Eine einheitliche ladinische Sprache ist seit Jahrzehnten ein heiß diskutiertes Thema. Was sagt Tone Gasser dazu?<BR /><BR /><b>Herr Gasser, wie hat Ihre Familie auf die Verleihung des Tiroler Verdienstkreuzes reagiert?</b><BR />Anton „Tone“ Gasser: Diese schöne Nachricht haben alle in meiner Familie mit großer Freude aufgenommen, vor allem meine Frau Elsa, die immer hinter meiner kulturellen Arbeit gestanden ist und mich auch unterstützt hat, indem sie die Texte, die ich geschrieben habe, fast immer gegengelesen hat. Nach der Verleihung des Verdienstkreuzes hat sich auch die ganze Familie zu einem Abendessen versammelt, um diese Auszeichnung zu feiern. Es war für mich eine große Überraschung, als ich erfahren habe, dass ich das Verdienstkreuz bekommen werde.<BR /><BR /><b>Ihre Leistungen für den Erhalt und die Pflege der ladinischen Sprache des Gadertales ist bekanntlich unbezahlbar. Wie kamen Sie dazu, so viel Zeit und Energie in diesen Bereich zu investieren?</b><BR />Gasser: Nach dem Zweiten Vatikanum ist hier im Gadertal das Italienische als Liturgiesprache eingeführt worden. 1984 wurde ein Kirchenbuch für das Gadertal in rein ladinischer Sprache zur Feier der Liturgie herausgegeben – und zwar durch das Ladinische Kulturinstitut in Zusammenarbeit mit Priestern und Laien. Da ich als Vorbeter und Chorsänger die Muttersprache als geeigneter empfunden habe, den Glauben zum Ausdruck zu bringen, begann ich, weitere liturgische Texte ins Ladinische zu übersetzen und Liedtexte zu verfassen. Je mehr Texte übersetzt wurden, umso mehr wurde das Ladinische in der Kirche verwendet. Insgesamt sehe ich, dass mein Einsatz für die ladinische Sprache Früchte getragen hat. <BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="945943_image" /></div> <BR /><BR /><BR /><BR /><b>Wie stehen eigentlich die jungen Gadertaler zur ladinischen Sprache? Sorgen Sie sich um die Zukunft Ihrer Sprache?</b><BR />Gasser: Wenn ich auf meine Jugendzeit zurückblicke, stelle ich fest, dass heute das Ladinische in der schriftlichen, privaten Kommunikation mehr verwendet wird als früher. Ich habe den Eindruck, dass die ladinische Sprache von unseren jungen Leuten geschätzt wird. Der Einfluss der italienischen und der deutschen Sprache ist allerdings sehr stark, weshalb wir bei der Pflege des Ladinischen dahinter bleiben müssen. <BR />Es ist auch wichtig, dass neue Ausdrücke möglichst ins Ladinische übersetzt werden. 1990 ist das Ladinische in der öffentlichen Verwaltung der ladinischen Gemeinden als dritte Amtssprache eingeführt worden, und das ist ein Gebiet, das nicht vernachlässigt werden darf. Im kirchlichen Bereich ist vor Kurzem ein neues Gesang- und Gebetbuch erschienen, für dessen Entstehung ich mich intensiv einbringen durfte. Wenn wir mit diesem Buch, das zum Großteil in ladinischer Sprache verfasst wurde, Erfolg hätten, würde mich das sehr freuen. <BR />Hier möchte ich aber anmerken, dass unser Kulturinstitut durch seine Veröffentlichungen sowie durch die Herausgabe und die ständige Überarbeitung der Wörterbücher eine feste Grundlage für das Weiterbestehen unserer ladinischen Sprache darstellt. Und auch die Grammatik wird ständig verbessert. Das ist auch sehr wichtig.<BR /><BR /><b>Sie haben nach der Matura 2 Jahre das Priesterseminar in Brixen besucht. Bereuen Sie es heute, den Weg bis zum Priesterberuf nicht weitergegangen zu sein?</b><BR />Gasser: Als Student spielte ich mit dem Gedanken, Priester zu werden. Ich habe das Priesterseminar nach 2 Jahren aber verlassen. Nach einer Anstellung beim KVW habe ich Jus studiert. Danach arbeitete ich bis zu meiner Pensionierung als Gemeindesekretär in St. Martin in Thurn. Ich bereue es rückblickend nicht, das Priesterseminar abgebrochen und einen anderen Weg eingeschlagen zu haben, die Zeit im Seminar möchte ich aber nicht missen. Diese 2 Jahre waren sicher ein Ansporn für meine Tätigkeit in der Kirche.<BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="945946_image" /></div> <BR /><BR /><BR /><b>Wie schaut es im Gadertal eigentlich mit dem Glauben aus, schwindet er so wie in den großen Ortschaften und Tälern? Oder hat der Glaube in den Tälern noch einen höheren Stellenwert als in den Zentren?</b><BR />Gasser: Ich habe den Eindruck, dass Glaube und Religiosität auch in unserem Tal schwächer geworden sind, aber nicht so wie in den Städten und Zentren. In den Tälern werden gewisse Feste und Feiern noch intensiv gelebt, aber im Allgemeinen bleibt auch hier die Zeit nicht stehen.<BR /><BR /><b>Was wünschen Sie sich für die ladinische Sprache für die Zukunft?</b><BR />Gasser: Nein, ich würde mir aber auch dort noch mehr treibende Kräfte zum Erhalt der ladinischen Sprache wünschen. In Gröden hat man sich beispielsweise mit dem deutschsprachigen Gotteslob begnügt, in dem nur einige wenige ladinische Lieder zu finden sind und sonst nichts. Das ist schade. <BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="945949_image" /></div> <BR /><BR /><BR /><b>In Gröden sind Sie nicht kulturell tätig?</b><BR />Gasser: Nein, ich würde mir aber auch dort noch mehr treibende Kräfte zum Erhalt der ladinischen Sprache wünschen. In Gröden hat man sich beispielsweise mit dem deutschsprachigen Gotteslob begnügt, in dem nur einige wenige ladinische Lieder zu finden sind und sonst nichts. Das ist schade.<BR /><BR /><b>Wäre es in Ihren Augen sinnvoll, eine einheitliche ladinische Sprache einzuführen?</b><BR />Gasser: Es gibt bereits das „Ladin Dolomitan“, das in einigen Artikeln der ladinischen Wochenzeitung „La Usc di Ladins“ und in manchen allgemeinen Bestimmungen zu finden ist. Da aber die Sprachunterschiede zwischen den 5 ladinischen Tälern einfach sehr groß sind, wären die Leute überfordert, wenn ihnen eine einheitliche Sprache aufgezwungen würde. Es ist aber schon viel erreicht worden, als man sich in jedem Tal auf ein einheitliches Idiom geeinigt hat.<BR /><BR />