<BR /><BR />Nach Einschätzung der Deutschen Gesellschaft für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde (DGZMK) erlebt ein erheblicher Teil der Bevölkerung zumindest phasenweise Bruxismus. Exakte Zahlen sind schwer zu erheben, weil viele Betroffene nichts davon wissen. Oft ist es der Partner, der das Knirschen bemerkt, oder der Blick in den Spiegel, wenn Zähne kürzer erscheinen, feine Risse zeigen oder plötzlich empfindlich reagieren. Schätzungen der DGZMK zufolge ist etwa jeder Fünfte betroffen. Bruxismus kann bereits im Kleinkindalter beginnen, tritt am häufigsten aber im zweiten bis dritten Lebensjahrzehnt auf und nimmt mit zunehmendem Alter eher wieder ab. <h3> Stress als Motor</h3>Bruxismus ist kein reines Zahnproblem. Wurden früher vor allem fehlerhafte Zahnkontakte und Fehlstellungen als Hauptursachen angenommen, geht man heute vermehrt von einem komplexen Zusammenspiel aus psychischer Belastung, neurologischen Prozessen und individuellen Risikofaktoren aus. Besonders eng ist der Zusammenhang mit Stress: Wer Anspannung, Ärger oder Sorgen tagsüber nicht abbauen kann, verarbeitet sie mitunter nachts – über die Kaumuskulatur. <BR />Auch Schlafstörungen, Sodbrennen oder schlafbezogene Atmungsstörungen wie die Schlafapnoe werden laut DGZMK als mögliche Einflussfaktoren diskutiert. Hinzu kommen Nikotin, Alkohol, Koffein oder bestimmte Medikamente, die in das Nervensystem eingreifen, sowie genetische Veranlagungen.<h3> Zwei Formen</h3>Grundsätzlich unterscheidet man zwei Formen: das nächtliche Knirschen im Schlaf und das oft unbemerkte Zusammenpressen der Zähne am Tag. Letzteres geschieht nicht selten in hochkonzentrierten Momenten vor dem Bildschirm oder in angespannten Situationen. Gelegentliche Muskelaktivitäten im Schlaf sind nicht prinzipiell krankhaft – sie können sogar eine wichtige Funktion erfüllen: So kann das Vorschieben des Unterkiefers bei schlafbezogenen Atmungsstörungen dazu beitragen, die oberen Atemwege offenzuhalten. Bei Sodbrennen regen die typischen Muskelbewegungen die Speichelproduktion an und helfen, aufsteigende Magensäure teilweise zu neutralisieren. Problematisch wird es, wenn die Aktivität dauerhaft und übermäßig wird. Denn Bruxismus birgt eine Reihe von Gesundheitsrisiken: Die Kräfte, die beim dauerhaften Knirschen wirken, sind enorm – deutlich stärker als beim normalen Kauen. Der Zahnschmelz wird abgeschliffen, das darunterliegende weichere Dentin freigelegt. Zähne reagieren empfindlich auf Kälte oder Süßes. Im Extremfall drohen Risse, abgebrochene Zahnteile oder Schäden an Kronen und Implantaten.<h3> Nicht nur die Zähne leiden</h3>Durch die anhaltende Aktivität werden auch die Kaumuskeln kräftiger; sie können sich sichtbar vergrößern und die Gesichtsform verändern.<BR />Doch nicht immer sind es die Zähne, die zuerst Alarm schlagen. Viele Betroffene klagen über morgendliche Kieferschmerzen, verspannte Gesichtsmuskeln, Kopf- oder Nackenschmerzen. Auch Beschwerden im Schulter- und Rückenbereich können mit dem dauerhaften Muskelstress zusammenhängen.<BR />Nicht zuletzt leidet unter der ständigen Anspannung der Kaumuskulatur auch die Schlafqualität. Der Körper findet schwerer in erholsame Tiefschlafphasen. Müdigkeit, Konzentrationsprobleme oder Reizbarkeit am Tag können die Folge sein – ein Teufelskreis, der wiederum neuen Stress erzeugt.<h3> Raus aus der nächtlichen Anspannung</h3>Die Behandlung setzt an mehreren Ebenen an. Zahnmedizinisch steht zunächst der Schutz der Zahnhartsubstanz im Vordergrund. Als Standardtherapie gilt eine individuell angepasste Aufbissschiene aus hartem Kunststoff. Sie wird meist nachts getragen und wirkt wie eine Schutzbarriere zwischen Ober- und Unterkiefer. Die Schiene verteilt die beim Knirschen entstehenden Kräfte, reduziert den Abrieb, entlastet Muskulatur und Kiefergelenke und kann – je nach Ausführung – auch die Bisslage stabilisieren. Wichtig ist die regelmäßige Kontrolle: Je nach Intensität des Knirschens nutzt sich die Schiene ab und muss angepasst oder erneuert werden.<BR /><BR />Moderne Behandlungskonzepte gehen jedoch weiter. So betont man bei der Deutschen Gesellschaft für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde, dass Bruxismus als multifaktorielles Geschehen verstanden werden müsse. Neben der Schienentherapie sollten daher auslösende oder verstärkende Faktoren systematisch berücksichtigt werden. Dazu zählen Strategien zur Stressbewältigung ebenso wie physiotherapeutische Maßnahmen bei Muskelverspannungen. Entspannungstechniken, Achtsamkeitstraining oder Biofeedback können helfen, das unbewusste Pressen am Tag überhaupt erst wahrzunehmen und schrittweise zu reduzieren. In ausgewählten Fällen wird auch interdisziplinär gearbeitet – etwa mit Schlafmedizin oder Psychotherapie, vor allem wenn der Leidensdruck entsprechend hoch ist.<h3> Spätfolgen vermeiden</h3>Unbehandelter Bruxismus kann langfristig zu funktionellen Störungen des Kiefergelenks führen. Schmerzen beim Kauen, Knacken im Gelenk oder eingeschränkte Mundöffnung sind mögliche Hinweise.<BR />Umso wichtiger ist eine frühe Abklärung, wenn Zähne ungewöhnlich stark abgenutzt erscheinen, wiederkehrende Kopf- und Gesichtsschmerzen auftreten oder morgendliche Kiefersteifigkeit zur Regel wird. Denn was nachts beginnt, kann tagsüber weitreichende Folgen haben.