So wie ihm geht’s vielen. Tinnitus – das Pfeifen, Rauschen, Brummen oder Knacken im Ohr – gehört zu den häufigsten Hörphänomenen überhaupt. Rund 14 Prozent der Erwachsenen sind zumindest einmal im Leben betroffen, etwa neun Prozent entwickeln einen chronischen Tinnitus. „Es handelt sich dabei um ein Ohrgeräusch, das nur die betroffene Person wahrnimmt, nicht aber die Umgebung“, erklärt Dr. Ulrike Mattarei M.Sc., Fachärztin für Hals-, Nasen- und Ohrenheilkunde sowie Ärztin für Akupunktur und Traditionelle Chinesische Medizin an der Marienklinik in Bozen.<h3> Genaue Ursachen unklar</h3>Die Geräusche können ganz unterschiedlich klingen, entscheidend ist jedoch, wie sie entstehen. „Man unterscheidet zwischen einem objektiven und einem subjektiven Tinnitus“, so Dr. Mattarei. Während beim objektiven Tinnitus eine tatsächliche Schallquelle im Körper vorhanden ist, etwa ein verengtes Blutgefäß im Bereich der Hörbahn, entsteht der subjektive Tinnitus ohne äußere oder körpereigene Schallquelle. „Das Geräusch entsteht durch eine fehlerhafte Verarbeitung von Informationen in der Hörbahn und im Gehirn. Meist liegt das Problem im Innenohr, genauer gesagt in der Hörschnecke, der Cochlea.“ Die genauen Ursachen sind jedoch immer noch Gegenstand der aktuellen Forschung. <BR />Die häufigste Ursache ist eine Schädigung der Haarzellen im Innenohr. Diese können durch Lärm, Alterungsprozesse, Hörstürze oder bestimmte Medikamente beeinträchtigt werden und eine Hörminderung nach sich ziehen. „Der Tinnitus entsteht oft genau in dem Frequenzbereich, in dem der größte Hörverlust vorliegt“, erklärt Dr. Mattarei. Dem Gehirn fehlen dort Informationen – und es versucht, diese Lücke selbst zu füllen. Das Ergebnis: ein sogenanntes Phantomgeräusch.<BR /><BR /><embed id="dtext86-73730946_quote" /><BR /><BR />Besonders gefährdet sind Menschen, die über längere Zeit starkem Lärm ausgesetzt sind. Bauarbeiter, Mechaniker, Musiker – aber auch Jäger oder Konzertbesucher. „Ein kurzzeitiges Pfeifen nach einem Discoabend ist meist harmlos, sollte aber als Warnsignal ernst genommen werden“, betont die HNO-Ärztin. Die Hörgesundheit sei ein sensibles Gut.<h3> Welche Rolle Stress spielt</h3>Warum empfinden manche Menschen ihren Tinnitus kaum als störend, während andere massiv darunter leiden? Die Antwort liegt nicht allein im Ohr, sondern im Gehirn. „Das limbische System, ein zusammenhängendes Netzwerk von Hirnstrukturen, welche vor allem für Emotionen, Motivation und Gedächtnis verantwortlich sind, beeinflusst unter anderem maßgeblich, wie laut und belastend das Geräusch wahrgenommen wird“, erklärt die Fachärztin. Hierbei kommt auch Stress eine zentrale Rolle zu. „Er ist nicht die Ursache von Tinnitus, kann aber ein starker Auslöser und Verstärker sein.“ <BR />Bleibt ein Ohrgeräusch über mehrere Stunden oder gar Tage bestehen, sollte man einen Arzt aufsuchen. Eine frühzeitige Abklärung kann verhindern, dass aus einem akuten ein chronischer Tinnitus wird – und eröffnet mehr therapeutische Möglichkeiten. Besonders wichtig ist die Unterscheidung zwischen einem kompensierten und einem dekompensierten Tinnitus. „Beim kompensierten Tinnitus ist das Geräusch zwar da, beeinträchtigt das Leben aber kaum“, erläutert Mattarei. Anders beim dekompensierten Tinnitus: „Hier leidet die Lebensqualität deutlich – beruflich wie privat. Diese Patientinnen und Patienten benötigen ärztliche Hilfe und oft eine interdisziplinäre Behandlung.“ <h3> Individuelle Therapie</h3>Die Therapie ist so individuell wie der Tinnitus selbst. Beim akuten Tinnitus, etwa im Rahmen eines Hörsturzes, kann eine Kortisonbehandlung sinnvoll sein. Beim chronischen Tinnitus steht die Behandlung der Hörminderung im Vordergrund. „Viele Patienten berichten, dass der Tinnitus dadurch deutlich leiser wird oder ganz in den Hintergrund tritt“, so Mattarei. Sie verbindet gerne moderne HNO-Medizin mit Traditioneller Chinesischer Medizin (TCM) und verweist zudem auf die Bedeutung psychosomatischer und psychologischer Begleitung, auf Stressreduktion sowie auf Selbsthilfeangebote und -strategien. „TCM ist für mich kein Ersatz, sondern eine Ergänzung zur westlichen Medizin“, sagt sie. „Mit Akupunktur und TCM kann ich etwa Verspannungen lösen, Stress reduzieren und Schlafstörungen positiv beeinflussen. Das hilft vielen, den Tinnitus besser zu kompensieren und verbessert ihre Lebensqualität.“<BR />Was kann jede selbst tun? „Sich informieren, auf den eigenen Körper hören und individuelle Wege finden, damit der Tinnitus in den Hintergrund rückt“, sagt die HNO-Fachärztin. Hilfe gibt’s zum Beispiel bei der Deutschen Tinnitus-Liga oder über viele Apps. Aber es ist sehr individuell, was hilft. Bewegung, Musik, Entspannungsmethoden verschiedenster Art – jeder Mensch reagiert anders. „Wichtig ist, aktiv zu bleiben, sich Hilfe zu holen und Strategien zu entwickeln, wie man mit dem Geräusch gut leben kann. Tinnitus ist kein Schicksal, dem man hilflos ausgeliefert ist“, betont Dr. Mattarei.