Wenn die Corona-Zahlen mit der Herbstwelle nun wieder steigen, wird auch die Zahl der Menschen zunehmen, die das hinterhältige Virus einfach nicht mehr loswerden. Das Unheimliche: Selbst wer bei der Infektion keine Symptome hat, kann an den Spätfolgen leiden. <BR /><BR />Beim Duschen hat sie Schmerzen, Kleidung auf der Haut ist kaum zu ertragen. „Auf dem Kopf war es, als wenn Nadelstiche mich treffen“, so schildert es Maria. Sie ist Post-Covid-Patientin. Eine Corona-Infektion hatte heftige Spätfolgen – so wie für viele andere, die in den vergangenen fast 3 Jahren an Covid-19 erkrankt sind. <BR /><BR />Typisch für Post Covid sind kognitive Einschränkungen. Maria bemerkte nach ihrer Erkrankung im Februar dieses Jahres plötzlich Gedächtnislücken. „Ich konnte mich nicht mehr an Wege erinnern“, schildert die 50-Jährige. „Ich konnte nicht richtig schreiben, teilweise kamen Buchstaben in Spiegelschrift aufs Papier. Das war dann schon sehr beängstigend, auch weil natürlich der erste Gedanke kam: ,Kann ich meinen Job so machen?‘“<BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="823832_image" /></div> <BR />Aufmerksamkeits-, Wortfindungsstörungen und Konzentrationsprobleme sind laut dem Komplementärmediziner Dr. Alexander Angerer ein häufiges Problem, von dem vormals an Covid-19-Erkrankte auch noch Wochen und Monate später berichten. „Klassisch ist auch eine extreme Müdigkeit, die wir Fatigue nennen, weiters Kopfschmerzen, Atemnot, Schwindel, Muskelschwäche, Verdauungsschwierigkeiten, Sensibilitätsstörungen und der Verlust von Geschmack und Geruch“, erklärt Dr. Angerer. <BR /><BR />Dabei ist nicht jeder Tag gleich. An einem Tag fühlen sich Betroffene komplett beschwerdefrei, schon Stunden später ist kaum mehr ans Aufstehen zu denken. Ist die Zeitspanne zwischen Erkrankung und Symptomen möglicher Spätfolgen lang, und war man zwischenzeitlich fit, ist die Kausalität nicht immer so leicht zu ziehen.<h3> Jeder siebte Infizierte hat Langzeitfolgen</h3>Laut der Bundesärztekammer in Deutschland, die in der vergangenen Woche zur Problematik Stellung nahm, leiden bis zu 15 Prozent der Corona-Infizierten später auch an Post-Covid-Symptomen. Aus der Wissenschaft und der Ärzteschaft wurde zuletzt immer wieder mehr Augenmerk auf die späten Folgen einer Corona-Erkrankung verlangt. Viele halten das Thema für unterschätzt. <BR /><BR />Bei Maria wurde die Krankheit zu einem heftigen Einschnitt in ihr normales Leben. Durch die Erkrankung wurde sie mehrere Monate arbeitsunfähig. „Ich wusste, ich kann ja so nicht in die Arbeit. Man kann nicht als leistungsfähige Führungskraft arbeiten, wenn man all diese Kompetenzen nicht hat.“<h3> Langanhaltender Virenbefall</h3>Auffällig: In Deutschland fiel auf, dass immer wieder Post-Covid-Patienten mit Abitur oder Hochschulabschluss fachärztlichen Rat suchen, in anderen Patientengruppen ist das vergleichsweise weniger häufig der Fall. Demnach scheinen vor allem Menschen mit geistig anspruchsvollen Jobs stark unter Konzentrationsstörungen zu leiden, häufig seien in der kognitiven Testung tatsächlich entsprechende Einschränkungen nachweisbar – oft in einem überraschend deutlichen Ausmaß.<BR /><BR />Zu Spätfolgen der Covid-19-Erankung tragen laut Dr. Alexander Angerer mehrere Prozesse bei, die von Patient zu Patient so unterschiedlich sein können wie das Beschwerdebild. „Einmal kann es sich um einen anhaltenden Virenbefall handeln. Bei einem Teil der Patienten sind die Coronaviren noch Monate nach der Infektion im Körper nachweisbar – wobei der Test schon lange negativ ist“, erklärt Dr. Angerer. In Frage kommen auch chronische Entzündungen oder Autoimmunreaktionen und direkte Gewebeschäden durch das Virus. <BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="823835_image" /></div> <BR /><BR />Der Komplementärmediziner behandelt zunehmend mehr Patienten mit anhaltenden Beschwerden nach einer Infektion. „SARS-CoV-2 kann viele Organe befallen. Außer der Lunge beispielsweise auch das Herz, die Nieren, das Gehirn, die Bauchspeicheldrüse, die Leber sowie das Nerven- und Gefäßsystem“, erklärt er. <BR /><BR />Als Faktoren, die das Risiko für Post bzw. Long Covid erhöhen, gelten – laut derzeitigem Wissensstand – Übergewicht, Vorerkrankungen und der schwere Verlauf einer akuten Covid-19-Erkrankung.<BR /><BR />Allerdings gibt es Spätfolgen auch bei zunächst symptomlosen Infektionen. „Das ist typisch für eine extrem seltene Form, die fast ausschließlich Kinder, Jugendliche und junge Erwachsenen trifft“, erklärt Dr. Alexander Angerer. Es handelt sich dabei um das Pädiatrische Inflammatorisches Multiorgan-Syndrom, abgekürzt PIMS. Wochen später tritt eine heftige Entzündung auf, die Betroffenen bekommen hohes Fieber, Hautausschlag, verschiedene Organe entzünden sich. Junge Patienten müssen dann unbedingt im Krankenhaus behandelt werden. <h3> Frauen häufiger betroffen als Männer</h3>Auffallend ist auch, dass Long Covid Frauen häufiger trifft als Männer. Die Medizin und die Wissenschaft können derzeit nur mutmaßen: Es könnte hormonelle Gründe haben oder immunologische. Eine Überlegung ist auch, dass Frauen häufiger in der Doppelbelastung Familie-Beruf seien und sich eine Auszeit, die eigentlich nach der Infektion gut täte, weniger leicht nehmen könnten als die Männer.<BR /><BR />Wie kommen Frauen damit zurecht? Maria hat für sich Strategien entwickelt, mit den Defiziten umzugehen. „Ich habe Pausen gemacht und halt auch mal beim Einkaufen oder Wäsche-Aufhängen gesagt, ich bekomme das heute nicht mehr hin, und dann muss es halt wer anders machen“, schildert sie. Mittlerweile kommt sie mit ihrer Krankheit zurecht, durch viel Bewegung komme sie langsam wieder auf die Beine. <BR /><BR /><embed id="dtext86-56558045_quote" /><BR /><BR /><BR />Ärzte und Therapeuten haben seit Ausbruch der Pandemie vor fast 3 Jahren viel dazugelernt. Gerade etwa beim Thema Bewegung gab es lange Unsicherheit. Schadet es den Patienten am Ende? Mittlerweile ist die Bewegungstherapie ein Schlüsselelement bei der Behandlung. Die allermeisten profitieren dabei von einem wohldosierten Ausdauertraining und von Bewegungstherapie. <BR /><BR />Dr. Alexander Angerer betont, dass eine individuelle und mehrere Fachbereiche und Maßnahmen umfassende Therapie unumgänglich sei. „Neben schulmedizinischen und naturheilkundlichen Therapien muss man auch an Sporttherapie, Ergotherapie und gegebenenfalls auch eine Psychotherapie denken, die maßgeblich zu einem Therapieerfolg beitragen können.“<BR /><BR />DER UNTERSCHIED<BR /><BR /> Die akute, durch das Coronavirus ausgelöste Krankheit Covid-19 (Corona Virus Disease 2019) äußert sich sehr häufig durch Fieber, Erschöpfung, Atemwegsbeschwerden, Husten und – mittlerweile seltener – Geschmacks- bzw. Geruchsstörungen. Aufgrund der Impfung gegen das Virus verlaufen die Infektionen mittlerweile großteils milde. Allerdings kann auch ein leichter oder gar symptomloser Verlauf der Erkrankung länger andauernde Beschwerden nach sich ziehen. <BR /><BR />Die Langzeitfolgen werden mit 2 Begriffen beschrieben: Long-Covid-Syndrom (Long Covid) und Post-Covid-Syndrom (Post Covid). Was ist der Unterschied? Die meisten Experten orientieren sich bei Beantwortung dieser Frage an dem Vorschlag des britischen National Institute for Health and Care Excellence, der auch in der Leitlinie der Deutschen Gesellschaft für Pneumologie und Beatmungsmedizin e. V. (DGP) übernommen worden ist:<BR /><BR /><b>Long Covid</b> bezeichnet Beschwerden, die auch 4 Wochen nach der akuten Infektion noch bestehen.<BR /><b>Post Covid</b> bezeichnet Beschwerden, die auch nach 12 Wochen und mehr (mindestens 3 Monate) nach der Infektion noch bestehen.