Der Theologe Christoph Amor, Professor für Dogmatik (Glaubenslehre) an der Philosophisch-Theologischen Hochschule in Brixen, hat Antworten auf diese Fragen – und er räumt im Interview mit einigen veralteten Vorstellungen auf.<BR /><BR /><b>Ganz plakativ gefragt: Sitzen viele Verstorbene in der Kabine der Seilbahn nach „ganz oben“, aber sie können nicht fahren, weil das Ticket noch nicht oder nur zum Teil bezahlt ist? Müssen also die Lebenden mit ihren Gebeten den Preis für die Fahrt ins Jenseits aufbringen?</b><BR />Christoph Amor: Die schnelle Antwort würde lauten: An und für sich nicht, denn was Verstorbene letztlich brauchen, ist nicht unsere Unterstützung, sondern Gott. Aber ich darf etwas weiter ausholen: Diese jahrhundertelange Praxis, dass wir für Verstorbene beten, drückt zunächst etwas sehr Menschliches aus. Das würde auch der größte Kirchenkritiker akzeptieren: Dass wir nämlich einen Menschen, der gestorben ist, nicht einfach abschreiben und vergessen. Für jemanden beten bedeutet also, sich seiner erinnern. Das ist die Grundlage. <BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1090713_image" /></div> <BR /><BR /><b>Für diese Erinnerung würde es auch genügen, eine Kerze anzuzünden oder im Fotoalbum zu blättern.</b><BR />Amor: Durchaus, aber in der katholischen Tradition satteln wir noch 2 Dinge drauf. Einmal sind wir davon überzeugt, dass dieser Verstorbene noch weiter existiert, er lebt weiter. Wenn wir uns in der Kirche versammeln, sind wir uns bewusst, dass wir eine Gemeinschaft bilden, die aus Lebenden und so genannten Verstorbenen besteht – auch wenn wir sie nicht sehen. Das Gebet macht also immer wieder bewusst, dass sie Teil dieser Gemeinschaft sind. <BR /><BR /><b>Aber sie brauchen das Gebet im Grunde nicht...</b><BR />Amor: Da ist in der katholischen Lehre die Vorstellung, die wir vom Apostel Paulus aus dem Neuen Testament beziehen. Er vergleicht die christlichen Gemeinden mit einem Körper: Jede und jeder, ob alt oder jung, angesehen oder weniger – alle sind ein Teil dieses Körpers, jede und jeden braucht es. Was Paulus damit auch meint: Wenn ein Teil dieses Körpers sich freut oder leidet, dann betrifft es den gesamten Organismus. Wenn wir Migräne haben, sagen wir ja auch nicht, dass nur der Kopf weht tut, sondern dass ich eben Migräne habe. Es gibt also so etwas wie Solidarität in dieser sichtbaren und unsichtbaren Gemeinschaft. <BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1090716_image" /></div> <BR /><BR /><b>Wenn Sie vom Leiden der Verstorbenen sprechen, denken viele sofort an die „Armen Seelen“, das Fegefeuer. Ist das damit gemeint?</b><BR />Amor: Nach kirchlicher Vorstellung gibt es beim Tod eines Menschen 3 Möglichkeiten. Einmal: Jemand mit sozusagen blütenweißer Weste kommt nach dem persönlichen Gericht direkt in den Himmel. Dann: Wenn jemand als Schwerverbrecher stirbt, für den jedes menschliche Gefühl abgestorben ist, für den gibt es keine Rettung mehr. Also das, was wir Verdammnis oder Hölle nennen. Genauso wie bei der ersten Gruppe dürften das sehr wenige sein. Und dann die Frage: Was ist mit der großen Gruppe, die für die Hölle zu gut sind, aber bei denen es für den Himmel noch nicht reicht?<BR /><BR /><b>Ja, was ist mit denen?</b><BR />Amor: Hier sagt die Kirche: Für diese Menschen gibt es so etwas wie einen Läuterungszustand. Im Volksmund spricht man vom Fegefeuer. Dazu gibt es in der Volksfrömmigkeit und auch in der Kunst sehr unterschiedliche Vorstellungen, die zum Teil nicht unproblematisch sind. Da ist etwa die Rede von den „Armen Seelen“, die im Flammenmeer sitzen und leiden müssen. <BR /><BR /><b>Was ist daran problematisch?</b><BR />Amor: Die neuere Theologie geht in eine andere Richtung: Der Mensch, der auf einem guten Weg war, der sich auf Gott in seinem Leben ausgerichtet hat, aber nach seinem Tod noch nicht ganz am Ziel angelangt ist – der muss nach kirchlicher Lehre noch geläutert werden. Man könnte ein moderneres Bild nehmen und sagen: Das ist wie wenn jemand in der Begegnung mit einem inspirierenden Menschen ein Stück weit über sich hinauswächst. Dieses Bild könnten wir verwenden. Im Tod – so glaubt die Kirche – begegnen wir unserem Schöpfer. Dabei begegnen wir der Fülle der Liebe, der Menschenfreundlichkeit, der Barmherzigkeit. Hier werden wir also mit einem Ideal konfrontiert und wir erkennen, dass wir dahinter zurück bleiben. Das ist die erschütternde Erfahrung des Fegefeuers. <BR /><BR /><b>Kann diese Erfahrung des Fegefeuers mit Gedenkmessen und Gebeten gewissermaßen verkürzt oder erleichtert werden?</b><BR />Amor: Da muss ich ehrlich sagen, dass wir nur spekulieren können. Es gibt diese gute kirchliche Praxis. Aber im Grunde kann niemand von uns ins Jenseits blicken und überprüfen, was unsere Praxis bewirkt. Was wir aber sehr wohl sagen können, ist eine menschliche Überlegung: Diese Praxis ist insofern etwas Positives und sie bewirkt auch etwas, weil Verstorbene merken, dass sie uns weiterhin am Herzen liegen. Diese Erfahrung tut jedem Menschen gut. Ich gehe davon aus, dass dies auch für Verstorbene gilt. <BR /><BR />Mehr zu diesem Thema? Im Podcast „Martins Sonn(der)tag“ beantwortet Christoph Amor noch weitere Fragen zu diesem Thema. <a href="https://www.stol.it/artikel/panorama/martins-sonndertag-brauchen-verstorbene-unsere-gebete" target="_blank" class="external-link-new-window" title="">Hier </a>geht es zum Podcast.