<b>Von Martina Hofer</b><BR /><BR />Ein jugendlicher Fußballer, der auf dem Platz zusammenbricht und stirbt, oder ein junger Familienvater, der nach einem Infarkt am Arbeitsplatz nie mehr heimkommt. Meldungen wie diese erschüttern. Doch bei aller Tragik um den Verlust eines vermeintlich gesunden Menschen – noch tragischer ist die Tatsache, dass 50 Prozent dieser Todesfälle durch Prävention von Risikofaktoren vermieden werden könnten.<BR /><BR />Darauf wies Dr. Veronika Sanin u.a. bei ihrem Referat in Berlin hin. Im Axel-Springer-Haus stand die 38-jährige Medizinerin aus St. Pauls am Podium des ersten „Herzgipfels“ der „BILD“. <BR /><BR />Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach, Bildungsministerin Bettina Stark-Watzinger sowie 100 Experten aus Medizin, Wissenschaft, Forschung und Politik folgten ihren Ausführungen. „Ein interessantes Publikum“, wie Sanin selbst fand. Herzrasen aber bekam sie deshalb nicht. „Ich halte deutschlandweit Vorträge, und eine gewisse Routine ist schon da“, merkt sie an. Die Fachärztin für Innere Medizin und Kardiologie arbeitet und forscht nämlich schon seit 2014 am Deutschen Herzzentrum in München. <BR /><BR />Zehn Jahre, in denen die gebürtige Margreiderin nicht nur vom Unterland zu ihrem Partner nach St. Pauls ins Überetsch gezogen ist und drei Kinder (Zwillinge mit 4,5 Jahren und den zweijährigen Felix) auf die Welt brachte, sondern auch zehn Jahre, in denen sie unermüdlich Sorge trug, dass ihr „erstes Baby“ laufen lernt. <BR /><BR />„Vroni“ nennt es sich und ist ein Früherkennungsprogramm, benannt nach ihrer Gründerin Veronika Sanin. Es soll helfen, Herzinfarktrisiken bei jungen Menschen frühzeitig zu erkennen und zu therapieren. Seine Geburtsstunde aber fußt auf einer traurigen Begebenheit.<h3> Herzinfarkt mit 35? Ohne mich!</h3>„Es war ein Sonntagvormittag, und ich hatte während meiner Ausbildungszeit Dienst auf der Intensivstation“, beginnt die engagierte Fachärztin zu erzählen. „Mit Hubschrauber wurde uns ein 38-jähriger Mann und junger Familienvater übergeben. Er hatte morgens mit seinem Hund das Haus für einen Spaziergang verlassen und wurde nach einiger Zeit leblos aufgefunden. Keine Vorerkrankungen, sportlich und scheinbar kerngesund“, erinnert sie sich zurück an dieses Schlüsselerlebnis. <BR />Denn obwohl der Mann intensivmedizinisch stabilisiert und sein Herz erfolgreich mittels Stents mit Sauerstoff versorgt werden konnte, erholte er sich nicht wie erwartet. Nach einigen Tagen musste man den Hirntod feststellen. Zurück blieb eine aufgelöste Ehefrau mit zwei kleinen Söhnen. „Ihr Blick brannte sich in mein Gedächtnis, und ich stellte mir die Frage: ‚Wäre dieser Tod vermeidbar gewesen?‘“ Die Antwort war für Dr. Sanin recht schnell klar. Sie lautete: „Ja!“ <BR /><BR />Der junge Mann war nämlich einer von 250 Personen in unserer Gesellschaft, die an Familiärer Hypercholesterinämie (FH) leiden. Eine Erbkrankheit, bei der es durch hohe Cholesterinspiegel zu atherosklerotischen Gefäßablagerungen kommt. Unbehandelt können Herzinfarkte bereits in jungen Jahren auftreten. „Hätte es ein entsprechendes Früherkennungsprogramm gegeben, könnte dieser Familienvater noch leben“, stellte Sanin fest und beschloss für sich: „Herzinfarkt mit 35? Ohne mich!“ Der Startschuss für „Vroni“. <h3> Bereits 222 betroffene Kinder identifiziert</h3>Geschätzte 300.000 FH-Betroffene gibt es allein in Deutschland. Weniger als fünf Prozent wissen jedoch um ihr hohes Risiko, einen vorzeitigen Herzinfarkt zu erleiden. Seit 2021 sind es aber ein paar mehr. Dank „Vroni“ können alle Eltern in Bayern seit drei Jahren ihre Kinder beim Kinderarzt kostenlos auf FH screenen lassen und bekommen bei einer frühzeitigen Diagnose eine entsprechende Therapie. Ein Meilenstein in der Herzinfarktprävention, der Sanin jedoch viel Herzblut gekostet hat. „Ob ich es heute noch einmal durchziehen würde, weiß ich nicht“, gibt sie ehrlich zu. Neben dem unermüdlichen Einsatz – auch während der Elternzeit – brauchte es einen langen Atem, um trotz Hürden und Reibereien nicht aufzugeben.<BR /><BR />„Ich saß abends im Studienzimmer und habe sogar selbst Infomaterial und Einwilligungserklärungen entworfen, die sehr kritisch von der Ethik- und Gendiagnostikkommission sowie nicht zuletzt vom strengen Datenschutzbeauftragten des Gesundheitsministeriums geprüft wurden“, erinnert sich Sanin. Dank des persönlichen Engagements und der wissenschaftlichen Fakten aber konnten die Kinder- und Jugendärzte schrittweise von der Notwendigkeit eines FH-Screenings überzeugt werden. So wurde aus der jungen motivierten Ärztin im kleinen Studienzimmer eine große „Vroni“-Familie und ein beeindruckendes interdisziplinäres Netzwerk. Bis heute wurden allein in Bayern 20.000 Kinder auf FH untersucht und 222 Kinder identifiziert. <h3> Screening in die Regelversorgung aufnehmen</h3>Sanins großes Ziel ist es nun, dieses Screening nicht nur in Bayern, sondern deutschlandweit in die Regelversorgung überzuführen. „Die gesetzlichen Grundlagen wurden nun geschaffen“, freut sich die Ärztin über ihr persönliches Treffen mit Lauterbach & Co. und findet Argumente wie Kosten und Aufwand haltlos. <BR /><BR />„Rechnet man die zwei Euro pro Test im Verhältnis zu den Geburtenraten auf, ist es kostengünstiger, als später Herzinfarkte zu behandeln. Da sprechen wir von 10.000 Euro pro Patient“, weiß die Fachärztin und hofft, Deutschland möge noch mehr in die Prävention investieren. Und Südtirol? Wohl eher in die Kommunikation – hört man Sanins persönliche Erfahrung.<h3> Südtirol noch in der Steinzeit</h3>Denn angesprochen auf ihre Heimatprovinz, schüttelt die engagierte Medizinerin – nur müde lächelnd – den Kopf: „Südtirol ist diesbezüglich leider noch in der Steinzeit.“ Auch sie konnte es nicht schaffen, dies zu ändern. <BR /><BR />„Nicht maulen, sondern machen, habe ich mir vor einiger Zeit gedacht und mein Projekt beim zuständigen Primar vorgestellt. Er sagte, man werde sich melden. Seitdem habe ich nichts mehr gehört. Auf die E-Mail an den Sanitätsdirektor kam nicht einmal eine Antwort“, stellt Sanin ernüchtert, aber auch bedauernd fest, hätte sie doch gerne hier irgendwann beruflich Fuß gefasst und das Screening auf Südtirol ausgeweitet.<BR /><BR />Denn: Der Zuspruch in Deutschland zeigt, dass „Vroni“ angenommen wird, funktioniert und Menschenleben rettet.<BR /><BR />International gilt das Programm bereits als Vorzeigemodell. „Paradox, dass ich mit Fachärzten in den Niederlanden und den USA mehr zu tun habe als mit jenen in Südtirol“, schließt Sanin mit dem Thema und konzentriert sich auf ihren Job in Deutschland.<h3> Mama ist in Berlin, Papa fährt zum Schwimmkurs</h3>Und dort gilt es, das Projekt weiter voranzutreiben und weitere Forschungen anzustellen, wenngleich die Lieben daheim oft auf die Ma<?TrVer> ma, Partnerin, Freundin und Tochter verzichten müssen. Denn zwei Tage die Woche fährt die fesche Ärztin regelmäßig nach München.<BR /><BR />Im Mai wird Dr. Sanin die Lipidambulanz im Deutschen Herzzentrum als Funktionsoberärztin übernehmen. „Das geht natürlich nur, weil ich eine großartige Familie und den besten Mann der Welt habe“, ist sie dankbar für die Unterstützung aus ih<?TrVer> rem Umfeld. „Ich bin nicht nur Mutter. Das möchte ich auch meinen Kindern vorleben, und so wei<?TrVer> le ich in Berlin, während mein Mann, ein Apfel- und Weinbauer, mit den Zwillingen zum Schwimmkurs fährt“, schildert Sanin den Alltag zwischen Kids und Karriere. <BR /><BR />Die zwei Großen kennen Mamas Arbeit aus den kindgerecht aufbereiteten „Vroni“-Broschüren und freuen sich immer über kleine Mitbringsel, wenn Mama von Kongressen kommt. Aus Berlin brachte Dr. Sanin aber nicht nur zwei Rätselhefte für die Zwillinge mit, sondern auch viel Anerkennung und einige Presseanfragen u.a. vom „Spiegel“, als sie am Freitag aus dem Flieger in Bozen stieg. <BR /><BR />Das Herz der bodenständigen Karrierefrau schlägt trotz Studium und Karriere im Ausland für ihre Heimat. „Mein ‚Tati‘ ist Bauer, ich bin in den Obstwiesen aufgewachsen und gehe auch heute auf unserem Hof gern in die Reben“, erzählt sie. Zwischen all den Publikationen und Fachexpertisen, an denen sie momentan arbeitet, der beste Ausgleich, um den oftmals erhöhten Puls des Lebens mit dem sanften Herzschlag der Natur wieder in den richtigen Rhythmus zu bringen.<BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1022532_image" /></div> <BR /><h3> Dr. Veronika Sanin im Interview</h3><b>„Vroni“ zielt darauf ab, die familiäre Vorbelastung einer sogenannten Hypercholesterinämie zu erkennen. Was ist das?</b><BR /><b>Dr. Veronika Sanin:</b> Die Familiäre Hypercholesterinämie (FH) ist eine vererbte Erkrankung, die zu stark erhöhten LDL-Cholesterinwerten im Blut führt. Es ist salopp gesagt, zu viel Fett im Blut. Dadurch kommt es frühzeitig zu Ablagerungen in den Blutgefäßen, wodurch bereits in jungen Jahren ernsthafte Komplikationen wie Herzinfarkte oder Schlaganfälle auftreten können. <BR /><BR /><b>Gibt es Risikogruppen?</b><BR />Wie man dem Namen der Erkrankung entnehmen kann, sind in der Regel mehrere Familienmitglieder betroffen, da der zugrunde liegende Gendefekt bei jedem Kind mit einer Wahrscheinlichkeit von 50 Prozent vorkommen kann. Die FH ist die häufigste vererbte Stoffwechselstörung und betrifft mindestens vier von 1000 Menschen. Daher ist ein Kaskadenscreening – d.h. die Untersuchung von erstgradigen Verwandten – essenziell und wird aktiv durch die „Vroni‘-Studie unterstützt. Ziel ist dabei, alle betroffenen Verwandten zu identifizieren und ihre Erbinformation untersuchen lassen. <BR /><BR /><b>Wie und warum testet man im Kindesalter?</b><BR />Durch einen kleinen Piks in die Fingerbeere kann aus wenigen Tropfen Blut das LDL-Cholesterin bestimmt werden. Das Kindesalter gilt als der optimale Zeitpunkt für das Screening, da die LDL-Cholesterinwerte in dieser Lebensphase die genetische Veranlagung am besten widerspiegeln. Haben Kinder erhöhte Cholesterinwerte, ist das ein starker Hinweis auf eine Mutation. Dann müssen weniger genetische Untersuchungen im Vergleich zu einem ähnlichen Screening bei Erwachsenen durchgeführt werden, um eine FH zu diagnostizieren. Darüber hinaus ermöglicht die frühzeitige Diagnose auch den früheren Beginn mit einer adäquaten Behandlung, um das Lebenszeitrisiko für schwerwiegende Herz-Kreislauf-Erkrankungen auf <BR />ein Niveau zu reduzieren, das der Allgemeinbevölkerung <BR />entspricht. <BR /><BR /><b>Was passiert, wenn durch „Vroni“ FH diagnostiziert wird?</b><BR />Kinder mit FH benötigen eine medikamentöse Therapie, meist eine Tablette am Tag. Langfristig sind regelmäßige Untersuchungen zur Überwachung der Herzgesundheit sowie des Therapieerfolgs, unter anderem mittels Blutwertkontrollen, erforderlich. Ernährung und ein gesunder Lebensstil beeinflussen den LDL-Spiegel bei FH nur marginal. <BR /><BR /><b>Wie geht es für „Vroni“ weiter?</b><BR />Wir möchten ein solides Fundament für ein flächendeckendes FH-Screening in ganz Deutschland schaffen. Angesichts der Bedeutung und bisherigen Erfolge wurde die Studie 2024, mit Unterstützung der Deutschen Gesellschaft für Kardiologie, der Deutschen Herzstiftung und der Schwiete Stiftung, in den Norden Deutschlands ausgeweitet und ein Studienzentrum in Hannover eingerichtet.<BR /><BR /><b>Wohin kann sich jemand in Südtirol wenden, wenn man diesbezüglich Klarheit haben möchte?</b><BR />Man sollte seinen LDL-Cholesterinspiegel testen lassen. Ist dieser bei Erwachsenen über 190, ist die Wahrscheinlichkeit für eine genetische Komponente hoch und sollte unbedingt abgeklärt werden. Dafür braucht man aber einen Arzt mit der nötigen Fachexpertise. Wir in München bieten mittlerweile eine genetische Onlineberatung an. Leider sind unsere Kapazitäten begrenzt, obwohl ich wirklich jedem versuche zu helfen, dem ich irgendwie helfen kann. Ich brenne einfach für meine Arbeit und liebe, was ich tue. <BR />