Donnerstag, 25. Mai 2017

Null Diskretion in der Apotheke? Ein Missstand im Land

Wenden Sie sich vertrauensvoll an Ihren Apotheker ... So sollte es sein, wenn man mit sensiblen Informationen rund um die Gesundheit - oder eigentlich die Krankheit - in eine Apotheke geht. Doch die Diskretion in Südtirols Apotheken lässt zu wünschen übrig, wie neuerliche Stichproben belegen.

Fühlen Sie sich in Ihrer Apotheke von anderen Kunden belauscht?
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Fühlen Sie sich in Ihrer Apotheke von anderen Kunden belauscht? - Foto: © shutterstock

Haben Sie eine unheilbare, eine ansteckende Krankheit? Schwärt der Krebs oder leiden Sie "nur" unter Hämorrhoiden, unter einem beißenden Ausschlag oder schlicht Husten? Unabhängig, wie schwerwiegend es um die eigene Gesundheit steht, soll der Gang in die Apotheke Linderung bringen. 
Doch nicht die Beratung oder das Medikament allein, sind in so einem Moment wichtig. Auch die Diskretion und Verschwiegenheit der Menschen, denen man sich anvertraut, ist wichtig. 

Privatsphäre verletzt

Zu häufig beklagen Konsumenten nämlich die mangelnde Diskretion in Südtirols Apotheken und fühlen sich in ihrer Privatsphäre verletzt. "Viel zu häufig könne man die Gespräche der Käufer mitverfolgen, und folglich vertrauliche Informationen erlauschen", beanstandet nun die Verbraucherzentrale Südtirol (VZS). Konsumenten, die auf dem Land wohnen, berichten sogar, dass sie aus Diskretionsgründen und mit einem beträchtlichen Mehraufwand ihre Medikamente bei städtischen Apotheken kauften.

STOL möchte wissen: Fühlen Sie sich in Ihrer Apotheke belauscht? STIMMEN SIE AB:

Knapp ein Jahr nachdem die VZS Stichproben bezüglich des Diskretionsabstandes in Apotheken und Maßnahmen zu deren Durchsetzung durchgeführt hatte, wurden 15 ausgewählte Südtiroler Apotheken erneut unter die Lupe genommen.Besonders die Lage in den Bezirken wurde geprüft. 

Kein ausreichender Abstand

Vor einem Jahr war das Ergebnis alles andere als zufriedenstellend: In nur einer der 15 Apotheken befand sich eine Bodenmarkierung, welche auf den gewünschten Abstand hinwies. In zwei weiteren Apotheken war ein Schild vorzufinden, welches die Kunden auf die Einhaltung eines ausreichenden Abstandes hinwies. In den restlichen 12 Apotheken hoffte man vergeblich auf ein vertrauliches Gespräch in diskretem Ambiente.
In erster Linie wurde kontrolliert ob Bodenmarkierungen, Schilder oder Abgrenzungen vorhanden waren, die ein diskretes Kundengespräch garantieren sollen. Zusätzlich wurde getestet, ob man beim Aufdrängen zum Vordermann ermahnt bzw. vom Verkäufer gebeten wurde, einen ausreichenden Abstand einzuhalten.

Nicht mehr als einen "schiefen Blick"

Grundsätzlich war es damals für unseren Diskretions-Tester in allen 15 Apotheken überhaupt kein Problem, dem Gespräch zwischen dem Verkäufer und dem Vordermann zu folgen. Auch beim konkreten Aufdrängen zum Vordermann gab es nie eine Ermahnung von Seiten des Apothekenpersonals – allenfalls erntete man einen schiefen Blick.

Was sagt das Gesetz?

Laut Datenschutzgesetz (GvD Nr. 196/2003, Art. 83, Absatz 2 Buchstabe b und c) ist es nötig, geeignete Abstände einzurichten um zu vermeiden, dass sensible Daten über den Gesundheitszustand des zu Beratenden an Dritte geraten. Es ist zudem möglich, weitere Maßnahmen einzusetzen, wie z.B. eine Bodenmarkierung oder Abgrenzungen, welche dem Käufer eine gewisse Diskretion gestatten. Es müssen somit Vorkehrungen getroffen werden, dass bei Beratungsgesprächen Dritte keine Kenntnis über den Gesundheitszustand der Verbraucherin bzw. des Verbrauchers erlangen.

Der erneute Test - auch in der Landeshauptstadt

Nun wurden die Stichproben wiederholt und weitere 6 große Apotheken in der Landeshauptstadt Bozen hinzugenommen. Das Ergebnis hat sich ein wenig verbessert, ist jedoch keinesfalls zufriedenstellend: Von den 21 getesteten Apotheken hing bei 7 zwar ein Schild, welches auf den Diskretionsabstand hinwies, jedoch nur in einer einzigen war dies 2 Meter vor der Theke angebracht und leicht ersichtlich. In den 6 anderen war das Schild bzw. der Zettel nur durch längere Suche zwischen Werbe- und Preisaufklebern direkt an der Theke zu finden. Eine Abgrenzung bzw. Bodenmarkierung war nur in 4 Apotheken zu finden: diese waren jedoch viel zu nahe an der Theke angebracht uns somit fast wirkungslos.
Der gebotene Diskretionsabstand wurde, mit Ausnahme der einen Apotheke, jedoch nie korrekt eingehalten, und gab es auch keine Ermahnung von Seiten des Apothekenpersonals, diesen doch bitte einzuhalten.

Kein Problem, den Vordermann zu hören

Bei diesem Test wurde diesmal zusätzlich auch auf den Abstand zwischen den Bedienplätzen geachtet, welcher nur bei 8 Apotheken annehmbar war, d.h. man konnte dem Gespräch des Nebenmannes meist besser folgen als dem eigenen. Prinzipiell war es wieder in keiner getesteten Apotheken ein Problem, dem Gespräch des Vordermanns zu folgen.

Die VZS erwartet sich nunmehr von der Gesundheits-Landesrätin dafür zu sorgen, dass angesichts der Bedeutung des Apothekendienstes die Anliegen der Kunden zum Schutz der sensiblen Daten berücksichtigt werden.

VZS droht mit Eingaben

Dazu der Geschäftsführer der VZS Walther Andreaus: „Die Vertraulichkeit in den Apotheken sollte nicht länger missachtet werden. Besonders an der Stelle wo Medikamente an Kunden abgegeben werden. Da braucht es einen Mindestabstand zwischen den Bedienplätzen und zwischen Bedienplatz und wartenden Kunden. Da Aufrufe anscheinend nicht gehört werden ist ein behördliches Einschreiten unverzichtbar. Den Apotheken wird die Rute ins Fenster gestellt. Das nächste Mal hagelt es Eingaben.“

Was können Konsumenten kurzfristig tun:

  • Den Diskretionsabstand selbst einhalten;
  • Die Apothekerin oder den Apotheker darauf hinweisen, dass es sich um ein vertrauliches Gespräch handelt und man sie/ihn unter vier Augen sprechen möchte;
  • In einem der Situation angemessenen Ton sprechen, oder gegebenenfalls das Problem schon vorher auf ein Blatt Papier schreiben und es vorzeigen.

stol/ker

stol