Gerade in den 70er Jahren, als nach dem Aufblühen von bemannten und unbemannten Weltraumfahrten die Neuentdeckung von Phänomenen am Himmel an der Tagesordnung waren, verbreitet sich eine Nachricht recht schnell: Hat die Erde am Ende gar einen zweiten Mond? <BR /><BR />Da man damals keine Idee von der Dimension dieses Himmelskörpers hatte, versuchten viele interessierte Mitmenschen mit bloßem Augen oder gar Ferngläser, den Zwillingsbruder unseres Erdmondes am Himmel zu finden. Vergebens. Nur die glänzende Scheibe unseres guten, altbekannten Erdtrabanten schien ihnen ins Gesicht. Von einem zweiten Erdmond war keine Spur zu finden. <BR /><BR />Wie bei ähnlichen Sensationsmeldungen üblich, verbirgt sich meist irgendwo ein Körnchen Wahrheit. Tatsächlich existiert ein Himmelskörper namens Toro. Es handelt sich um den Planetoiden Nummer 1685, dessen ungewöhnliche Bahn ihn in ganz bestimmten Abständen nahe an die Erde heranführt. Ein Satellit unseres Planeten ist er jedoch nicht. <h3> Zusammenstoß mit der Erde</h3>Die meisten Planetoiden kreisen bekanntlich zwischen der Mars und Jupiter Bahn um die Sonne, wobei ihre Bahnen relativ geringe Exzentrizität aufweisen, also weitgehend auf weitgehend runden Orbits um die Sonne kreisen. Es gibt jedoch auch Ausnahmen: Manche Kleinplaneten oder Asteroiden, wie sie auch genannt werden, ziehen in relativ langgestreckten Ellipsen um die Sonne. Wobei ihre Perihel (der sonnennächste Punkte) innerhalb der Erdbahn liegen. <BR /><BR />Diese Planetoiden (planetenähnliche Gebilde) gehören zur Apollo Gruppe, benannt nach Apollo, dem ersten derartigen Kleinplaneten, der im Jahr 1932 entdeckt wurde. Apollo Planetoiden kreisen die Erdbahnen, sie können dieser recht nahekommen und im Extremfall mit der Erde zusammenstoßen. Längst sind nicht alle Apollo Planetoiden entdeckt wurden, geschweige denn die Bahnen auf viele tausend Jahre vorberechnet. Toro gehört zu dieser Apollogruppe. <BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="811271_image" /></div> <BR /><BR />Er wurde am 17. Juli 1948 von Carl A. Wirtanen auf einer photographischen Aufnahme am Lick-Observatorium auf dem Mount Hamilton entdeckt. Toro ist benannt nach dem Geburtsnamen der Ehefrau (Betulia Toro) von Samuel Herrick, einem US-amerikanischen Ingenieur und Astronomen, der die Bahn dieses Asteroiden studierte.<BR /><BR />Zunächst erhielt das neu entdeckte Objekt die provisorische Bezeichnung 1948 OA. Nach der definitiven Bahnbestimmung wurde er mit Nr. 1685 in das Verzeichnis der Planetoiden eingetragen und dann offiziell auf den Namen Toro getauft. Der männliche Namen deutet auf die Mitgliedschaft in der Apollogruppe hin, während die Planetoiden zwischen Mars und Jupiter weibliche Namen tragen. <BR /><BR />Toro kann als erdnaher Asteroid (englisch Near-Earth Asteroid, NEA) bezeichnet werden, der der Erde nahe kommen kann. Diese Gattung von Asteoiden bewegen sich nicht wie die meisten Asteroiden im breiten Asteroidengürtel zwischen Mars und Jupiter um die Sonne, sondern im Bereich der inneren Planeten. Die Zusammensetzung der erdnahen Asteroiden entspricht aber der Zusammensetzung von Hauptgürtel-Asteroiden. <h3> Rotation um eigene Achse</h3>Etwa 20% der NEAs werden als PHAs (englisch Potentially Hazardous Asteroids, potenziell gefährliche Asteroiden) geführt, die auf ihrer Bahn der Erdbahn dichter als 0,05 AE (Astronomische Einheit, der Abstand zwischen Erde und Sonne, ca. 149.000.000 Kilometer) kommen und daher auf einer Zeitskala von rund 100 Jahren durch Bahnstörungen auf Kollisionskurs geraten können. Die Bahnberechnungen der bisher bekannten Objekte erfolgen seit 2002 mit dem Überwachungssystem „Sentry“ hochautomatisiert und werden in Fachkreisen in der sogenannten „Sentry Risk Table“ aufgelistet.<BR /><BR /> Mit einer numerischen Exzentrizität von e=0,4359 bewegt sich Toro auf einer Ellipsenbahn um die Sonne, die ihn im Perihel (sonnennächster Punkt der Ellipse) bis auf 115,2 Millionen Kilometer an die Sonne heranführt, während er im sonnenfernsten Bahnpunkt (Aphel genannt) 293,2 Millionen Kilometer vom Tagesgestirn entfernt ist. Die Bahn ist 9,377° gegen die Ekliptik geneigt. Toro rotiert in 10,196 Stunden um die eigene Achse.<BR /><BR />Im Perihel kommt Toro dabei knapp an die Venusbahn heran, während sein Aphel außerhalb der Marsbahn liegt. Toro kreuzt bei seinem Lauf um die Sonne demnach die Mars- sowie die Erdbahn und er kommt dann Venus bis auf 7,5 Millionen Kilometer nahe. Seine Umlaufzeit beträgt 584,2 Tage, das sind 1,6 Jahre. Fünf Sonnenumläufe von Toro sind somit auf den Tag genau 8 Erdenjahre. Dies führt nun zu folgender Konsequenz: Die relativen Positionen Toro-Erde wiederholen sich in regelmäßigen Abständen. Nach 5 Toro-Umläufen nehmen Erde und Toro nahezu wieder die gleiche gegenseitige Stellung zueinander ein. Man sagt die Umlaufzeiten der Erde und des Planetoiden Toro sind kommensurabel. <BR /><BR />Alle 4 Jahre kommt es zu einer engen Begegnung von Toro mit der Erde einmal im Januar, 4 Jahre später im August. Nach weiteren 4 Jahren wieder im Jahr Januar usw. Die minimale Entfernung, die Toro erreichen kann, beträgt 19,5 Millionen Kilometer. Damit ist er immer noch 50 mal weiter entfernt als unser Mond. Er bleibt selbst in dieser Distanz für das bloße Auge unsichtbar. Toro zieht stets in respektvoller Entfernung von der Erde vorbei. Ein Zusammenstoß ist ausgeschlossen. <BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="811274_image" /></div> <BR /><BR />Die Kommensurabilität (Vergleichbarkeit, Messung mit denselben Maßen) der Umlaufzeiten der Erde und die von Toro ist kein Zufall, sondern gravitationsbedingt. Die Erdmasse beeinflusst die Toro-Bewegung, es kommt zu sogenannten Resonanzerscheinungen. Auch die Venus-Masse spielt hier eine Rolle. In Bezug auf unseren inneren Nachbarplaneten gibt es auch ähnliche Resonanzen. <BR /><BR />Toro befindet sich in einem interessanten Orbit in einer 8:5-Resonanz mit der Erde einerseits und einer 13:5-Resonanz mit der Venus andererseits. Seine Bahn führt ihn daher – wie gesagt - alle acht Jahre nahe an die Erde heran.<BR /><BR />Toro selbst ist ein recht kleiner Himmelskörper. Tom Gehrels, ein engagierter Planetenbeobachter von der Universität von Arizona, schätzt Toro auf einer Größe von 5,5 mal 3 Kilometer. Der längliche Planetoid rotiert in 10 Stunden und 11 Minuten einmal um seine Achse und reflektiert 14% des entfallenden Sonnenlichts. Radarbeobachtungen deuten darauf hin, dass seine felsige Oberfläche von einer dünnen Staubschicht bedeckt wird. Toro ist kein zweiter Mond der Erde, sondern ein interessanter Paranoid, dem die Erde regelmäßig alle vier Jahre begegnet. <BR /><BR />