Im Interview gibt Dr. Pycha Tipps für Betroffene, Angehörige und Freunde. „Die meisten von uns sind so beschaffen, dass sie leichter über Weihnachten kommen, wenn sie ihrer Trauer Raum geben, und sie in dieser Zeit auch etwas ausleben“, sagt der Primar.<BR /><BR /><b>Weihnachten ist das Fest der Liebe, aber auch der schmerzhaften Erinnerungen an liebe verstorbene oder verlorene Menschen. Wie kann man diese Trauer bewältigen?</b><BR />Dr. Roger Pycha: Jeder bewältigt Trauer auf seine Weise und merkt, was ihm guttut und was weniger. Es gibt einige wenige Menschen, die die Trauer um einen lieben Angehörigen verdrängen, indem sie den Schmerz einfach wegdrücken und Weihnachten so überstehen. Doch die meisten von uns sind so beschaffen, dass sie leichter über Weihnachten kommen, wenn sie ihrer Trauer Raum geben, und sie in dieser Zeit auch etwas ausleben. Die Gefahr dabei ist aber, dass die Trauer die Feiertage überschwemmt und zum dominanten Gefühl wird. <BR /><BR /><b>Kann man dies irgendwie verhindern?</b><BR />Dr. Pycha: Ich empfehle eine rituelle Trauerbewältigung. Es gibt ganz viele Menschen, die beispielsweise zu den Gräbern gehen oder beim Gottesdienst ihrer Lieben gedenken oder zu ihnen sprechen. Es ist wichtig, sich die verstorbenen Menschen vorzustellen, sie anzusprechen und unter dem Weihnachtsbaum teilnehmen zu lassen. Nach diesem Zeitraum der Trauer sollte wieder zur Feier übergegangen werden. Viel schwieriger ist, wenn man beispielsweise beendete Partnerschaften verarbeiten muss. Denn dann leben die entsprechenden Personen, die man liebt, noch möglicherweise mit jemand Anderem und sind oft glücklicher als man selbst. Da kommen meist sehr viel zerrissene Gefühle zum Vorschein. <BR /><BR /><embed id="dtext86-57507942_quote" /><BR /><BR /><BR /><b>Was raten Sie jemandem, der sich der Trauer verschließt?</b><BR />Dr. Pycha: Eine ganz große Hilfe ist der Kontakt zu anderen Personen. Es können andere Rollen gelebt werden. Es muss nicht unbedingt das Thema Schmerz berührt werden. Schon ein verständnisvolles Gespräch, in dem man sich vorsichtig äußern kann, wie es einem geht, kann eine Erleichterung sein. Wenn jemand dann plötzlich weint, ist das nicht weiter schlimm. Weinen bringt Erleichterung und man kommt in der Regel besser über den Schmerz hinweg. Er kann gezeigt, muss nicht erklärt werden. <BR /><BR /><b>Welche Folgen kann es haben, wenn jemand den Schmerz überhaupt nicht lebt?</b><BR />Dr. Pycha: Das geschieht sehr selten. Wir alle sind so gebaut, dass Notfälle Vorrang haben. Bei einem solchen Notfall wird alles, was unsere Reaktionsfähigkeit beeinträchtigt, unterdrückt und auf einen Moment verschoben, wenn wir mehr Muße haben. Viele Menschen verhalten sich genau zu Weihnachten nach diesem Prinzip. Sie haben große Angst vor den familiären Festen und stürzen sich in Trubel und Gesellschaft. Sie drücken die Trauer weg. Das ist nicht immer die schlechteste Taktik. Man muss sich aber bewusst sein, dass man später trotzdem von diesem Thema eingeholt wird. Man könnte sich deshalb gezielt darauf vorbereiten – die Idee dahinter ist, dass einem die Trauer nicht über den Kopf wächst. Der Trauernde könnte sich schon vorher umsehen, ob er in dieser Zeit jemanden zum Reden hat, im Notfall einen Berater am Telefon oder einen Psychotherapeuten. Es gibt in Südtirol diverse Anlaufstellen, die man anrufen kann. <BR /><BR /><?Bereich TagName="Bild"_> <BR /><BR /><b>Sollte man als Betroffener den Schmerz ausleben oder sich ablenken lassen?</b><BR />Dr. Pycha: Die beste Möglichkeit ist wohl, den Schmerz zu ritualisieren und einen Rhythmus von vorher und nachher zu erzeugen, also zum Beispiel erst das Grab besuchen, dann feiern gehen. Kurz an die Ex denken, dann an die Geschenke. Ähnliches geschieht beim Totenmahl. Zunächst trauere ich am Grab und irgendwann merke ich, dass ich doch leibliche Bedürfnisse habe, denen ich nachgehen muss und auch will. Ich kann dann den Schmerz zeitlich begrenzen und zu anderen Dingen übergehen. Gelingt natürlich bei Weitem nimmt immer, aber man sollte es versuchen. Wenn ich dem Schmerz während dieser Feiertage auch Raum gebe, tue ich mich grundsätzlich leichter. Es kann ein inniger Gedanke sein, ein Gespräch, ein Gebet, ein Besuch, das Aufsuchen eines bewegenden Ortes. Oder ich rufe die Telefonseelsorge an, bespreche eine Viertelstunde das Thema, und es ist dann für mich für Weihnachten abgetan. <BR /><BR /><b>Wie sollen sich Außenstehende gegenüber trauernden Personen verhalten?</b><BR />Dr. Pycha: Hilfreich ist das Abwickeln der Festroutine. Wenn der Betroffene über seinen Schmerz zu reden beginnt, dann würde ich als Angehöriger oder guter Freund vor allem auf mich selbst und meine eigenen Energien achten. Es kostet unheimlich viele Energien, einen Menschen weit in seinen Schmerz hinein zu begleiten. Wenn ich Kraft zur Verfügung habe, kann ich das durchaus tun. Aber wenn ich mich nicht imstande fühle, mit einer solchen Situation umzugehen, ist es keine Schande zu sagen: Schau, mir geht es selbst so nahe. Bist du einverstanden, wenn wir das jetzt beenden, sonst zieht es mich auch hinunter? Wenn ich allerdings die Energien besitze, gut zuzuhören, dann ist das ein super Hilfsmittel – manchmal sogar ein Heilmittel –, dass der Betroffene reden darf. Es ist eine gute Methode, einen Schicksalsschlag zu verarbeiten. <BR /><BR /><b>Was mache ich, wenn der Betroffene in Tränen ausbricht?</b><BR />Dr. Pycha: Es heißt, Tränen lügen nicht. Ganz offensichtlich sind negative Gefühle ehrlicher als positive. Wenn ein Mensch neben mir in Tränen ausbricht, ist das ein Vertrauensbeweis. Dann ist es nur natürlich, dass ich ihn frage: Warum geht es dir nicht gut, was berührt dich, kann ich dir irgendwie beistehen? Der Betroffene wird womöglich antworten: Nein, das kannst du nicht, denn es geht um... und es folgt eine lange Geschichte. Diese lange Geschichte sollte auch zu Weihnachten Platz haben. Das Schöne daran ist, dass man irgendwann sagen kann: Jetzt gehen wir aber feiern, du brauchst einen Kontrast, schauen wir, dass auch die anderen etwas von der Feier haben und: Wir nehmen dich in unsere Mitte. Weihnachten soll Platz für alles bieten: Licht und Schatten, Schmerz und Zuwendung zum frohen Leben.<BR />