Montag, 11. Januar 2016

„Ich bin 1947 staatenlos aus Südtirol gekommen“

Seine früheste Kindheit hat er im Wipptal verbracht. Heute geht er ins Rennen um das höchste Amt der Bundesrepublik Österreich. Andreas Khol soll im Frühjahr für die ÖVP das Rennen um die Bundespräsidentschaft machen. Mit STOL spricht der 74-Jährige über die Brennergrenze in Zeiten des Flüchtlingsstroms, die doppelte Staatsbürgerschaft und seine blaue Schürze mit Botschaft.

Für die ÖVP geht er ins Rennen um die Hofburg: Andreas Khol, 74 Jahre alt, hat Südtiroler Eltern.
Für die ÖVP geht er ins Rennen um die Hofburg: Andreas Khol, 74 Jahre alt, hat Südtiroler Eltern. - Foto: © APA

Der erste Erinnerung von Andreas Khol an die Brennergrenze geht auf das Jahr 1947 zurück. Sein Vater – Optant, Wehrdienstverweigerer – war aus Südtirol vertrieben worden. 1947 holten die Carabinieri Andreas Khol und seine Schwester ab und brachten die Kinder an den Brenner. "Am Niemandsland hat man uns gezeigt: 'Da drüben, da stehen zwei Leute in grauer Uniform. Da geht ihr hin.' Und da stand der Vater", erinnert sich Khol. "So ein Erlebnis vergisst man nie." 69 Jahre später soll Andreas Khol für die ÖVP Bundespräsident werden. STOL hat mit ihm gesprochen.

Südtirol Online: Herr Khol, Sie nennen die Kandidatur eine Herausforderung, mit der Sie nicht gerechnet haben. Am 30. Dezember hat Sie ÖVP-Chef Reinhold Mitterlehner zum ersten Mal darauf angesprochen – bei einem Kaffee in Wien. Südtiroler schätzen den Kaffee in Wien gemeinhin wenig. Sie haben sich trotzdem breitschlagen lassen.
Andreas Khol, Kandidat der ÖVP für die Bundespräsidenten-Wahl: Also, das lass ich nicht zu, der Kaffee ist in Wien sehr gut. (lacht) Ich habe mich auch nicht breitschlagen lassen, ich habe mich gefreut. Für mich war die Kandidatur immer eine Möglichkeit. Ich habe es zwar nicht aktiv verfolgt, weil ich Erwin Pröll als Kandidaten unterstützt habe. Aber wie Reinhold Mitterlehner zu mir gesagt hat: „Es könnte sein, dass Pröll nicht annimmt, hättest du dann die Möglichkeit?“, habe ich gesagt: „Ich glaube schon.“ Dann habe ich meine Frau angerufen, weil ohne Frau mache ich nichts. Die hat gesagt: „Natürlich machen wir das.“

STOL: Sie nennen die Bundespräsidentschaft ein „wunderschönes Amt“. Mit 74 Jahren kann man sich doch sicher auch andere „wunderschöne“ Tätigkeiten vorstellen.
Khol: Ja, aber nun hatte ich 10 Jahre Urlaub! Ich bin 2006 aus dem Nationalrat ausgeschieden, bin seitdem ehrenamtlicher Senioren-Vertreter. Bin durch ganz Österreich gegondelt, habe meinen Enkeln und meinen Kindern gefrönt und hatte – Gott sei Dank! – keinen Wagen mit Chauffeur mehr. Ich war frei, bin mit der U-Bahn gefahren – herrlich. Diese Zeit ist nun vorbei. Ich glaube, man kann sich seiner Verantwortung nicht entziehen. Ich glaube, dass ich mit meiner Vorbildung, meiner Berufserfahrung, mit meiner Ausstattung an Grundwerten dieses Amt gut machen könnte. Und dass ich Österreich, das 1947 zu meiner Heimat geworden ist, einen Dienst erweisen kann. Ich bin 1947 staatenlos aus Südtirol über die Grenze gestellt worden. Tirol und Österreich haben mich großzügig aufgenommen. Dafür möchte ich mich revanchieren.

STOL: Der Bundespräsident, so erklären Sie in Ihrem Antritts-Video, müsse vor allem eines sein: überparteilich. „Gemeinsam“ ist ein schönes Wort, das Politiker aber so oft in den Mund nehmen, dass es beinahe einen schalen Beigeschmack hat.
Khol: Ich war vier Jahre Präsident des Nationalrates. Das ist die zweithöchste Staatsfunktion. Ich habe dieses Amt absolut überparteilich ausgeübt, von allen anerkannt. Auch als Seniorenvertreter habe ich eng mit allen anderen Parteien Lösungen gefunden. Das heißt: Die Leute wissen schon, dass ich überparteilich arbeiten kann. Ich habe diesbezüglich in der Bevölkerung ein hohes Ansehen.

STOL: Sie haben Südtiroler Eltern, sind in Gossensaß und Sterzing aufgewachsen, dort zur Schule gegangen. Dann übersiedelten Sie nach Innsbruck. Was haben Sie mitgenommen aus Südtirol?
Khol: 1000 Jahre Geschichte meiner Familie. Die „Khol“ sind seit 875 auf dem Ritten, den „Khol-Hof“ gibt’s immer noch. Diese erste Heimat, die ich hatte, ist bei mir immer noch präsent. Ich liebe Südtirol. Ich kehre auch immer wieder dahin zurück. Diese Mischung aus Weinbau, Kunst, die Leute – mir passt das. Mit Südtirol verbindet mich auch eine blaue Schürze, die ich beim Holzhacken und beim Arbeiten im Garten immer brauche. Und darauf steht: „I bin a Südtiroler.“

STOL: Was ändert sich mit Ihnen an der Spitze des Österreichischen Staates für die Südtiroler?
Khol: Sie werden in der Hofburg jederzeit willkommen sein werden. So wie ich im Parlament die Südtiroler Schützen in den Reichsratssaal gebeten habe, in vollen Waffen, so würde ich die Hofburg für die Südtiroler öffnen und Gruppen sehr gerne begrüßen. Wir Österreicher lieben die Südtiroler. Doch ich würde mich auch politisch sehr um meine erste Heimat kümmern – das heißt: die Politik weiter verfolgen, jeden Tag die „Dolomiten“ lesen – das ist das Band, das verbindet.

STOL: In Rom weht zentralistischer Wind, Minderheiten haben einen schwierigen Stand. Welche Rolle soll Österreich künftig spielen?
Khol: Österreich muss im Einvernehmen mit der Südtiroler Volkspartei und der Landesregierung die Schutzrolle aktiv wahrnehmen. Es darf zu keiner Verschlechterung der Autonomie kommen. Es darf nichts gemacht werden, das nicht mit den Südtiroler Stellen abgestimmt ist. Es muss klar sein, dass die Autonomie nicht angerührt werden darf.

STOL: Wie stehen Sie zur doppelten Staatsbürgerschaft?
Khol: Kritisch. Dazu braucht’s eine Verfassungsänderung, eine Änderung einer Europaratskonvention. Es würde Südtirol spalten in jene, die sie kriegen, andere, die sie nicht kriegen. Ich war diesbezüglich immer kritisch. Das hat man mir auch sehr übel genommen. Am Ende entscheidet aber der Nationalrat.

STOL: Ein Gedankenspiel: Sie passieren, von Nordtirol kommend die Brennergrenze. Was denken, was fühlen Sie?
Khol: Mein Gott, wissen Sie, die Brennergrenze, die Brennergrenze! Was ich da spüre? Eine Riesenfreude, dass es sie nicht mehr gibt.

STOL: Über die Hälfte der Tiroler sprechen sich, einer Umfrage der Tiroler Tageszeitung zufolge, für die Wiedereinführung von Grenzkontrollen aus. 15 Prozent möchten gar einen Zaun.
Khol: Wir wollen nicht, dass die Landeseinheit zerrissen wird. Deshalb müssen die EU-Außengrenzen geschützt werden, deshalb muss auch Italien seine Außengrenzen schützen. Eine Grenze am Brenner wäre schlimm, das kann ich mir nicht vorstellen.

STOL: In einem Interview von 2014 meinten Sie, Sie hätten wohl nie so viel Freude empfunden, wie an jenem Abend, an dem die Berliner Mauer fiel. Nun wird in der EU wieder kontrolliert, Grenzzäune werden gebaut – auch in Spielfeld.
Khol: Der Honeymoon, die Zeit der Glückseligkeit, zwischen 1989 und 2008 ist vorbei. Der Arabische Frühling ist zum Arabischen Winter geworden. Der ganze Mittlere Osten steht in Flammen. Wir haben Kriege, die wir selten je hatten. Wir haben den IS, wieder ein Konfliktverhältnis mit Russland. Eine Flüchtlingswelle, die uns überfordert. Da wird man schon bedrückt. Ich bin der Meinung, wir brauchen Obergrenzen als Richtschnur dafür, was das Land aushält. Noch einmal 100.000 Menschen samt Familien, das geht nicht. Das zerreißt unser Land.

STOL: Der Bundespräsident soll dem Staat auch moralischen Rückhalt geben. Sind Obergrenzen moralisch vertretbar? Eine exakte Anzahl an Flüchtlingen darf herein, der Rest muss draußen bleiben?
Khol: Obergrenzen als Richtschnur, wo man in Einzelfällen besondere Schutzwürdigkeit feststellen kann, sind nach dem Recht der EU und dem Völkerrecht ohne weiteres zulässig und möglich. Tausende wollen bei uns nur durchreisen. Nur mehr ein Drittel kommt aus Kriegsgebieten. Die Zahl der Wirtschaftsflüchtlinge steigt. Man muss an die Sorgen der Flüchtlinge denken. Aber an unsere eigenen Leute auch. So viel Angst und so viel Sorge wie jetzt habe ich noch nie erfahren.

STOL: Sie gelten als konservativ, heimatverbunden – und prognostizieren einen zweiten großen Flüchtlingsansturm im Mai. Im Frühjahr wählt Österreich den Bundespräsidenten. Wird das Flüchtlingsthema die Wahl entscheiden und wenn ja, hilft Ihnen das?
Khol: Wahlentscheidend ist die Kraft der Persönlichkeit und das Flüchtlingsthema. Wir müssen uns alle bewähren. Wo die Leute ihre Meinungen, ihre Hoffnungen respektiert sehen, dorthin werden sie auch die Unterstützung lenken. Das bevorteilt und benachteiligt niemanden.

STOL: Wie sehen Sie Ihre Chancen in die Hofburg einzuziehen, wenn Rudolf Hundstorfer von der SPÖ antritt?
Khol: Ich bin mir ziemlich sicher, dass ich in den zweiten Wahlgang komme. Ich rechne eigentlich damit, dass ich Bundespräsident werde.

Interview: Petra Gasslitter

stol