„Mittelfristig wird der Winter, so wie bisher gekannt, nicht mehr funktionieren“, sagt Judith Rainer, die HGV-Bezirksobfrau des Pustertales/Gadertales.<BR /><BR /><BR /><b>Frau Rainer, Sie sitzen als Hotelierin seit geraumer Zeit in diversen touristischen Führungsgremien, waren Gebietsobfrau des HGV Oberpustertal, sind Ortsobfrau des HGV Sexten und seit kurzem auch Obfrau des HGV-Bezirkes Pustertal/Gadertal sowie als HGV-Vizepräsidentin Teil des Landesausschusses des Hoteliers- und Gastwirteverbandes. Was hat sie dazu bewogen, für das Amt der HGV-Bezirksobfrau zu kandidieren?</b><BR /><BR />Judith Rainer: Aufgrund der HGV-internen Mandatsbeschränkung konnte mein Vorgänger Thomas Walch nach 16 Jahren nicht mehr als Bezirksobmann kandidieren. Was mich dann zur Kandidatur bewogen hat, war der Einsatz des HGV in der Pandemie. Wie effizient zum Wohle der Mitglieder von Anfang an gearbeitet wurde, hat mich schwer beeindruckt. Hier wurde tatsächlich -auch in Einzelfällen- geholfen. Die zielstrebige ausgleichende Art unseres Präsidenten Manfred Pinzger hat dazu maßgeblich beigetragen.<BR /><BR /><embed id="dtext86-52166074_quote" /><BR /><BR /><b>Sie übernehmen die Führung eines der stärksten Bezirke nämlich Pustertal und Gadertal in einer Zeit, wo der Tourismus zur Krisenbranche in der Corona-Pandemie geworden ist. Worin liegt Ihrer Meinung nach die Herausforderung?</b><BR /><BR />Rainer: Südtirol ist ein Land, das mit allem reich gesegnet ist. Daher gilt es im Sommer die Balance zu halten zwischen „Gut und zu viel“. Weiters ist an der positiven Tourismusgesinnung bei der Bevölkerung zu arbeiten. Vergessen wir nicht, dass in den 1960er Jahren der Grundstein für den wirtschaftlichen Aufschwung unseres Landes gelegt worden ist. Dabei hat das Hotel- und Gastgewebe einen wesentlichen Anteil. Der Tourismus war und ist ein guter Arbeitgeber und bietet attraktive Arbeitsplätze bis in die entlegensten Täler. Ich wünsche mir, dass die Wertschätzung hierfür wieder mehr Gewicht bekommt. <BR />Mittelfristig wird der Winter, so wie bisher gekannt, nicht mehr funktionieren. Es braucht ein Ergänzungsangebot zum klassischen Skilauf mit alternativen Freizeit- und Sportmöglichkeiten. In dieser Hinsicht ist schon viel unternommen worden. Wir müssen diesen Weg aber weitergehen. Diese Entwicklung hat Corona noch befeuert. <BR /><BR /><b>Welche Ziele haben Sie sich für ihre vierjährige Amtszeit gesteckt?</b><BR /><BR />Rainer: Ich möchte kohärent den größtmöglichen gemeinsamen Nenner unter unseren Mitgliedern finden und diesen bestmöglich nach außen vertreten. Nicht alles was möglich ist, muss auch gut sein, denn oft kann weniger auch mehr sein. Ich unterstütze den derzeitigen Kurs des HGV in der Urbanistik. Erweiterungsmöglichkeiten ja, aber nein zu Neubauten auf der grünen Wiese. Und ja zu sparsamerem Umgang mit den Ressourcen.<BR /><BR /><embed id="dtext86-52166076_quote" /><BR /><BR />Ein spezielles Auge müssen wir auf unsere vielen kleinstrukturierten Betriebe in der Gastronomie und Beherbergung werfen. Sie bilden das Rückgrat unseres Tourismus in unseren Dörfern. Sie müssen besonders unterstützt werden, damit sie sich entwickeln können, ansonsten sterben unsere Dörfer. Das Dorfgasthaus, die Dorfbar sind entscheidend für das Zusammenleben vor Ort. Sie üben eine wesentliche soziale Funktion aus. <BR /><BR /><b>„Tote“ Betten und aufgelassene Betriebe</b><BR /><BR />Eine wichtige Thematik sind für mich auch die „toten Betten“ und aufgelassene Betriebe. Wie können wir diese revitalisieren? Wir müssen dem Zweitwohnungstourismus entgegenwirken, denn dieser hat maßgeblichen Einfluss auf die Entwicklung, das Zusammenleben, das Erscheinungsbild, die Sprache usw. in unseren Dörfern in den nächsten 20 Jahren. Dies ist bei der Politik leider immer noch nicht wirklich angekommen. Es müsste schnell gehandelt werden. All das empfinde ich als Auftrag, den der HGV wahrnehmen muss.<BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="720404_image" /></div> <BR /><BR />Ein weiterer Bereich, der verstärkt im Fokus stehen wird, ist die Verlängerung der Saisonen bzw. die Stärkung der Randsaisonen. Dadurch soll es uns gelingen, das Gästeaufkommen etwas ausgeglichener auf das ganze Jahr zu verteilen. Und dadurch die von der Bevölkerung wahrgenommene Belastung, etwa auf den Straßen, zu reduzieren. Auch hier gibt es bereits gute Ansätze, die weiterverfolgt werden müssen. <BR /><BR /><b>Wie kann sich der Tourismus im Bezirk nachhaltig entwickeln, ohne dass das Leben der Menschen vor Ort unter die Räder gerät?</b><BR /><BR />Rainer: Ich denke, im Tourismus ist zu gewissen Zeiten ein gutes Maß erreicht. Es gilt nun die ganze Kraft in die Qualität zu stecken. Wir müssen uns trauen, für das was wir bieten, einen angemessenen Preis zu verlangen – quer durch alle Branchen. Das reguliert bestimmte Ströme, die gerne mit dem Unwort „Overtourism“ abgetan werden. Vielleicht sinkt dadurch die Auslastung der Betriebe, es steigert aber die Wertschöpfung und verbessert die Lebensqualität insgesamt. <BR /><BR /><embed id="dtext86-52166769_quote" /><BR /><BR />Die Verkehrsentwicklung ist ein Thema, an dem bereits massiv gearbeitet wird. Wobei ich betone, dass nicht alles dem Tourismus in die Schuhe geschoben werden darf. Natürlich bringt der Tourismus Verkehr und andere Belastungen mit sich. Natürlich fühlt sich die Bevölkerung bisweilen nicht mehr Wohl. Aber denken wir auch daran, dass Gastronomie und Beherbergung in ganz Südtirol rund 35.000 Arbeitsplätze bieten, dass vom Wohlergehen unseres Sektors viele Zulieferbranchen, die Landwirtschaft, der Handel, die Skigebiete und das heimische Handwerk enorm profitieren. Ich plädiere dafür, die Thematik auch aus dieser Perspektive zu betrachten.<BR /> Zugleich bin ich überzeugt, dass es ein „Mehr“ an Miteinander im Ort braucht. Das Vereinsleben und die Tätigkeiten von beispielsweise Chören und Musikkapellen müssen von uns Wirtinnen und Wirten wieder mehr wertgeschätzt werden.<BR /><BR />Generell brauchen wir aber das „warme Wasser“ nicht neu zu erfinden. Besinnen wir uns auf unsere Wurzeln, die Freundlichkeit und Herzlichkeit, die unsere Branche in den Pionierzeiten des Hotel- und Gastgewerbes zu dem gemacht hat, was wir heute sind. Darin sehe ich eine tolle Aufgabe, auch für zukünftige Generationen.<BR /><BR />