Im Weihnachtsinterview mit Bischof Muser geht es auch um die Zukunft der Kirche im Land. Fest steht, dass noch mehr Pfarrhäuser und vor allem Kirchenbänke leer bleiben werden. Aber auch der neue Firmweg trägt dazu bei, dass viele junge Menschen dieses Sakrament nicht mehr empfangen werden. Wie lebt der Bischof mit diesen Aussichten? Und ist auch bei Taufe und Erstkommunion geplant, dass der bewusste Empfang dieser Sakramente in den Vordergrund rückt – auch um den Preis, dass sie dann viele nicht mehr erhalten werden?<BR /><BR /><b>Sie haben in diesem Jahr die ersten Jugendlichen gefirmt, die mindestens 16 Jahre alt sind und eine deutlich längere Vorbereitung absolviert haben. Damit werden künftig deutlich weniger junge Menschen die Firmung empfangen. Können Sie damit leben?</b><BR />Bischof Muser: Diese Frage wird mir oft gestellt: Herr Bischof, möchten Sie Menschen verlieren? Ist es ihnen egal? Ich antworte: Nein, absolut nicht. Die kirchliche Botschaft wendet sich an alle, lädt alle ein, alle sind willkommen. Aber – und das ist wichtig – nicht immer zu den eigenen Bedingungen. Ich denke hier oft an die Ursprünge der Kirche. Sie war von Anfang an angelegt nicht für ein Geschlecht, nicht für ein Volk, für eine Nation. Aber sie lebt von Profil und Identität. Um das geht es: Wir wollen nicht kleiner werden, zu einer Elitekirche, zu einer Art Sekte. Aber es geht nicht ohne Profil und Identität. Genau das meinen die biblischen Bilder vom Salz und vom Licht für die Welt. Dieses Profil gewinnen wir durch den freudigen Beitrag von Christinnen und Christen für die Gesellschaft. <BR /><BR /><b>Sie glauben, dass das der Weg der Kirche ist?</b><BR />Bischof Muser: Um bei dieser Firmung zu bleiben: Es war eine sehr kleine Gruppe, 8 Leute. Aber ich habe inzwischen gehört, dass 20 von denen, die auch bei diesem Firmweg mittun hätten können, sich auf den Weg machen. Aber ich höre auch, dass in Pfarreien 50 oder 70 Prozent der möglichen Kandidatinnen und Kandidaten mitmachen. Ich glaube, die Akzeptanz wächst.<BR /><BR /><b>Das wäre mit ein Grund, auch bei der Erstkommunion anzusetzen, wo die die Dinge ja ähnlich liegen: Viele gehen „automatisch“ hin, aber das religiöse Element perlt an der Oberfläche ab. Planen Sie dort eine ähnliche Reform wie bei der Firmung?</b><BR />Bischof Ivo Muser: Noch grundlegender ist sicher die Taufe. Wir alle müssen darüber nachdenken. Die Firmung sollte uns sensibler machen für die ganze Vorbereitung auf die Sakramente. Wir müssen uns zum Beispiel fragen: Wieso taufen wir das Kind, wenn wir mit Kirche nichts mehr am Hut haben wollen? Kirche will da nicht ausladen, sie ist nicht Herrin der Sakramente. Aber wir sind jetzt in der Zeit, wo jede und jeder darüber nachdenken muss: Will ich Christ sein? Mit dieser bewussten Entscheidung wächst die Freude, wächst das Profil. <BR /><BR /><embed id="dtext86-57521082_quote" /><BR /><BR /><BR /><b>In diesem Jahr sorgten Bischöfe in der Schweiz und in England für Schlagzeilen, weil sie deutlich vor Erreichen der Altersgrenze von 75 Jahren zurücktraten – wegen der Überlastung durch das Amt. Wie geht es Ihnen mit dieser Bürde als Bischof?</b><BR />Bischof Muser: Diese Phänomene werden zunehmen. Wir wissen ja auch, dass immer häufiger Kandidaten für das Bischofsamt ablehnen, weil sie sich das nicht zutrauen. Das Amt lebt im Grunde von einer Aufgabe: Einheit stiften. Einheit heute leben und stiften, das ist viel schwieriger geworden. Auch in meinen 11 Amtsjahren. Immer mehr gibt es Menschen und Gruppen, die von der Kirche das verlangen, was ihnen entsprechen muss. Aber die Kirche ist eine Art Sammelpartei, eine Sammelbewegung. Aber es gibt immer weniger Identifikation mit dem Ganzen. <BR /><BR /><b>Wo lesen Sie das ab?</b><BR />Bischof Muser: Zum Beispiel in der Haltung: Der Gottesdienst muss mir entsprechen. Oder: Sobald ich die Kirche brauche, hat sie zu funktionieren. Ein deutliches Beispiel ist auch die Bewertung von Papst Franziskus: Solange er das sagt, was mir entspricht, macht er das gut. Aber sonst ist er unten durch. Ich denke hier an die vielen Mails, die ich erhalte. Nichts dagegen, auch nicht gegen Kritik. Aber oft ist es die Haltung: Mir passt etwas nicht und ich melde mich sofort. Wer aber schaut auf das Ganze?<BR /><BR /><b>Hat es bei Ihnen in den 11 Jahren einen Punkt gegeben, an dem Sie alles hinwerfen wollten?</b><BR />Bischof Muser: Ich habe nie an Rücktritt gedacht. Aber dass ich oft müde bin, dass ich viele offene Fragen habe und an meine Grenzen komme – das stimmt. Das Amt ist in diesen 11 Jahren aber schwieriger geworden, weil diese Tendenzen zum Individualismus einfach zunehmen. Was mich trägt, ist das viele Wohlwollen, das mir Menschen entgegenbringen. <BR /><BR />HINWEIS: Im ersten Teil des Weihnachtsinterviews auf s+ beantwortet Bischof Muser die Frage, ob die Kirche mehr für die Aufnahme von Flüchtlingen und Obdachlosen tun könnte, was er von Südtirols Beitrag zum Klimaschutz hält und warum er sich von der heimischen Politik „unpopuläre Maßnahmen“ wünscht.