Auf den ersten Blick mag es lächerlich und womöglich gar provokativ wirken, sich mit dem Nichtstun abzugeben – reine Zeitverschwendung. Aber Moment mal, gerade dieser Begriff fördert dann doch recht plakativ die tiefere Dimension zutage: Was ist denn nun tatsächlich Zeitverschwendung, was hingegen wahrhaftige Produktivität? <BR /><BR />Ist es ratsam und sinnvoll, immer mehr Tätigkeiten und Termine in einen Tag zu pressen, ist der heutige Mensch erst dann erfüllt, wenn er sich im Job, in der Freizeit und in der Familie beschäftigt – obendrein auch noch im Multitasking-Modus?<BR /><BR />Die moderne Leistungsgesellschaft legt dieses Bild nahe, denn wer etwas auf sich hält, hat immer etwas zu tun, arbeitet mit Hochdruck alle Aufgaben ab, setzt sich hohe Standards. Wer viel leistet, der bringt es auch zu etwas, so das vorherrschende Credo unserer Zeit. Nichtstun wird dabei als purer Frevel empfunden, als Faulheit oder Schmarotzertum.<h3> Gezieltes Abschalten</h3> „Es lässt sich recht gut beobachten, dass Phasen der sogenannten Unproduktivität in uns oftmals eine innere Unruhe und sogar Schuldgefühle erzeugen, was wohl dem vorherrschenden Leistungsdruck geschuldet ist“, meint Sabine Cagol, Präsidentin der Psychologenkammer Bozen. Man definiert sich eben immer stärker über die eigene Leistung. Dabei sei gezieltes Abschalten in Form von Pausen, unverplanten Stunden oder Tagen sowie Urlauben wichtiger denn je. <BR /><BR /><embed id="dtext86-57796329_quote" /><BR /><BR />„Körper und Geist brauchen den Wechsel zwischen Produktivität und Ruhephase, wer für sich einen guten Balanceakt hinbekommt, ist ausgeglichen und glücklich“, sagt Cagol. Es sei doch hinlänglich bekannt, dass man nach einer kurzen Pause wieder motivierter und produktiver arbeitet oder lernt bzw. nach einem schönen Urlaub wieder leistungsfähiger im Job ist. <BR /><BR />Der Vergleich mit dem Sport bzw. dem Muskeltraining liegt nahe: Ausgewogenes Training beinhaltet stets Anstrengung und anschließende Erholung. Der Körper braucht Ruhephasen, um die Effekte des Trainings optimal verarbeiten zu können. Anspannung und Entspannung ist gewissermaßen ein Gesetz des Lebens. <BR /><BR />Allerdings scheint man in einer zunehmend gehetzten Gesellschaft das Gefühl für derartige Gesetzmäßigkeiten verloren zu haben. Wie die Psychologin Julia Kaufmann betont, sei bewusstes Nichtstun speziell in unserer Zeit der Rast- und Ruhelosigkeit zur hohen Kunst geworden. „In erster Linie geht es darum, ganz bewusst Akzente zu setzen, um zwischendurch dem Hamsterrad des Leistungsdenkens zu entkommen“, erklärt Kaufmann. <BR /><BR /><embed id="dtext86-57796704_quote" /><BR /><BR />Dafür gebe es mehrere Möglichkeiten, als probates Mittel empfiehlt sie körperliche Bewegung und Sport. „Durch die Bewegung lässt sich wunderbar Stress abbauen, gerade gestresste Führungskräfte machen das oftmals vor, indem sie am Wochenende ausgiebige Bergtouren unternehmen, sich mit dem Rad oder mit Laufeinheiten auspowern“, sagt sie. Auf diese Weise bringe man den Hormonhaushalt wieder ins Gleichgewicht und mit ihm auch Geist und Seele. <BR />Während des Sports könne man sich auch vorzüglich von dem permanenten „Handystress“ lösen, der sich zusätzlich schädlich auf Gehirn und Körper auswirke.<h3> Neues Lebensgefühl</h3>Allerdings kann man bei körperlichen Aktivitäten natürlich nicht vom Nichtstun sprechen. Hier kommt Kaufmann ins Schmunzeln und meint: „Naja, ich finde, man sollte sich Zeitfenster schaffen, in welchen man keine konkreten Aktivitäten verfolgt, oder eben bewusst abschaltet, entspannt, etwas liest oder auch nur vor sich hindöst.“ Einfach einmal am Tag ein Zeitfenster von einer halben Stunde oder einmal in der Woche eine etwas längere Auszeit, auf die man sich einfach nur freut. Das sollte man in all der Gedrängtheit einkalkulieren wie das Zähneputzen.<BR /><BR />Weniger Stress und mehr Oasen für Qualitätszeit – das ist durchaus ein Leitsatz der Jugend und vieler junger Erwachsener von heute. „Viele Heranwachsende achten sehr genau auf ihre Lebensqualität und sind bereit, dafür auf Materielles zu verzichten“, hat auch Kaufmann beobachtet. Die sogenannten Babyboomer waren konditioniert, „zu arbeiten und zu funktionieren, während jetzt eine Generation genau auf die Work-Life-Balance achtet“. Und das Nichtstun scheint in dieser Haltung seinen berechtigten Platz zu haben.<BR />