Friedrich Wilhelm Raiffeisen war ein Mann der Tat. In einer Zeit der Not übernahm er Verantwortung, um Armut und Hunger seiner Mitmenschen nachhaltig zu bekämpfen.Dies gelang ihm mit pragmatischen, lebensnahen Lösungen. Die christliche Nächstenliebe, aber auch ein einfacher wie wirksamer Grundgedanke leiteten dabei stets sein Handeln: „Was dem Einzelnen nicht möglich ist, das vermögen viele.“Raiffeisen hat die Menschen immer wieder darin bestärkt, die Initiative zu ergreifen, um Probleme zu lösen und sich dabei in den Dienst einer gemeinsamen Sache zu stellen.Taugt Raiffeisen als Identifikationsfigur für eine junge Generation?„Davon bin ich überzeugt“, sagt Werner Böhnke, Vorsitzender der Deutschen Friedrich-Wilhelm-Raiffeisen-Gesellschaft. „Für die meisten jungen Menschen sind heute Konsum, Besitz oder Profit kein Lebenselixier mehr. Sie wollen sich ideell verwirklichen und zu einer nachhaltigeren und gerechteren Gesellschaft beitragen.Die Genossenschaftsidee passt mit ihrem Aufruf zu Eigeninitiative, Selbstverwaltung und Selbstverantwortung zum Lebensgefühl dieser Generation. Die Idee und die Kernbotschaften Raiffeisens sind heute vielleicht bedeutsamer denn je. Sie bieten generationsübergreifend den Menschen wertvolle Orientierungen, das eigene Leben selbst in die Hand zu nehmen und aktiv zu gestalten.“Demokratisch entscheiden - sozial wirtschaftenIn die gleiche Kerbe schlägt auch Paul Gasser, Generaldirektor des Raiffeisenverbandes Südtirol: „Junge Menschen sind hellhörig, wenn es heute um die Moral in der Finanzwelt und um nachhaltige Investitionen geht. Natürlich müssen auch Genossenschaften wirtschaftlich solide arbeiten, aber es geht nicht um die Maximierung des Gewinns, sondern um die Förderung der Interessen der Mitglieder.“ Auf diese Weise profitieren nicht nur wenige, sondern viele von Wachstum und wirtschaftlichem Erfolg. „Genossenschaften sind sozusagen Musterbeispiel und Inbegriff einer sozialen Marktwirtschaft“, betont Gasser. Jedes Mitglied hat eine Stimme, die gleich viel zählt wie die der anderen. Auch dieses basisdemokratische Denken entspricht durchaus den Vorstellungen vieler junger Menschen von heute.Zukunftsmodell„Menschen wollen in Angelegenheiten, die ihnen wichtig sind, nicht anonymen und entfernten Akteuren und Organisationen ausgeliefert sein“, weiß Theresia Theurl, Direktorin des Instituts für Genossenschaftswesen an der Universität Münster. Und das vor allem in Branchen, die expandieren und zukunftsorientiert sind. Das genossenschaftliche Kooperationsmodell wird Studien zufolge vor allem dort als wettbewerbsfähig eingeschätzt, wo sich neue Herausforderungen zeigen. Theurl: „Unternehmen und Organisationen gründen heute Allianzen, Netzwerke und Partnerschaften, die als innovativ gefeiert werden. Dabei übernehmen sie nichts anderes als wesentliche Elemente des genossenschaftlichen Geschäftsmodells.“Raiffeisen könnte stolz auf sein Werk sein. Er starb 1888, seine Idee ging schnell um die Welt. Heute sind rund eine Milliarde Menschen in über hundert Ländern genossenschaftlich organisiert. Allein in Südtirol gibt es über 1.000 Genossenschaften. Ende 2016 wurde die Genossenschaftsidee von der UNESCO in die Liste des „Immateriellen Kulturgutes der Menschheit“ aufgenommen.