Das persönliche Gesamtpaket für den Schutz gegen vermeidbaren Krebs: Dr. Spizzo verweist auf 10 Empfehlungen, die sich im Alltag leicht umsetzen lassen und einen guten Teil der Tumorerkrankungen verhindern können. <BR /><BR /><b>Eine Tumorerkrankung – ist das Pech oder selbst verschuldet?</b><BR />Dr. Gilbert Spizzo: Beides stimmt zum Teil. Als gesichert gilt, dass 30 bis 50 Prozent aller Krebserkrankungen auf modifizierbare Faktoren zurückzuführen sind, also auf Faktoren, die wir selbst in der Hand haben. Wesentlich ist der Lebensstil, also wie wir uns ernähren, wie viel wir uns bewegen, ob wir rauchen, Alkohol trinken und uns ungeschützt der Sonne aussetzen. Das heißt, dass wir durch Ernährung, Bewegung, Sonnenschutz und generell durch ein gesundes Leben einen großen Teil der Krebserkrankungen verhindern könnten. <BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="860393_image" /></div> <BR /><BR /><BR /><b>...und der andere Teil?</b><BR />Dr. Spizzo: Es gibt auch Faktoren, die man selber nicht beeinflussen kann. Das ist zum einen das Alter: Je älter man wird, desto höher ist das Risiko, dass sich eine Tumorerkrankung entwickelt. Zum anderen das Geschlecht: Frauen haben ein geringeres Erkrankungsrisiko als Männer. Hier spielen Beruf, Lebensstil und andere soziokulturelle Faktoren eine Rolle. Frauen sind z.B. aktiver als Männer in den Vorsorgeuntersuchungen. Schließlich sind 5 bis 10 Prozent der Tumore auf genetische Faktoren zurückzuführen. <BR /><BR /><b>Bei genetisch bedingtem Krebs fällt vielen Hollywood-Star Angelina Jolie ein, die sich vorsorglich beide Brüste entfernen ließ…</b><BR />Dr. Spizzo: Ja, bei Angelina Jolie ist aufgrund ihrer familiären Vorgeschichte ein Gentest gemacht und dabei eine Mutation im BRCA-Gen festgestellt worden. Bei Mutationsträgern steigt das Risiko, an z.B. Brustkrebs zu erkranken, auf über 80 Prozent. Angelina Jolie hat sich daraufhin vorsorglich beide Brüste entfernen lassen. Ein Risiko von 80 Prozent heißt aber auch, dass 20 Prozent der Träger dieses Gendefektes nicht an Krebs erkranken. Den Ausschlag kann hier der Lebensstil geben. <BR /><BR /><b>Von einem gesunden Lebensstil ist so oft die Rede. Hören es viele immer noch nicht?</b><BR />Dr. Spizzo: Dass es eigentlich jeder wissen sollte, das stimmt. De facto aber erlebe ich jeden Tag sehr viele Tumorpatienten, die rauchen und/oder übergewichtig sind. Das ist immer noch ein sehr großes Problem: Übergewicht und Rauchen werden stark unterschätzt. Dazu kommt noch die übermäßige Sonnenexposition, die zu einem Anstieg von Hautkrebs führt. <BR /><BR /><embed id="dtext86-58063803_quote" /><BR /><BR /><b>Aber es gibt auch die Patienten, die an Krebs erkranken und gesund gelebt haben, oder?</b><BR />Dr. Spizzo: Ja, die gibt es, manchmal auch bei jungen Menschen, die wirklich gesund leben und zum Teil auch Sportler sind, also sehr auf Ernährung und Bewegung achten. Hier kommen eben jene Faktoren zum Tragen, die man nicht beeinflussen kann. Allerdings haben diese Patienten oft eine bessere Prognose. Die Heilungschancen sind bei Patienten, die vorher gesund gelebt haben, besser. Das ist auch der Grund, warum auch bereits Erkrankten zu einem gesunden Lebensstil geraten wird. Die Empfehlungen des „World Cancer Research Fund“ und des „American Institute for Cancer Research“, die viele Studien gesichtet und die Erkenntnisse auf 10 Regeln heruntergebrochen haben (siehe unten), gelten deshalb auch für Tumorpatienten. Durch einen gesunden Lebensstil ist das Risiko für ein Rezidiv, also ein Wiederauftreten, geringer. <BR /><BR /><BR /><b>10 Regeln, das klingt nach vielen Einschränkungen und wirkt eher abschreckend…</b><BR />Dr. Spizzo: Man muss diese Empfehlungen nicht so strikt und streng sehen. Zum Beispiel geht es bei rotem Fleisch nicht darum, komplett darauf verzichten. Fleisch ist eine wertvolle Quelle für wichtige Nährstoffe wie Protein, Eisen, Zink oder Vitamin B12. Deshalb lautet die Empfehlung, den übermäßigen Konsum zu begrenzen – auf maximal 350 bis 500 Gramm pro Woche, das ist nicht so wenig. Man sollte hier vor allem darauf achtgeben, verarbeitete Fleischprodukte zu limitieren. Bei diesen Produkten kommen große Mengen schneller als man denkt zusammen. Auch beim Alkohol geht es nicht darum, nie mehr ein Glas Wein zu trinken. Aber den Konsum zu reduzieren. Je weniger desto besser. Bei Brustkrebs zum Beispiel korreliert der Alkoholkonsum mit einem Rückfall: Je mehr Alkohol, desto größer das Risiko eines Wiederauftretens des Tumors. <BR /><BR /><b>Wenn man jahre- oder jahrzehntelang ungesund gelebt hat: Kann man noch etwas bewirken, wenn man nun einen gesunden Lebensstil wählt?</b><BR />Dr. Spizzo: Auf jeden Fall, man kann in jedem Alter noch etwas bewirken. Das Erkrankungsrisiko sinkt dann kontinuierlich. Selbst einem Raucher, der an einem Lungentumor erkrankt ist, wird dringend geraten, mit dem Rauchen aufzuhören. Ich sage immer, das ist fast so wichtig wie eine Chemotherapie. Also ein klares Ja: Ein gesundes Leben nützt zu jedem Zeitpunkt etwas. <BR /><BR /><b>Wie wichtig sind Vorsorgeuntersuchungen?</b><BR />Dr. Spizzo: Sie gehören zu den beeinflussbaren Faktoren und sind gerade wegen der unbeeinflussbaren Faktoren sehr wichtig. Hier in Südtirol sind wir diesbezüglich sehr gut aufgestellt. Es werden Einladungen verschickt für die Brustkrebs-, Darmkrebs- und Gebärmutterhalskrebs-Vorsorge. Dabei werden Tumore im Anfangsstadium entdeckt, wenn sie noch sehr gut behandelbar sind. Was noch fehlt, aber nicht nur in Südtirol, ist die Lungenkrebsvorsorge. Aber ein Lungen-CT bei jeder Vorsorgeuntersuchung ist ein immenser organisatorischer Aufwand. Von der Wissenschaft würde es aber eine klare Empfehlung geben. Die Einladungen zu den Vorsorgeuntersuchungen, die man zugeschickt bekommt, sollte man aber nach Möglichkeit wirklich nutzen. <BR /><BR /><BR />HIER SIND DIE 10 EMPFEHLUNGEN, UM EINE KREBSERKRANKUNG ZU VERMEIDEN <BR /><BR /><BR /> Der dritte Expertenbericht des „World Cancer Research Fund“ und des „American Institute for Cancer Research“ listet 10 Empfehlungen zur Vermeidung einer Krebserkrankung auf. Der größte Schutz vor Krebs werde erzielt, wenn alle Empfehlungen als Gesamtpaket verstanden und umgesetzt werden.<BR /><BR /><BR /><b>1<BR />Halten Sie ein gesundes Körpergewicht ein</b><BR /><BR />Halten Sie Ihr Gewicht innerhalb des gesunden Bereiches und vermeiden Sie eine Gewichtszunahme im Erwachsenenalter. Der gesunde – oder wie von der WHO definiert, der normale – BMI-Bereich für Erwachsene liegt zwischen 18,5 und 24,9. Den Body-Mass-Index, kurz BMI, errechnet man aus Körpermasse in Kilo, geteilt durch das Quadrat der Körpergröße in Metern. Die Formel lautet also Gewicht:(Körpergröße mal Körpergröße in Metern). Beispiel einer Person von 1,60 Metern und einem Gewicht von 55 Kilo: 1,6 x 1,6 = 2,56. 55:2,56 = 21,4. Über 25 spricht man von Übergewicht.<BR /><BR /><BR /><b>2<BR />Seien Sie körperlich aktiv</b><BR /><BR />Seien Sie täglich körperlich aktiv – gehen Sie mehr und sitzen Sie weniger. Es besteht eine starke Evidenz, dass körperliche Aktivität, einschließlich des Gehens, zum Schutz vor mehreren Krebsarten beiträgt und vor Gewichtszunahme, Übergewicht und Adipositas schütze, längere Bildschirmzeiten hingegen eine Ursache dafür sind. Eine höhere Körperfettmasse stellt eine Ursache für viele Krebsarten dar.<BR /><BR /><BR /><b>3<BR />Essen Sie reichlich Vollkornprodukte, Gemüse, Obst und Hülsenfrüchte</b><BR /><BR />Machen Sie Vollkornprodukte, Gemüse, Obst und Hülsenfrüchte wie Bohnen und Linsen zum wesentlichen Bestandteil Ihrer täglichen Ernährung. Es besteht starke Evidenz, dass diese Nahrungsmittel zum Schutz vor Kolorektalkrebs (Darmkrebs) beitragen und vor Gewichtszunahme, Übergewicht und Adipositas bewahren. Eine höhere Körperfettmasse ist Ursache für viele Krebsarten.<BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="860396_image" /></div> <BR /><BR /><BR /><b>4<BR />Begrenzen Sie den Konsum von „Fastfood“ und anderen verarbeiteten Lebensmitteln, die reich an Fett, Stärke oder Zucker sind</b><BR /><BR />Die Begrenzung des Verzehrs dieser Nahrungsmittel hilft, die Kalorienzufuhr unter Kontrolle und ein gesundes Gewicht zu halten. „Fastfood“ sind leicht verfügbare Fertiggerichte, die normalerweise eine hohe Energiedichte haben und häufig sowie in großen Portionen verzehrt werden. Sie enthalten viel Zucker, Fleisch und Fett. <BR /><BR /><BR /><b>5<BR />Begrenzen Sie den Verzehr von rotem und verarbeitetem Fleisch</b><BR /><BR />Essen Sie nicht mehr als moderate Mengen von rotem Fleisch (Muskelfleisch von Säugetieren wie Rind, Kalb, Schwein, Lamm, Hammel, Pferd und Ziege). Essen Sie, wenn überhaupt, wenig verarbeitetes Fleisch, also Fleisch, das durch Salzen, Trocknen, Fermentieren, Räuchern oder andere Verfahren zur Verbesserung des Geschmacks und der Haltbarkeit behandelt wurde.<BR /><BR /><BR /><b>6<BR />Begrenzen Sie den Konsum von zuckerhaltigen Getränken</b><BR /><BR />Trinken Sie hauptsächlich Wasser und ungesüßte Getränke. Es besteht eine starke Evidenz dafür, dass der Konsum zuckerhaltiger Getränke eine Ursache für Gewichtszunahme, Übergewicht und Adipositas bei Kindern und Erwachsenen ist, insbesondere wenn sie häufig oder in großen Mengen konsumiert werden. Dieser Effekt verstärkt sich bei geringer körperlicher Aktivität. Eine höhere Körperfettmasse stellt eine Ursache für viele Krebsarten dar. <BR /><BR /><BR /><b>7<BR />Begrenzen Sie den Alkoholkonsum</b><BR /><BR />Für die Krebsprävention ist es am besten, keinen Alkohol zu trinken. Es gibt eine starke Evidenz dafür, dass Alkoholkonsum eine Ursache für viele Krebsarten ist. Bereits geringe Mengen können das Risiko erhöhen. Es gibt keine Konsummenge, unter der es keinen Anstieg des Risikos zumindest für manche Krebsarten gibt. Wer nicht darauf verzichten kann, sollte den Konsum zumindest einschränken. Das deutsche Krebsforschungszentrum dkfz erklärt auf seiner Internetseite, dass Männer am Tag nicht mehr als einen halben Liter Bier oder einen Viertelliter Wein trinken sollten, Frauen hingegen nicht mehr als 100 Milliliter Sekt oder einen Achtelliter Wein. An mindestens 2 Tagen pro Woche sollte auf Alkohol gänzlich verzichtet werden.<BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="860399_image" /></div> <BR /><BR /><BR /><b>8<BR />Für Mütter: Wenn möglich, stillen Sie Ihr Baby</b><BR /><BR />Stillen ist gut für Mutter und Kind. Es besteht starke Evidenz dafür, dass das Stillen zum Schutz der Mutter vor Brustkrebs beitragen kann. Es gibt auch eine starke Evidenz dafür, dass das Stillen hilft, Kinder später vor einer übermäßigen Gewichtszunahme, Übergewicht und Adipositas zu schützen. Eine erhöhte Körperfettmasse stellt eine Ursache für viele Krebsarten dar. <BR /><BR /><b>9<BR />Verwenden Sie zur Krebsprävention keine Nahrungsergänzungsmittel</b><BR /><BR />Ziel sollte es sein, den Nährstoffbedarf allein durch Lebensmittel zu decken. Für die meisten Menschen schützt der Verzehr der richtigen Lebensmittel und Getränke mit größerer Wahrscheinlichkeit vor Krebs als die Einnahme von Nahrungsergänzungsmitteln. <BR /><BR /><BR /><b>10<BR />Stellen Sie das Rauchen ein und vermeiden Sie übermäßige Sonnenexposition.</b><BR /><BR />Nichtrauchen und Vermeidung anderer Tabakprodukte sowie Vermeidung übermäßiger Sonnenbestrahlung sind ebenfalls wichtig, um das Krebsrisiko zu reduzieren.<BR /><BR />Nach einer Krebsdiagnose: Wenn möglich befolgen Sie die Empfehlungen zur Krebsprävention. Fragen Sie Ihren Arzt, was für Sie richtig und wichtig ist.<BR />