter von der Familienberatungsstelle „Lilith“ Meran gesprochen. <BR /><BR /><b>Frau Munter, wie erklären Sie sich als Expertin das Phänomen der Helikopter-Eltern?</b><BR />Marlene Munter: Die Erscheinung der Helikopter-Eltern dürfte in den 1990er-Jahren erstmals in den USA als solche erkannt und benannt worden sein. Anfänglich bezog sich der Begriff auf die Helikopter-Mutter, da in erster Linie die Mütter die Rolle der Erziehenden innehatten. Später wurde er auf beide Elternteile ausgedehnt. Helikopter-Eltern sehen es als ihre vorrangige Erziehungsaufgabe an, dem Kind alle eventuellen Stolpersteine aus dem Weg zu räumen, um ihm dadurch möglichst zu einem sozialen und ökonomischen Aufstieg zu verhelfen. Die Eltern kreisen ständig um ihre Kinder, sie überwachen und behüten sie und sind bestrebt, auch das soziale Umfeld der Kinder im Kindergarten und in der Schule andauernd zu kontrollieren.<BR /><BR /><b>Fürsorge an sich ist ja nicht schlecht. Ab wann genau wird es „zu viel“ des Guten?</b><BR />Fürsorgliche Eltern sind „ausreichend gute Eltern“. Damit schließe ich mich der Theorie von Donald Winnicott an, dem Begründer der Kinderpsychotherapie, der diesen Begriff bereits 1965 geprägt hat. Ein wesentliches Element der Eltern-Kind-Beziehung ist der Kreislauf von Beziehungsabbruch und Beziehungswiederherstellung. Die Erziehungshaltung von überfürsorglichen Eltern ist hingegen von Überbehütung und exzessiver Einmischung in die Angelegenheiten des Kindes geprägt. Überfürsorgliche Eltern haben beispielsweise Schwierigkeiten, dem Grundschulkind den Schulweg zuzutrauen, und begleiten es daher bis zum Schultor. Oder sie wagen nicht, das Kind aus dem Elternzimmer ins Kinderzimmer umzuquartieren, um es nicht den Ängsten vor Dunkelheit und Alleinsein auszusetzen. Hinter diesen Haltungen verbergen sich oftmals eigene Verlusterfahrungen und bestimmte Bereiche, die nun auf das Kind projiziert werden.<BR /><BR /><b>Hat sich das Verhalten der Überfürsorge in den vergangenen Jahren verändert? Konkret: Ist es in der heutigen Gesellschaft mehr geworden?</b><BR />Bei der Helikopter-Elternschaft handelt es sich um ein gesamtgesellschaftliches Problem, das immer stärker auftritt. Die Anforderungen, die Eltern heute erleben, dürften wohl einzigartig in der Geschichte sein: Eltern sollen ihre Partnerschaft und ihr Elternsein völlig neu erfinden. Bis vor einem halben Jahrhundert wurden die Beziehungsmodelle, die die eigenen Eltern vorgelebt hatten, im Großen und Ganzen übernommen und wiederholt. Der starke Wunsch oder gar Zwang nach Individualisierung verlangt dem Einzelnen immer mehr Strukturierung und Leistungswillen ab. In diesem Sinne werden auch die Kinder zu einem Projekt und dem Projekt Elternschaft soll zum Erfolg verholfen werden, indem alles für die bestmögliche Entwicklung des Kindes unternommen wird.<BR /><BR /><b>Das heißt, die Eltern der heutigen Zeit sind mit ganz anderen Herausforderungen konfrontiert als früher?</b><BR />Mit der Globalisierung und mit dem Ausbrechen aus traditionellen Zusammenhängen sind immer mehr Familien auf der Welt verstreut und auf sich allein gestellt. Das sprichwörtliche Dorf, das zum Erziehen eines Kindes notwendig wäre, um der Überforderung der Familien entgegenzuwirken und den Kindern Spielräume außerhalb der Familie und außerhalb der kontrollierenden elterlichen Blicke zur Verfügung zu stellen, fehlt. Die Eltern sind häufig auf sich allein gestellt und es fehlt an greifbaren Vorbildern, die als Orientierung dienen könnten. Dies führt zu einer großen Verunsicherung.<BR /><BR /><b>Wie schätzen Sie die Lage hier bei uns in Südtirol ein: Gibt es viele Helikopter-Eltern?</b><BR />Statistische Zahlen kenne ich keine – aber wenn ich auf meine mittlerweile über 25-jährige Tätigkeit in der Familienberatungsstelle zurückblicke, komme ich sehr wohl zur Einschätzung, dass auch in Südtirol die Helikopter-Eltern auf dem Vormarsch sind. Auch hier sind es in erster Linie sozial und wirtschaftlich besser gestellte Familien, die ihre Kinder überbehüten und gleichzeitig alles daran setzen, sie optimal frühzeitig zu fördern, um das Allerbeste für die Kinder und für sich selbst zu erreichen.<BR /><BR /><b>Was sind die größten Probleme und Gefahren, die durch eine Überbehütung entstehen können?</b><BR />Die größte Gefahr liegt wohl darin, dass die Kinder eine „erlernte Hilflosigkeit“ entwickeln und dadurch große Schwierigkeiten haben, erwachsen und unabhängig zu werden. Wenn die kindlichen Kompetenzen untergraben werden, weil die Eltern ständig präsent sind, kann das Kind keine Selbstwirksamkeit erfahren. Es bleibt abhängig, und die Wahrscheinlichkeit, depressive Symptomatiken und Ängste zu entwickeln, nimmt zu. Auch selbstverletzendes Verhalten kann als Versuch gedeutet werden, dem Druck der Leistungsoptimierung oder dem Kontrollwunsch der Erwachsenen zu entfliehen.<BR /><BR /><b>Wie kann diese Überfürsorge vermieden werden?</b><BR />Es geht um die Auseinandersetzung mit sich selbst, um die Konfrontation mit den eigenen Ängsten und Unsicherheiten. Diese Reflexionsarbeit wird idealerweise mit beiden Elternteilen gemacht. Ratsam ist so viel wie möglich über sich selbst und über das eigene Kind zu reflektieren. Authentizität gilt als Schlüssel für gelingende persönliche Beziehungen. Sie bedeutet, durch Verhalten und Kommunikation zu zeigen, wer man wirklich ist, statt in eine fremde Rolle zu schlüpfen.<BR /><BR /><embed id="dtext86-75156358_listbox" />