Seit mittlerweile 4 Jahrzehnten kommt er mehrmals im Jahr in sein Refugium, den alten Flexerhof. Dabei war es eigentlich ein Zufall, der ihn 1983 nach Wiesen verschlug.<BR /><BR /><b>Was hat Sie vor 40 Jahren nach Wiesen geführt?</b><BR />Christopher Stembridge: Der Westdeutsche Rundfunk WDR hat jedes Jahr eine andere Orgellandschaft aufgenommen, 1983 waren Tirol und Südtirol an der Reihe. Der WDR hat mich gebeten, Aufnahmen von einer Orgel in Bozen und von der Orgel in Wiesen zu machen. Dafür bin ich im Juni 1983 hierhergekommen. Als ich später wieder in Italien zu tun hatte, habe ich noch eine Woche Urlaub in Wiesen gemacht.<BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="923062_image" /></div> <BR /><BR /><b>Warum sind Sie danach immer wieder zurückgekommen?</b><BR />Stembridge: Ich habe damals an einer Uni in Irland gelehrt, ich hatte aber beruflich immer wieder in Deutschland und Italien zu tun. Da bin ich mit dem Zug über den Brenner gekommen und immer wenn ich Zeit hatte, bin ich hier in Wiesen abgestiegen. 6 Jahre später wollte ich von Irland weg, ich habe mir eine Wohnung nahe Trient gekauft. Es hat mich aber immer wieder nach Wiesen gezogen, und vor 36 Jahren bekam ich die Möglichkeit, im wunderschönen Flexerhof zu wohnen, wenn ich in Wiesen war. <BR /><BR /><b>Was hat Ihnen an Wiesen so gut gefallen?</b><BR />Stembridge: Ich habe mich hier immer wohlgefühlt, ich mag die Mischung der Kulturen aus Nord und Süd. Wiesen hat eine günstige Lage, nahe am Bahnhof und den internationalen Verbindungen. Nicht überall kann man ohne Auto auf dem Land leben. Hier kann man schön spazieren gehen und es gibt eine schöne Orgel, auf der man sehr gut spielen kann. <BR /><BR /><b> War es nicht ungewöhnlich für einen international tätigen Musiker wie Sie es sind fernab der großen musikalischen Zentren zu leben?</b><BR />Stembridge: Wenn mich jemand gefragt hat, warum ich in einem Dorf in den Alpen lebe, habe ich scherzhaft gesagt: Weil ich so in der Mitte bin. Ich war damals im Komitee für die Restaurierung der Orgel in Santa Maria in Trastevere und gleichzeitig als Berater für die Sanierung der Orgel in der Schlosskapelle in Dresden tätig. Und auch als ich später in Amerika und kurz darauf in Sibirien war, war Wiesen gewissermaßen in der Mitte (lacht).<BR /><BR /><b> Wohin hat Sie Ihre Konzerttätigkeit geführt?</b><BR />Stembridge: Die Konzerttourneen haben mich nicht nur in die USA und nach Sibirien geführt, sondern oft auch nach Osteuropa und besonders in die ehemalige DDR, wo viele Orgeln restauriert wurden, was für mich sehr interessant war. Aber in Venedig habe ich wahrscheinlich mehr Konzerte gegeben als in jeder anderen Stadt.<BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="923065_image" /></div> <BR /><BR /><b> Warum genau in Venedig?</b><BR />Stembridge: Weil es den Leuten scheinbar gefällt, wie ich spiele, und weil Venedig von Wiesen aus sehr leicht und bequem zu erreichen ist (lacht).<BR /><BR /><b>Dann waren Sie, wenn Sie nicht in Wiesen waren, also in der ganzen Welt unterwegs?</b><BR />Stembridge: Ich habe einige Zeit in Brescia gewohnt und dort in der Scuola di Musica Sacra Santa Cecilia Cembalo und Orgel gelehrt. In Brescia, in Valvasone bei Pordenone oder an der Accademia Musicale Chigiana in Siena habe ich Sommerkurse abgehalten. Auch in Arezzo, an der Uni Innsbruck oder an der Akademie in Moskau hatte ich Lehraufträge.<BR /><BR /><b>Sie haben auch viele Sommerkurse in Wiesen abgehalten...</b><BR /> Stembridge: Studenten aus ganz Europa, aber auch aus Ländern wie Russland und Armenien sind zu den Kursen nach Wiesen gekommen. Auch sonst haben mich viele Musiker in Wiesen besucht, und alle haben es schön hier gefunden. Der Flexerhof war immer ein Treffpunkt, wo sich Musiker kennengelernt haben, und ist für mich daher mit vielen schönen Erinnerungen verbunden.<BR /><BR /><embed id="dtext86-60622212_gallery" /><BR /><BR /><b> Sie sind ein international angesehener Orgelfachmann. Welches ist Ihr Spezialgebiet?</b><BR />Stembridge: Vor allem die italienische Orgelmusik. Ich habe unter anderem die Orgel- und Klavierwerke von Frescobaldi herausgegeben.<BR /><BR /><b>Welcher ist Ihr Lieblingskomponist?</b><BR />Stembridge: Alle! (lacht) Aber wenn ich mich entscheiden müsste, sind Bach und Frescobaldi wohl die wichtigsten für mich. <BR /><BR /><BR /><b> Im Juni haben Sie ein Orgelkonzert in Wiesen gegeben: Anlass war ihr 80. Geburtstag und die 40 Jahre, die Sie schon in Wiesen sind. Was hat Ihnen dieses Konzert bedeutet?</b><BR />Stembridge: Es sind nicht nur viele Einheimische, sondern auch viele meiner Musikerfreunde von auswärts gekommen, zum Beispiel ein ehemaliger Student von mir aus Russland oder der Orgelrestaurator Paolo Donati, der mit seinen 85 Jahren eigens aus Florenz angereist ist. Es war rührend, dass Freunde und Weggefährten trotz ihrer knapp bemessenen Zeit zum Konzert hierhergekommen sind. <BR /><BR /><b>Lassen Sie es jetzt, mit 80, ein wenig ruhiger angehen?</b><BR />Stembridge: Ich gebe weniger Konzerte und bin froh, nicht mehr so viel reisen zu müssen. Ich bin nun viel mit Schreiben beschäftigt und publiziere Fachartikel. Ich habe eine große Bibliothek und habe jetzt Zeit, Musik kennenzulernen, die ich noch nicht kannte. In diesem Alter ist es schön, auf dem Land zu leben. Dank der modernen Technik kann ich trotzdem mit meinen Freunden in der ganzen Welt in Kontakt bleiben. <BR />