Derzeit haben nur Patienten mit ärztlicher Verschreibung und ministerieller Bewilligung den Zugang zu medizinischem Cannabis, das sie in Apotheken erhalten. <BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="894449_image" /></div> <BR /><BR /><b>Gibt es einen Unterschied zwischen Hanf und Cannabis?</b><BR />Dr. Alexander Angerer: Eigentlich ist Cannabis die lateinische Bezeichnung für Hanf. Hanf ist eine der ältesten Heilpflanzen, die schon vor 5000 Jahren von den Chinesen zu medizinischen Zwecken genutzt wurde. Sie enthält Dutzende verschiedene Substanzen in unterschiedlichen Anteilen, die die menschliche Psyche beeinflussen. Man nennt sie Cannabinoide. Die bekanntesten sind Cannabidiol (CBD) und Tetrahydrocannabiol (THC). Letzteres beeinflusst unter anderem das Zentralnervensystem des Menschen, ist also vor allem für den berauschenden Zustand verantwortlich, mit dem man Marihuana oder Haschisch verbindet. CBD hingegen wirkt weder bewusstseins- noch wahrnehmungsverändernd, sondern eher beruhigend und schmerzlindernd. Die Nutzpflanze Hanf weist höchstens 0,2 Prozent THC auf. Durch Kreuzungen sind aber verschiedene Unterarten entstanden, die genetisch unterschiedlich aufgebaut sind und zum Teil einen höheren Anteil an THC haben. Aus diesen Pflanzen wird oft Rauschmittel gewonnen. Umgangssprachlich wird die herkömmliche Nutzpflanze, bei der der Anteil an THC unter 0,2 Prozent liegt, als Hanf bezeichnet, berauschender Hanf, in dem der THC-Wert höher ist, als Cannabis. <BR /><BR /><b>Wie wirkt THC genau?</b><BR />Dr. Angerer: Um das zu verstehen, muss man wissen, dass es auch körpereigene, sogenannte endogene Cannabinoide gibt. Sie bewahren gewissermaßen das Nervensystem, das ja ständig viele Informationen zu verarbeiten hat, im Gleichgewicht. Man kann sie als Eingreiftruppe für den Fall bezeichnen, dass im Gehirn zum Beispiel aufgrund der Überinformation etwas aus dem Ruder gerät. Bei Normalbetrieb hat die Eingreiftruppe nicht viel zu tun. <BR />Kommt jetzt allerdings der rauschauslösende Wirkstoff THC in größeren Mengen in den Körper bzw. ins Gehirn, wird die Truppe aktiv, obwohl das Nervensystem eigentlich normal arbeitet. Die Information im Nervensystem werden daraufhin ungleich verteilt – Ausgang ungewiss. THC kann sich also bei jeder Person anders auswirken. Manche Wirkungen können als positiv empfunden werden – man spricht vom „High“. Andere können negativ sein, im Extremfall kann ein „Horrortrip“ die Folge sein. THC kann auch auf das Gedächtnis und den Blutdruck wirken. <BR /><BR /><embed id="dtext86-59409320_quote" /><BR /><BR /><BR /><b>Und wie wirkt CBD?</b><BR />Dr. Angerer: CBD wirkt im Unterschied zu THC körperregulierend – nie psychoaktiv. Aus Forschungen bekannt sind unter anderem die antientzündliche, die Immunsystem regulierende, die Angst lösende, Schmerz lindernde und entspannende Wirkung. Auch der Blutdruck kann mit CBD reguliert und eine depressive Stimmung gemildert werden. Als ein positiver Aspekt der bisherigen Studien zum CBD wird eine überwiegend gute Verträglichkeit hervorgehoben. Die Nebenwirkungen wie Müdigkeit und Magenbeschwerden sind eher mild. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat die Substanz übrigens als unbedenklich eingestuft. Im Unterschied zu THC macht es auch nicht süchtig, und es darf in Italien seit 2016 frei verkauft werden. Es braucht also kein Rezept.<BR /><BR /><b>In welcher Form wird CBD verabreicht?</b><BR />Dr. Angerer: Die schnellste Wirkung erzielt CBD bei der Einnahme als Spray, das über die Schleimhäute in den Blutkreislauf gelangt. Wichtig ist hier immer: Die Dosis entscheidet über die Wirkung, auch über unerwünschte Wirkungen. Man bekommt es in Form von Mundsprays, aber auch in Kapseln, Tropfen, Tabletten, als Öl, als Tee mit einem THC-Gehalt von 0,1 Prozent oder als Salbe, um nur einige Produkte zu nennen. <BR /><BR /><b>Wovon ist die Rede, wenn man von medizinischem Cannabis spricht?</b><BR />Dr. Angerer: Darunter versteht man Cannabis mit einem höheren Anteil an THC als 0,2 Prozent. Diese Cannabispflanzen dürfen in Italien ausschließlich unter kontrollierten Bedingungen angebaut und können dann unter bestimmten Bedingungen für medizinische Zwecke eingesetzt werden. Seit 2007 ist das möglich, weil nachgewiesen ist, dass es auch durch eine Erkrankung zu einer Dysbalance im Nervensystem und im Endo-Cannabinoid-System kommen kann. Die gezielte Gabe von THC kann dieses Ungleichgewicht teilweise durch die Aktivierung der oben genannten „Eingreiftruppe“ aufheben. <BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="892292_image" /></div> <BR /><BR /><b>Wer darf medizinisches Cannabis konsumieren?</b><BR />Dr. Angerer: Derzeit haben nur Patienten mit ärztlicher Verschreibung und ministerieller Bewilligung Zugang zu medizinischem Cannabis, das sie in Apotheken erhalten. Anerkannt sind zudem nur bestimmte Erkrankungen und auch nur dann, wenn zuvor andere Behandlungsmethoden probiert wurden und wenn die Diagnose in bestimmten Fachzentren oder in bestimmten Einrichtungen des Sanitätsbetriebes erfolgt. <BR />Es geht da unter anderem um chronische Schmerzen, Migräne, Epilepsie, rheumatische Erkrankungen, Angst- und Schlafstörungen, Fibromyalgie, Parkinson und sogar Demenz. Auch in der Tumortherapie kann medizinisches Cannabis angewendet werden. Wichtig zu wissen ist, dass medizinisches Cannabis eine Krankheit nicht heilt, sondern vor allem lindert und die Lebensqualität der Patienten steigert. Bei einigen Krankheitsbildern übernimmt der öffentliche Gesundheitsdienst in Südtirol sogar die Kosten für den Wirkstoff. <BR /><BR /><b>Welche Erfahrung haben Sie persönlich als Arzt mit Ihren Patienten gemacht, denen Sie medizinisches Cannabis verschrieben haben?</b><BR />Dr. Angerer: Ich verschreibe Cannabidiol sehr häufig, und die Wirkung ist immer wieder beeindruckend. Cannabis wirkt vorwiegend symptomatisch und hat kaum Nebenwirkungen. Meine Schmerzpatienten beschreiben eine deutliche Verbesserung ihrer Lebensqualität. Auch bei Stress, Angst- und Schlafstörungen habe ich sehr gute Erfahrungen gemacht.<BR /><BR /><b>Was ist, wenn man zu viel vom medizinischen Cannabis einnimmt?</b><BR />Dr. Angerer: Das ist wie bei einem Medikament. Die Nebenwirkungen können dann extrem stark sein. Gefühle und die Gedanken können durcheinandergebracht werden, Angst und Panik oder Verwirrtheit auftreten. Deshalb sind natürlich die Erfahrung und das Fingerspitzengefühl der Ärzte gefragt, die die Dosis genau auf die Patienten abstimmen müssen. Einerseits soll der Wirkstoff eine Linderung des Leidens hervorrufen, andererseits soll die psychoaktive Wirkung nur soweit gehen, dass sich ein Ungleichgewicht stabilisiert. Abgrenzen muss man die Cannabis-Nebenwirkung von der Wechselwirkung. Wechselwirkungen können im Zusammenspiel von zwei oder mehr eingenommenen Substanzen entstehen, zum Beispiel THC und Alkohol. <BR /><BR /><b>Macht medizinisches Cannabis süchtig?</b><BR />Dr. Angerer: Nicht, wenn es gezielt verabreicht wird. Das ist ähnlich wie beim Alkohol. Ich kann hin und wieder ein Glas Wein mit Genuss trinken, ohne davon abhängig zu werden. Aber es kann auch passieren, dass der Konsum außer Kontrolle gerät und ich den Tagesablauf nicht mehr ohne Alkohol bewältigen kann. Wer THC unkontrolliert konsumiert, zum Beispiel durchs Rauchen eines sogenannten Joints, der läuft Gefahr, abhängig zu werden, weil er das Cannabis vermutlich auf illegalem Weg besorgt hat, das „High“ gewissermaßen sucht und eine immer höhere Dosis braucht, um in dieses High zu kommen. Wer jedoch von seinem Arzt Cannabis auf Rezept verschrieben bekommt, tut das mit geringer und vor allem konstanter Dosis. Ist die Verbesserung des medizinischen Problems erreicht, sollten Patienten die Behandlung in aller Regel ganz normal absetzen können. <BR /><BR />HINTERGRUND<BR /><BR />Hanf gehört zu den ältesten Kulturpflanzen der Menschheit. Der erste Nachweis einer medizinischen Nutzung stammt aus der Zeit um 2700 vor Christus. Ein chinesisches Heilkundebuch empfahl den Konsum unter anderem bei Rheuma und Gichterkrankungen, Verstopfung und Nervenentzündungen. Hanfsamen wurden in der chinesischen Medizin auch als Entzündungshemmer und Blutdrucksenker verwendet. <BR />Im Mittelalter hielt die Hanfpflanze Einzug in die europäische Klostermedizin. Nonnen und Mönche schätzten sie wegen ihrer schmerzlindernden und verdauungsfördernden Wirkung. <BR />Mit dem Aufstieg der Pharmaindustrie in den USA Anfang des 20. Jahrhunderts geriet Hanf immer mehr in Verruf. Natürlich gab es da schon berauschendes Cannabis, aber auch das medizinische Cannabis wurde praktisch als Droge eingestuft und nach und nach weltweit verboten. Erst seit den 1990er-Jahren wird das Image wieder langsam besser, und inzwischen darf medizinisches Cannabis in vielen Ländern wieder kontrolliert verabreicht werden. <BR /><BR /><BR /><BR /><BR /><BR /><BR />