<b>Von Johannes Vötter</b><BR /><BR />Herzrasen, Zittern, Stottern, Übelkeit oder ein „leerer Kopf“: Das sind klassische Symptome einer sozialen Angststörung. Tatsächlich gibt es Menschen, bei denen allein der Gedanke an ein Telefonat diese Symptome auslöst. „Telefonphobie“ wird dies genannt, vorerst eher „umgangssprachlich“, noch nicht wissenschaftlich fundiert. <BR /><BR />Aber an der Uni Heidelberg läuft aktuell eine neuropsychiatrische Studie dazu, in der versucht wird, „herauszufinden, bei wem solche Ängste auftreten, welche Rolle persönliche Merkmale spielen und ob die Art und Häufigkeit der Smartphone-Nutzung damit zusammenhängt.“<BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1230015_image" /></div> <BR />Zwar konzentriert sich diese Studie auf Erwachsene, doch wie etwa Michael Reiner, Leiter der Beratungsstelle „Young+Direct“, fast täglich beobachtet, fällt das Telefonieren vor allem jüngeren Generationen zunehmend schwerer. Fast ein Paradoxon, galt das Telefon bei Gründung der Beratungsstelle (1992) als wichtigstes Hilfsmittel, um die Scheu zu überwinden, über etwas zu reden. So wie Reiner es selbst erlebt hat: „Die erste Kontaktaufnahme per Telefon oder Brief fiel da manchen doch leichter als gleich ein direktes Gespräch.“<h3> Das Telefon als „Stressfaktor“</h3>Über 30 Jahre später haben sich die kommunikativen Verhältnisse geändert, Anfragen rein per Telefon werden weniger. Weshalb es nunmehr mehrere Möglichkeiten der Kontaktaufnahme <I>(siehe dazu www.young-direct.it, „Rat & Hilfe“)</I> gibt – von E-Mail über die sozialen Netzwerke bis hin zu Videocalls. Reiner ordnet das so ein: „Wir erleben eine Generation, die fast ausschließlich mit schriftlicher und asynchroner Kommunikation sozialisiert wurde. WhatsApp, Sprachnachrichten, Teams, Mail – hier kann man sich Zeit lassen, nachdenken, formulieren. Ein Telefonat hingegen verlangt sofortige Reaktion und Spontaneität. Genau das löst bei manchen Stress aus.“ <BR /><BR />Der spontane Austausch, die Stimme des Gegenübers, das unmittelbare Feedback – all das, was das Telefon so direkt macht, werde somit für manche zur Hürde. Reiner verweist hier u.a. auf aktuelle Umfragen, in denen insbesondere jüngere Erwachsene angeben, lieber per Chat zu kommunizieren, selbst wenn sich ein Thema am Telefon schneller klären ließe. Wobei er warnt: „Das hat nichts mit Faulheit zu tun. Es ist eine Gewohn<?Uni SchriftWeite="96ru"> heitssache und Frage der Kontrolle.<?_Uni> Schriftliche Kommunikation vermittelt einem das Gefühl, die Situation im Griff zu haben.“<BR /><BR />Doch nicht nur im Alltag, auch in der Arbeitswelt wird der Griff zum Hörer seltener. Kundengespräche, interne Abstimmungen, sogar Bewerbungsgespräche laufen heutzutage digital oder gar nur schriftlich. Reiner sieht hier für junge Menschen eine große Herausforderung beim Einstieg ins Berufsleben: „Sie unterschätzen oft, wie wichtig es ist, auch telefonisch souverän auftreten zu können. Das Telefon bleibt – neben dem persönlichen Gespräch – in vielen Branchen das direkteste, persönlichste Kommunikationsmittel.“<BR /><BR /><h3> Viel Scheu und Unsicherheit</h3>Die Gründe für die wachsende Scheu sind vielfältig. Neben mangelnder Routine spiele laut Reiner auch die Angst vor Bewertung eine Rolle: „Ein Telefonat passiert live – man kann nichts löschen, nichts überarbeiten. Wer ohnehin unsicher ist, hat Angst, sich zu blamieren oder falsch zu reagieren.“ <BR /><BR />Hinzu komme der Druck ständiger Erreichbarkeit. Wenn das Smartphone ohnehin ständig klingelt <?Uni SchriftWeite="93ru"> oder Nachrichten aufpoppen, werde<?_Uni> jedes zusätzliche Gespräch schnell als Belastung empfunden, wie es der Psychotherapeut umschreibt: „Wir haben verlernt, Pausen in der Kommunikation zuzulassen. Früher war das Telefon der direkte Draht, heute ist es nur einer von vielen Kanälen – und der, der am meisten Konfrontation verlangt.“<BR /><BR />In der Jugendarbeit sieht Reiner vor allem die Bewusstmachung als wichtig: Man wolle Jugendlichen vermitteln, wie sie mit ihren Unsicherheiten umgehen, Gespräche strukturieren und eigene Kommunikationsmuster reflektieren können. Ziel sei dabei nicht, das Telefon zu verklären, sondern Kompetenzen zu erweitern. „Niemand muss täglich telefonieren, um erfolgreich zu sein“, sagt Reiner: „Aber wer Angst davor hat, schränkt sich ein – beruflich und privat. Kommunikation sollte kein Angstauslöser sein, sondern ein Werkzeug, das man beherrscht.“ <BR /><BR />Und vielleicht, meint der Experte abschließend, sei genau dies die eigentliche Herausforderung: nämlich den Mut zu behalten, zu telefonieren – auch wenn es unangenehm sei. Denn manchmal beginnt das beste Gespräch genau da, wo man kurz gezögert hat.<BR /><BR /><BR /><h3> Martin Fronthaler: „Einordnung ist wichtig“</h3>So lautet die Einschätzung von Martin Fronthaler zur Heidelberger Studie in Sachen „Telefonphobie“. Der Leiter des Therapiezentrums Bad Bachgart hat beruflich wie privat festgestellt, dass das Telefonieren den Menschen schwerer fällt – auch generationenunabhängig. „Kommunikationskontrolle“ sei wichtig geworden heutzutage: „Wir leben in einer so hektischen Zeit, dass ein Telefonat fast störender empfunden wird als eine Textnachricht.“ Eine Entwicklung, die dem Psychologen zu denken gibt: „Problematisch wird es, wenn die Gesprächskultur leidet. Für die Betroffenen wie auch die Gesellschaft insgesamt.“ <BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1230018_image" /></div> <BR />Umso wichtiger sei die klinische Einordnung einer „Telefonphobie“: „Ein großes Wort, aber es soll die Bagatellisierung einer solchen Angststörung vermeiden.“<BR /><BR />Entscheidend sei, um welches Störungsbild es sich handle: „Es gibt genaue Kriterien, die bei der Klassifikation als psychische Erkrankung zutreffen müssen. Etwa, dass sie einen Leidensdruck erzeugen.“ Eine Sozialphobie sei etwas anderes als Zwangsstörungen, Wahnvorstellungen oder angstvermeidende Persönlichkeitsstörungen: „Bei Ersterer geht es um die Angst vor dem Telefonieren selbst und die Bewertung durch das Gegenüber. Bei den anderen Störungen hingegen geht es um Vorstellungen – wie z.B. dass das Gerät selbst einen krank mache.“ Doch Fronthaler warnt auch vor einer vorschnellen Stigmatisierung: „Jeder hat etwas, das ihm Angst macht, also eine Phobie. Aber das muss noch keine klinische Diagnose sein.“