Freitag, 04. Mai 2018

Hungerlöhne: Migranten auf Italiens Feldern ausgebeutet

In der Gegend um den Ort Rosarno in Kalabrien leben circa 3.500 afrikanische Saisonarbeiter, die in den Feldern der Gegend bei der Ernte von Zitrusfrüchten eingesetzt werden, in Slums, unter Plastikplanen ohne Strom und fließendes Wasser. Die hygienische Lage sei katastrophal, die Lebensbedingungen unmenschlich, klagt der Verband Ärzte für Menschenrechte (MEDU).

Viele Migranten werden auf den Feldern schamlos ausgenutzt
Viele Migranten werden auf den Feldern schamlos ausgenutzt - Foto: © shutterstock

Vor fünf Jahren richtete MEDU ein kleines Feldlazarett ein, um den Saisonarbeitern in Rosarno medizinische Versorgung zu sichern. Von Dezember bis April hat MEDU 484 Menschen behandelt, 57 Prozent davon leben seit weniger als drei Jahren in Italien, berichtete der Verband bei einer Pressekonferenz in Rom. Die Hälfte der Saisonarbeiter hat nur schlechte Italienisch-Kenntnisse. Die Saisonarbeiter, die durchschnittlich 29 Jahre alt sind, stammen aus Subsahara-Afrika. Bei vielen behandelten Migranten wurden Narben festgestellt, die auf Folter während ihres Aufenthalts in Libyen zurückzuführen seien.

Lediglich 30 Prozent aller Saisonarbeiter haben einen Arbeitsvertrag, alle anderen seien Taglöhner und das ganze Jahr, rund um die Uhr, einsatzbereit. Viele Erntehelfer werden zudem von der 'Ndrangheta, der kalabresischen Mafia, ausgebeutet, die die Arbeit auf den Feldern kontrolliert.

„Das Ghetto San Ferdinando wird von den politischen Kräften in Italien ignoriert“, klagte MEDU in seinem neuveröffentlichten Bericht „Die Verdammten der Erde“. Im vergangenen Jänner war in einer Barackensiedlung im Ghetto San Ferdinando ein Brand ausgebrochen. Dabei kam eine 30-jährige Nigerianerin ums Leben, zwei weitere Migranten wurden mit Brandwunden ins Krankenhaus eingeliefert.

Zusammenstöße zwischen Einwanderern und Einheimischen 2010

Das Geschäft mit illegalen Einwanderern, die auf den Feldern Süditaliens ausgebeutet werden, ist schon seit Jahren ein Thema. 2010 waren in Rosarno bei zweitägigen Zusammenstößen zwischen Einwanderern und Einheimischen sowie Polizisten 67 Menschen verletzt worden. Mehr als tausend afrikanische Erntehelfer verließen daraufhin die Stadt aus Angst vor weiterer Gewalt. „In diesen acht Jahren hat sich nichts geändert, im Gegenteil, das Klima hat sich in Italien für die Einwanderer verschlechtert. Rund um das Thema Migration wachsen Ausländerfeindlichkeit und Hass“, klagte der Sprecher von Amnesty International, Riccardo Noury.

Die Bewohner Rosarnos fühlen sich von der großen afrikanischen Gemeinde bedroht. Spannungen zwischen afrikanischen Einwanderern und der Lokalbevölkerung sind keine Neuigkeit. Nach Lösungen wird gerungen. Einige leere Wohnungen wurden Migranten im Rahmen eines Programms für soziales Wohnen zu stark begünstigten Mieten zur Verfügung gestellt. MEDU fordert Finanzierungen für ein mehrjähriges Programm zur Förderung von Sozialwohnungen für Saisonarbeiter, damit das Ghetto von San Ferdinando schrittweise abgebaut werden kann.

Der Ärzteverband verlangt auch eine Vereinfachung der Prozeduren für den Erhalt des Asylrechts und fordert stärkere Kontrollen in Landwirtschaftsunternehmen. Migranten sollte der Zugang zu Berufsbildungszentren sowie zu Stellen durch die Jobvermittlung erleichtert werden. Der Kampf gegen die Schwarzarbeit müsse in der gesamten süditalienischen Landwirtschaft von den Behörden entschlossener vorangetrieben werden, meint der Ärzteverband.

apa

stol