<i>Giulia Cecchettin wurde tot in einer Schlucht in Pordenone gefunden. Ihr 22-jähriger Ex-Freund Filippo Turetta wurde in Deutschland nahe Leipzig festgenommen – <a href="https://www.stol.it/artikel/chronik/turetta-stimmt-auslieferung-zu-tiefe-bestuerzung-in-italien" target="_blank" class="external-link-new-window" title="">er wird des Mordes beschuldigt.</a></i><BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="965767_image" /></div> <BR /><BR /><BR /><b>Herr Pycha, Femizide sind immer schockierend, doch geht der von Giulia den Menschen besonders unter die Haut. Die Frage, die sich viele stellen: Wie konnte ein 22-Jähriger so etwas tun?</b><BR />Roger Pycha: Junge Männer haben in der Beziehungsgestaltung oft wenig Erfahrung. Wenn sie dann in Stress kommen, suchen sie einfache Muster zur Problemlösung: Männer neigen leider mehr zum impulsiven Handeln als Frauen. Vor allem Trennungen verkraften Männer viel schlechter, weil sie diese alleine und schweigend bewältigen wollen, wie im Fall von Turetta. <BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="965617_image" /></div> <BR /><BR /><BR /><b>Die meisten Täter bei Femiziden sind älter. Sie sollten mehr Erfahrung haben, sollte man meinen.</b><BR />Pycha: Femizide kommen bei älteren Männern deswegen häufiger vor, weil die Vorspiele viel länger sind. Typische Täter wollen sich meistens schnell binden und sagen schnell Dinge wie: „Du gehörst mir“ und „Wir werden für immer beisammen bleiben.“ Diese Männer wollen Zugehörigkeit und gleichzeitig haben sie einen riesigen Bedarf, die Partnerin zu kontrollieren. Schon in jungen Beziehungen kann dann große Eifersucht entstehen, weil junge Frauen heutzutage sehr viel freizügiger sind.<BR /><BR /><BR /><embed id="dtext86-62263566_quote" /><BR /><BR /><BR /><b>Der mutmaßliche Täter Turetta war von gutem Hause, studierte, war recht erfolgreich und nicht gewalttätig. Wie passt das zusammen? Konnte man die Tat irgendwie vorhersehen?</b><BR />Pycha: Vorhersagbarkeit bei Femiziden ist schwer. Jede Frau kann Opfer eines Femizid werden. Es gibt dort keine Anzeichen. Bei Männern hingegen schon, wie die englische Kriminologin Jane Monckton Smith behauptet. <BR /><BR /><b>Was für Anzeichen sind das?</b><BR />Pycha: Männer, die zu Femiziden neigen, sind unsicher und häufig passiv aggressiv. Sie wollen schnell eine intensive Bindung und wollen diese dann um jeden Preis aufrechterhalten. Meistens geschieht das mit Kontrollmechanismen. Sie machen ihren Partnerinnen Vorschriften und beginnen sie zu überwachen. Wenn die Frau mehr Freiheit will oder sich trennen möchte, artet es aus. Die betroffenen Männer wollen die Frau dann um jeden Preis behalten und fangen an, sie zu erpressen. Sie sagen zum Beispiel: „Wenn du mich verlässt, bringe ich mich um.“<BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="965770_image" /></div> <BR /><BR /><BR /><b>Vieles spiegelt sich im Fall Turetta wider: Nach der Trennung hat Turetta gesagt, er wolle sich umbringen. Seine Ex-Freundin Giulia wollte hingegen frei sein und hätte vor einigen Tagen ihren Uni-Abschluss gemacht. Kann das der Auslöser für die Tat gewesen sein?</b><BR />Pycha: Der Uni-Abschluss ist ein Mittrigger gewesen. Der erste Trigger war: „Ich verlasse dich“. Der Zweite: „Ich gehe weit weg, du wirst mich nicht mehr sehen“. Für Turetta stirbt in dem Moment seine verzweifelte Hoffnung, sie wieder zurückzubekommen. Das hat auch mit der Intensität der Liebe zu tun.<BR /><BR /><BR /><embed id="dtext86-62263610_quote" /><BR /><BR /><BR /><b>Sie sagen Intensität der Liebe ... das kann doch nicht Liebe gewesen sein.</b><BR />Pycha: Die Intensität der Liebe schlägt unter Umständen um in eine Intensität der Trauer. Bei Turetta ist es wohl so gewesen, dass er geglaubt hatte, er hätte die Frau für immer verloren und das konnte er nicht aushalten. Wenn er sie schon verliert, soll sie vernichtet werden, dachte er sich wahrscheinlich. In dem Moment entstehen Mordfantasien, die länger andauern. Diese Taten sind deswegen meistens nicht ganz impulsiv. Es wird oft wochenlang darüber nachgedacht, wie man sie ab besten tötet. <BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="965773_image" /></div> <BR /><BR /><BR /><b>Man hatte eigentlich viel Hoffnung in die junge Generation gesetzt, dass sie es besser kann. Sie ist ja mit dem Sinn für Gleichberechtigung groß geworden.</b><BR />Pycha: Ich würde nicht sagen, dass diese Hoffnung gestorben ist. Die junge Generation hat ein noch freieres Binudungs- und Sexualverhalten. Auch wenn die junge Generation anders erzogen wurde, bleiben die jungen Männer von ihrer Genetik her unverändert. Sie neigen dazu, impulsiver und aggressiver zu reagieren. <BR /><BR /><b>Heißt das, man kann gar nichts dagegen tun?</b><BR />Pycha: Doch, man soll was dagegen tun! Junge Männer müssen wissen, dass sie eine Risikogruppe sind, wenn Beziehungen in die Brüche gehen – sie reagieren manchmal falsch. Deswegen sollten Trennungen geübt werden. Ich wäre zum Beispiel dafür, an der Oberschule Kurse zu halten, wo man lernt, wie man Krisen meistert. Junge Männer brauchen zudem ein soziales Netz, das eine Trennung abfedert. Außerdem sollten Jugendliche lernen, über ihre Gefühle zu sprechen und nicht alles in sich hineinzufressen. Ich habe große Hoffnung, dass es in Zukunft besser wird.<BR />