Freitag, 09. Januar 2015

Islam-Kritik sorgte schon mehrfach für Gewalt

Die Islamkritiker Fortuyn und Van Gogh wurden getötet, Rushdie lebt unter Polizeischutz. Der Karikaturenstreit 2005 hatte mehr als 150 Tote zur Folge. Auch Papst Benedikt wurde bedroht.

Salman Rushdie lebt seit mehreren Jahren unter Polizeischutz.
Salman Rushdie lebt seit mehreren Jahren unter Polizeischutz. - Foto: © APA/DPA

Wer den Islam kritisiert, muss um sein Leben fürchten. Diese Aussage ist in den vergangenen Jahren schon mehrmals zur traurigen Realität geworden. Der Angriff auf die französische Satirezeitschrift „Charlie Hebdo“ mit zwölf Toten stellt einen neuen Höhepunkt dieser Entwicklung dar.

 

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Ein Überblick zu Fällen von Islamkritik, die zu Drohungen, gewalttätigen Protesten und Tötungen führten:

14. Februar 1989 – Der iranische Revolutionsführer Ayatollah Khomeini verurteilt den britisch-indischen Schriftsteller Salman Rushdie mittels eines islamischen Rechtsgutachtens (Fatwa) wegen seines als blasphemisch eingestuften Buches „Satanische Verse“, erschienen im Jahr 1988, zum Tode. Rushdie steht seitdem unter Personenschutz. Nach seiner Erhebung in den Ritterstand im Juni 2007 drohte das Terrornetz Al-Kaida Großbritannien mit Anschlägen.

6. Mai 2002 – Der niederländische Rechtspopulist und Islamkritiker Pim Fortuyn wird bei einer Wahlkampfveranstaltung in Hilversum von einem 32-jährigen Niederländer auf offener Straße erschossen. Im August 2001 hatte er den Islam als Bedrohung und feindliche Gesellschaft, deren Kultur zurückgeblieben sei, bezeichnet.

2. November 2004 – Ein muslimischer Extremist ermordet den niederländischen Islamkritiker Theo van Gogh in Amsterdam. Auf der Leiche hinterließ der Täter einen Brief mit Morddrohungen gegen weitere Niederländer, darunter die islam-kritische damalige Parlamentsabgeordnete Ayaan Hirsi Ali. Van Gogh hatte einen Film über die Unterdrückung der Frauen im Islam („Submission“) gedreht.

30. September 2005 – Ausbruch des mehrmonatigen „Karikaturenstreits“ nach der Veröffentlichung von zwölf Mohammed-Karikaturen in der größten dänischen Zeitung „Jyllands-Posten“. Auf einer der Karikaturen ist Mohammed mit einer Bombe im Turban abgebildet. Obwohl sich die Zeitung entschuldigte, brechen Massenproteste in mehreren muslimischen Ländern aus. Es werden westliche Botschaften angegriffen, dänische Produkte boykottiert und mehr als 150 Menschen getötet. Zeichner Kurt Westergaard steht unter Polizeischutz und entkommt im Jänner 2010 nur knapp einem Attentat.

12. September 2006 – Proteste und Morddrohungen handelt sich Papst Benedikt XVI. ein, weil er in einer Vorlesung an der Regensburger Universität einen byzantinischen Kaiser aus dem Mittelalter mit den Worten zitiert, Mohammed habe nur „Schlechtes und Inhumanes“ gebracht, weil er den Glauben mit dem Schwert verbreiten lassen wollte. Von der Türkei bis Pakistan hagelte es Proteste. In Somalia riefen islamische Gruppen zur „Jagd auf den Papst“ auf.

18. August 2007 – Der schwedische Karikaturist Lars Vilks porträtiert den Propheten Mohammed in der Regionalzeitung „Nerikes Allehanda“ als Hund. Während sich die Muslime in Schweden um Beruhigung bemühten, setzt die Terrororganisation „Al Kaida im Irak“ ein Kopfgeld von 150.000 Dollar auf Vilks auf. Mehrere Personen werden wegen Morddrohungen gegen Vilks festgenommen, im Mai 2010 wird ein Brandanschlag auf sein Haus verübt.

13. Jänner 2008 – Die Grazer FPÖ-Spitzenkandidatin Susanne Winter bezeichnet den Propheten Mohammed in einer Wahlkampfrede als „Kinderschänder“ und löst damit einen Proteststurm aus. Auf Youtube taucht ein Drohvideo auf, in dem es heißt: „Es war ein Fehler von dir – insallah wirst du bestraft für des was du gesagt hast.“ Der damalige Kärntner Landeshauptmann Jörg Haider bezeichnet ihre Aussagen als „eine Einladung an Bombenleger“. Winter wird später wegen Herabwürdigung religiöser Lehren und Verhetzung zu 24.000 Euro Geldstrafe verurteilt.

März 2008 – Der niederländische Rechtspopulist Geert Wilders veröffentlicht den Anti-Islam-Film „Fitna“ im Internet, doch ist er wegen Drohungen gegen Mitarbeiter der Website LiveLeak.com schon nach einem Tag wieder offline. Wilders hatte keinen Fernsehsender für die Ausstrahlung seines Films gefunden, der auch von der EU verurteilt wird. Darin war der Islam mit Gewalt gleichgesetzt worden. Islamisten riefen wegen des Films zu Anschlägen gegen niederländische Soldaten in Afghanistan auf.

März 2011 – US-Pastor Terry Jones nimmt an einer Koran-Verbrennung in einer Kirche in Florida teil. Es folgen gewalttätige Proteste. In Afghanistan sterben zahlreiche Menschen, darunter sieben bei einem Angriff auf ein UN-Büro. Jones hatte bereits zuvor mit seiner Ankündigung zur Koran-Verbrennung teils gewaltsame Proteste ausgelöst. Im September 2013 verhindern die Behörden in Florida eine weitere Koran-Verbrennung durch Jones. Er wird festgenommen, als er mit einem Pickup voller benzingetränkter Koran-Ausgaben unterwegs war.

September 2012 – Der Anti-Islam-Film „Die Unschuld der Muslime“, der offenbar von koptischen Christen in den USA produziert wurde, löst in muslimischen Ländern heftige Proteste aus. Mehr als 30 Menschen werden getötet, darunter der US-Botschafter in Libyen. Inmitten des Aufruhrs druckt „Charlie Hebdo“ Mohammed-Karikaturen. Aus Angst vor neuer Gewalt ordnet Paris die Schließung französischer Einrichtungen in verschiedenen islamischen Ländern an.

7. Jänner 2015 – Zwei schwer bewaffnete Männer erschießen zwölf Menschen in den Redaktionsräumlichkeiten der Pariser Satirezeitschrift „Charlie Hebdo“. Das Magazin war für bissige Kritik an Islamisten, religiösen Eiferern aller Konfessionen sowie der Politik bekannt. „Wir haben die Propheten gerächt“, riefen die beiden Kriminellen bei der Bluttat. Bereits im November 2011 war ein Brandanschlag auf die Redaktion von „Charlie Hebdo“ verübt worden.

apa/dpa/afp

stol