Was nicht passt, wird passend gemacht: Als Jana Lanziner 2019 nach Berlin kam, hoffte sie auf ein Mode-Studium. Dass sie ein Jahr später – ohne Studienplatz – aber mit ihrem eigenen Label „Hice“ durchstarten würde, hätte sich die Kaltererin damals nicht erträumt.<BR /><BR /><i>von Lisa Maria Kerschbaumer</i><BR /><BR />Schon in ihrer Jugend nähte sich Jana Lanziner aus Kaltern ihre Klamotten meist selbst. Dass die ausgebildete Schneiderin ihre eigenen Kreationen irgendwann einmal in die ganze Welt verschicken würde, war für sie noch vor einem halben Jahr aber nichts weiter als ein Traum. Doch auch wenn ihr Modelabel „Hice“ (eine Zusammensetzung der Worte „heiß“ und „nice“, engl. für „nett/schön“) erst in den Kinderschuhen steckt, hat die Anfang 20-Jährige bereits einige Prüfungen überstehen müssen. Wie diese zu einer ausverkauften Kollektion und einer hartnäckigen Prüfungsangst führen konnten, erzählt sie.<BR /><BR /><b>Vom Heimweh zum Fernweh</b><BR /><BR />Die Südtirolerin wusste schon früh, was sie glücklich macht: das Nähen. Als 14-Jährige entschied sie sich, eine Ausbildung als Schneiderin an einer Berufsschule in Trient zu machen. Doch so ganz wollte sich Jana Lanziner damals noch nicht von der Heimat lösen. „Ich wollte nicht im Heim wohnen und bin deshalb jeden Tag von Kaltern nach Trient und wieder zurück gependelt“, erinnert sie sich. Ganz zu Hause fühlte sie sich in der Nachbarprovinz eben doch nicht: „Ich war die komische Deutsche, die zwar alles verstand, aber selbst nie reden wollte.“ <BR /><BR />Ihre Unsicherheit hat Jana Lanziner aber über die Jahre abgelegt. Sie vertiefte sich ins Studium und entdeckte immer mehr, die Liebe zu Nadel und Faden: „Nach vier Jahren in Trient war ich ausgebildete Bekleidungstechnikerin. Danach holte ich in Bozen noch meine Matura nach.“ Doch Südtirol wurde dem kreativen Freigeist schon bald zu eng: „Ich wollte weggehen und studieren. Ich hatte oft das Gefühl, dass ich in Südtirol nur wenig Anschluss fand.“ <BR /><BR /><b>Absage in der Mailbox</b><BR /><BR />Nach ersten Nachforschungen stand eine Privatuni in Mailand ganz oben auf ihrer Wunschliste, allerdings wurde sie von den finanziellen Voraussetzungen der Universität schnell wieder auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt: „Als ich bei der Uni anrief, um mich über das Studium zu informieren, war die erste Frage, die mir gestellt wurde: Wie viel verdienen deine Eltern?“ <BR /><BR />Enttäuscht darüber, dass an der Privatuniversität nicht das Talent, sondern die Tiefe der Brieftasche entscheiden sollte, machte die Kaltererin eine Kehrtwende und fand schließlich eine öffentliche Universität in Berlin, für die sie sich bewarb. „Ich kam in die letzte Runde des Auswahlverfahrens und war im Kopf schon in Berlin“, sagt Lanziner. <BR /><BR /><b>„Phobie vor Aufnahmeprüfungen“</b><BR /><BR />Als dann schlussendlich doch eine Ablehnung der Universität in ihrer Mailbox landete, war die Enttäuschung groß. „Ich beschloss einfach, trotzdem in die deutsche Hauptstadt zu ziehen und mich im Jahr darauf nochmal zu bewerben. In der Zwischenzeit wollte ich in Berlin als Schneiderin arbeiten.“ Und so waren im Oktober 2019 die Koffer gepackt; die Kaltererin reiste rund 800 Kilometer nördlich bis nach Berlin.<BR /><BR />Doch auch der zweite Versuch, sich bei der Uni zu bewerben, schlug fehl: „Die ganzen Ablehnungen lassen einen ziemlich an sich selbst zweifeln, vor allem weil die Universitäten aus rechtlichen Gründen die Ablehnung immer mit ‚nicht ausreichend kreatives Talent‘ begründen. Ich hab mittlerweile eine richtige Aufnahmeprüfungs-Phobie entwickelt“, lacht Jana Lanziner.<BR /><BR /><b>Nächte auf der Luftmatratze</b><BR /><BR />Angekommen in Berlin, ging es für Jana Lanziner somit in mehrerlei Hinsicht drunter und drüber: „In den ersten zwei Monaten schlief ich bei einem Freund auf der Luftmatratze.“ Die Wohnungssuche gestaltete sich zu Beginn recht schwer: „Den Lebensunterhalt verdiente ich als Schneiderin für das Modelabel ‚Rianna + Nina‘“. Doch dass sie nicht für immer die Designs anderer anfertigen wollte, wurde ihr ziemlich schnell klar. „Ich habe irgendwann angefangen, meine eigenen Sachen zu kreieren. Es waren vor allem Sachen, die ich für mich selbst zum Ausgehen entworfen habe“, so Lanziner.<BR /><BR />Über die freizügige Natur ihrer Mode schmunzelt sie: „Ich trage gerne solche Sachen. In Südtirol bin ich deshalb oft etwas angeeckt. Aber die Berliner Szene ist dafür perfekt.“ Mit dem befreundeten Fotografen Jules Esick schoss die junge Schneiderin Fotos von ihren Kreationen und eröffnete einen Shop auf dem Online-Forum „etsy“. „Anfangs habe ich probiert, ‚Hice‘ über meinen persönlichen Instagram-Account zu promoten, aber das hat nicht sehr gut geklappt“, erinnert sie sich. <BR /><BR />Der Durchbruch aber kam, als Jana Lanziner von der Initiative der „Germany's Next Topmodel“-Kandidatin Mareike Lerch hörte, einen Online-Shop für kleine Berliner Modemarken zu organisieren: internetxdoll.com. „Ich habe ihr einfach eine Mail geschickt, und in kürzester Zeit haben wir uns zu einem Treffen verabredet. Eine Woche später trafen wir uns zum professionellen Fotoshooting.“ <BR /><BR />Kurz darauf ging Jana Lanziners Kollektion schließlich online: „Drei Minuten später rief mich Mareike ganz aufgeregt an und sagte mir dass ständig neue Bestellungen reinkommen würden.“ Nur ein paar Stunden später waren die „Hice“-Artikel ausverkauft. „Seitdem habe ich alle anderen Jobs abgesagt und arbeite Tag für Tag an den Bestellungen.“<BR /><BR /><embed id="dtext86-47169395_gallery" /><BR />