Etwa 7500 Menschen oder 2 Prozent der Südtiroler Bevölkerung sind derzeit mit dem Coronavirus infiziert. Das klingt nach wenig. Aber gerade von dieser kleinen Gruppe geht eine enorme Gefahr aus, erklärt der Biostatistiker Markus Falk auf s+. Lässt sich da der nächste Lockdown überhaupt noch vermeiden?<i><BR /><BR /><BR />Interview: Michele Manca</i><BR /><BR /><BR /><b>Herr Falk, beim Massentest in Tramin betrafen 17 Prozent der Neuinfektionen 70- bis 79-Jährige, landesweit liegt der tägliche Anteil der Neuinfizierten in dieser Altersgruppe bei etwa 7 Prozent. Sollten im ganzen Land vermehrt ältere Menschen von Neuinfektionen betroffen sein, könnte es zu Problemen in der Sanität kommen.</b><BR />Falk: Ganz genau. Südtirol hat momentan unheimlich hohe Zahlen, im Verhältnis hierzu aber einen noch vertretbaren Druck auf die Krankenhäuser. So gingen die Zahlen zu Jahresbeginn zwar nach oben, die Last auf die Krankenhäuser ist diesem Trend aber nicht gefolgt. Dies hat mit jenen zu tun, die momentan das Infektionsgeschehen bestimmen, also hauptsächlich Menschen unter 40 bzw. 50 Jahren. Bei diesen Altersgruppen liegt die Hospitalisierungsrate – wenn sie überhaupt im Krankenhaus landen – bei einem Prozent und etwa 0,3 Prozent der Fälle kommen auf die Intensivstation. Aber bei älteren Menschen steigt dieses Risiko deutlich an. Wenn jüngere Infizierte vermehrt Kontakt mit Älteren haben, dann kann das natürlich übertragen werden – wenn man nicht aufpasst. So wurden beispielsweise letzte Woche etwa 540 Infizierte in der Altersgruppe von 40 bis 50 Jahre festgestellt. Davon müssten etwa 5 bis 6 ins Krankhaus und höchsten einer auf Intensiv. Hatten diese zuvor aber Kontakt mit Älteren, z.B. deren Eltern, dann könnten daraus leicht 200 neue Fälle entstanden sein. Von diesen müssten dann aber bereits 40 im Krankenhaus und 6 auf Intensiv behandelt werden. Einer solchen Verlagerung würde man nicht lange standhalten können. <BR /><BR /><b>Das heißt, beim Übergang von den Unter-50-Jährigen zu den Über-70-Jährigen erhöht sich das Risiko auf der Intensivstation zu landen um das 10-fache?</b><BR />Falk: Es erhöht sich relativ deutlich – Südtirol liegt zwar ein bisschen besser, aber die Zahlen der Statistiken kann man auch hier anwenden: Bei Über-70-Jährigen beträgt die Hospitalisierungsrate 18 Prozent, die Intensivrate 3,6 Prozent. In der Gruppe der 50- bis 70-Jährigen liegt die Hospitalisierungsrate bei 5 Prozent, die Intensivrate bei 0,9. Bei noch jüngeren Menschen sinkt die Hospitalisierungsrate auf ein Prozent oder weniger. Also kann sich das Ganze innerhalb von kurzer Zeit verdreifachen, etwa wenn das Virus von den 50- auf die 70-Jährigen überspringt. <BR />Das war bis dato genau der Grund, warum man in den Lockdown musste: Weil das Virus von den Jungen auf die Älteren übertragen wurde und man mit einer enormen Zahl an Infizierten in den Spitälern konfrontiert war. Das war das Problem im Oktober und auch schon im März vergangenen Jahres. Eines muss man aber sagen: Zu Weihnachten ist es glücklicherweise nicht so weit gekommen – Weihnachten war nämlich dafür prädestiniert, dass jüngere Generationen ältere anstecken. Dafür muss man die Leute loben. <BR /><BR /><BR /><embed id="dtext86-47731151_quote" /><BR /><BR /><BR /><b><BR />Wie ist es dann dazu gekommen, dass – auch die Krankenhauszahlen – nun wieder angestiegen sind?</b><BR />Falk: Genau so ist es. Bei den Über-70-Jährigen beträgt die Hospitalisierungsrate 18 Prozent, die Intensivrate 3,6 Prozent. In der Gruppe der Unter-50-jährigen liegt die Hospitalisierungsrate hingegen bei einem Prozent, die Intensivrate bei 0,3 Prozent und somit 10-mal weniger als bei den Älteren. Springt das Virus von den Jüngeren auf die Älteren, dann kann sich die Last auf das Krankenhaus innerhalb von kurzer Zeit vervielfachen. Dies war bis dato auch der Grund, warum man in den Lockdown musste und war so geschehen im Oktober, wir erinnern uns – Jung und Alt feierten, wie auch schon im März des vergangenen Jahres, als man vom Virus noch kaum etwas wusste und entsprechend unachtsam war. Eines muss man aber sagen: Zu Weihnachten ist es glücklicherweise nicht in großem Stil zu dieser Übertragung gekommen, obwohl Weihnachten dafür prädestiniert gewesen wäre und dafür muss man die Leute explizit loben. <BR /><BR /><b>Wissen Sie, wie viele Über-70-Jährige sich in den vergangenen Tagen angesteckt haben?</b><BR />Falk: In einer Woche (vom 25. Jänner bis 1. Februar, Anm. d. Red.) haben wir insgesamt 3690 Neuinfizierte verzeichnet, 485 von ihnen sind über 70 Jahre alt und 18 Prozent landen dann im Krankenhaus. <BR /><BR /><b>485 von 3690 – das sind 13 Prozent aller Neuinfektionen. Ab welchem Anteil wird es kritisch?</b><BR />Falk: Wenn wir annehmen, dass 30 zusätzliche Intensivbetten kritisch sind, über 70.000 Menschen in Südtirol älter als 70 sind, derzeit in 10 Tagen im Schnitt 13 neue Intensivfälle hinzukommen, dann darf es pro Woche nicht mehr als 800 Ansteckungen bei den über 70-Jährigen geben. Wir liegen aber bereits jetzt in dieser Altersklasse bei etwa 500 Fällen pro Woche und bei 6500 Infektiösen, die jünger als 70 sind, wäre die Zahl von 800 oder gar 1000 leicht zu erreichen. <BR /><BR /><BR />