Ob als geldgieriger Hüttenwirt, charmanter Skilehrer oder bodenständiger Bauer: Wenn Jakob Windschnur (28) die Kamera einschaltet, lacht ganz Südtirol. Der Gufidauner hat in nur knapp drei Jahren eine beeindruckende digitale Karriere hingelegt. 28.000 Menschen folgen seiner Instagramseite „windschnur_comedy“ und Reels mit Hunderttausenden Aufrufen sprechen eine klare Sprache. Doch Jakob ist längst mehr als „nur“ ein Internet-Phänomen: Mit seiner wöchentlichen „Windschnur-Show“ und seiner ersten Livetour „A kloaner Schlawiner“ hat er bewiesen, dass sein Humor auch jenseits der Smartphone-Bubble zündet. Wir haben den Mann hinter den Perücken zum Interview getroffen und über das Abenteuer Bühne, den Druck der Klickzahlen und die Eigenheiten des Südtiroler Humors gesprochen.STOL: Jakob, deine erste Tour „A kloaner Schlawiner“ liegt hinter dir. Wie fällt dein persönliches Resümee aus?Windschnur: Im Großen und Ganzen sehr positiv. Ich bin zwar jemand, der sofort nach Verbesserungen sucht und Dinge oft nicht im Moment genießen kann, weil ich schon drei Schritte weiterdenke, aber man darf eines nicht vergessen: Es ist nicht selbstverständlich, dass Witze, die im Internet funktionieren, auch auf einer Live-Bühne zünden. Das war vor der Tour ein riesiges Fragezeichen. Ich bin einfach froh, dass es aufgegangen ist.STOL: Im Internet hast du einen „Safe Space“ – du weißt, was deine Follower sehen wollen. Warum hast du dich trotzdem entschieden, deine Komfortzone zu verlassen?Windschnur: Man muss sich immer wieder fordern. Aber eigentlich war dieser Schritt von Anfang an in meinem Kopf. Ich habe lange Musik gemacht und stand immer gerne auf der Bühne. Zum Kabarett bin ich dann zwar gekommen wie die Jungfrau zum Kind – ich hatte eigentlich keinen blassen Schimmer davon. Als ich mit dem Projekt startete, hätte ich mir nie gedacht, dass es so schnell so groß werden würde. Früher oder später hätte es mich aber auf alle Fälle auf die Bühne gezogen.STOL: Was ist für dich der größte Unterschied zwischen der Online-Präsenz und dem Auftritt vor echtem Publikum?Windschnur: Ganz klar die unmittelbare Verbindung zu den Menschen. Online hetzt du dich von einem Video zum nächsten. Ein Reel, das du vor zwei Wochen gepostet hast, fühlt sich heute schon „alt“ an. Auf der Bühne ist das anders. Auch wenn ein Video von Millionen Menschen gesehen wird, bleibt diese Zahl abstrakt. Aber vor 80 zu stehen und gemeinsam einen tollen Abend zu verbringen, das ist greifbar. Da merkst du richtig, dass du einen Mehrwert lieferst. Und das sind dann Momente, die du eben nicht so schnell wieder vergisst. https://www.instagram.com/reel/DRAQMcTDGGY/?utm_source=ig_web_copy_link&igsh=MzRlODBiNWFlZA== STOL: Welche dieser Momente sind dir besonders in Erinnerung geblieben?Windschnur: Definitiv die Premiere. Da habe ich zum ersten Mal das ungefilterte Feedback bekommen, ob das Programm überhaupt etwas taugt. Und natürlich das Heimspiel in Klausen, das auch der größte Saal war mit über 200 Menschen im Publikum. Generell war es jeden Abend ein Genuss für mich zu sehen, dass die Arbeit Früchte trägt.STOL: Online postest du Sketche, die zwischen einigen Sekunden und wenigen Minuten dauern. Dein Bühnenprogramm dauert fast zwei Stunden. Wie bist du diese Mammutaufgabe angegangen?Windschnur: Das war eine völlig neue Erfahrung. Im Internet bekommst du die sofortige Bestätigung: Video drehen, posten, fertig. Beim Programm-Schreiben ist das wie beim Komponieren eines Liedes – man braucht einen langen Atem. Ich hatte ja keine Ahnung, wie man ein Drehbuch schreibt. Thomas Hochkofler hat mich da ein bisschen an die Hand genommen und mir gezeigt, wie man eine Grundidee entwickelt.STOL: War der Druck groß, die Erwartungen deiner Fans zu erfüllen?Windschnur: Enorm. Das Südtiroler Publikum ist anspruchsvoll. Wenn du online einen Ruf hast, kommen die Leute mit einer gewissen Erwartungshaltung. Bei einer unbekannten Schülerband verzeiht man falsche Töne, aber bei mir hieß es: „Liefert er jetzt ab oder ist er nur im Netz witzig?“ Die größte Gefahr war, als „online top, live flop“ abgestempelt zu werden. https://www.instagram.com/reel/DQMJQE_jBbz/?utm_source=ig_web_copy_link&igsh=MzRlODBiNWFlZA== STOL: Diesen „Ruf“, den du ansprichst, hast du dir in nur drei Jahren hart erarbeitet. Wie hat eigentlich alles angefangen?Windschnur: Es entstand aus dem Drang, mich künstlerisch auszuleben. In der Zeit vor dem Start meines Projektes fehlte mir dazu oft die Kapazität, was ich selbst eigentlich sehr schade fand. Deshalb habe ich irgendwann einfach angefangen: Mit einem Ankündigungsvideo, in dem ich zum ersten Mal meine Figur des „Bolzanino“ auftreten ließ. So habe ich aus dem Nichts meine erste Figur geschaffen, viele weitere sind gefolgt. Ich wollte einfach probieren und sehen, was passiert. Ich kannte damals die Südtiroler Unterhaltungs-Szene kaum, war wenig auf Sozialen Medien unterwegs und bin einfach ganz naiv reingestolpert.STOL: Wann hast du gemerkt, dass es mehr als nur ein Feierabend-Hobby ist?Windschnur: Das ging schnell. Nach drei oder vier Wochen wurde ich beim Einkaufen von einer älteren Frau angesprochen, die sagte: „Deine Videos do, de sein bärig!“ Da wusste ich, dass ich auch Leute außerhalb meiner eigenen Bubble erreiche.STOL: Was hat sich seither verändert?Windschnur: Mittlerweile ist es schon so, dass ich sehr oft auf meine Videos angesprochen werde, wenn ich irgendwo unterwegs bin. Meistens freut mich das auch, man macht einen netten Ratscher. Eigentlich ist es ganz ähnlich wie schon bei meinem Vater früher (Anm. d. Red: Sepp Messner Windschnur, der bekannte Südtiroler Liedermacher). Kam er irgendwohin, haben die Leute immer gesagt: „Sepp, spielsch ins oans?“, zu mir sagen sie heute: „Mach einen Sketch!“ https://www.instagram.com/reel/DPEjjmMCDca/?utm_source=ig_web_copy_link&igsh=MzRlODBiNWFlZA== STOL: Die Lieder deines Vaters haben auch schon Generationen von Südtirolern zum Lachen gebracht. Hast du dir in Sachen Humor Tipps von ihm geholt?Windschnur: Konkrete Tipps eher weniger, weil wir völlig unterschiedliche Dinge machen. Er hat anfangs gar nicht verstanden, was ich da genau tue. Wenn er alle zwei Wochen mal fragt: „Hast du wieder ein neues Video gemacht?“, dann antworte ich: „Nein Papi, alle drei Tage!“ Dieser Speed von Social Media ist für seine Generation unvorstellbar.STOL: Du parodierst viele vor allem Südtiroler Stereotypen. Lachen die Südtiroler am liebsten über sich selbst?Windschnur: Ja, das scheint wirklich ein bisschen so zu sein. Südtiroler haben definitiv eine ordentliche Portion Selbsthumor. Die Grödner zum Beispiel finden meinen Charakter „Kalle“ total witzig, obwohl ich ihre Art zu reden parodiere. Wenn man über die eigenen Eigenheiten lachen kann, ist das ein super Zeichen!STOL: Wie entwickelst du deine Figuren?Windschnur: Am Anfang lief das noch ganz spontan ab, aus einer Alltagsbeobachtung konnte da eine Figur entstehen. Mittlerweile gehe ich dabei strategisch vor. Ich habe mir in meinem Büro ein großes Whiteboard aufgehängt, auf dem ich alle Charaktere aufschreibe. Dort definiere ich meine Hauptfiguren, wie den Kalle, den Bozner oder ganz neu den Bauern. Sonst passiert es mir, dass gute Ideen einfach in Vergessenheit geraten. Ein wichtiger Punkt ist mittlerweile auch das „Branding“ der Figuren. Mein „Deutscher Urlauber“ zum Beispiel trägt jetzt ein komplettes, durchgeplantes Jack-Wolfskin-Outfit. Das muss visuell sofort sitzen. Früher habe ich mir im Keller einfach irgendwelche Wanderschuhe und Trainerhosen zusammengesucht.STOL: Gibt es Figuren, die im Netz funktionieren, aber nicht auf der Bühne?Windschnur: Absolut. Auf der Bühne müssen Charaktere viel persönlicher und verletzlicher sein. Ein Witz über die Schwiegermutter reicht für ein einminütiges Video, aber auf der Bühne müssen die Zuschauer verstehen, wie die Figur tickt. Sie müssen Empathie entwickeln. https://www.instagram.com/reel/DJHkBumIxE2/?utm_source=ig_web_copy_link&igsh=MzRlODBiNWFlZA== STOL: Gibt es eine Figur, die dir besonders Spaß macht? Hast du auf eine Figur nicht mehr besonders Lust?Windschnur: Bei der Figur des Bozners war zwischendurch bei mir ein wenig die Luft raus. Besonders am Anfang hat diese Figur sehr gut funktioniert, deshalb ist sie in den meisten Videos vorgekommen und hat sich etwas abgenutzt. Mittlerweile habe ich aber durch ein bisschen Abstand wieder eine neue Liebe für ihn entdeckt. Eine Lieblingsfigur habe ich nicht. Die Abwechslung macht es für mich spannend.STOL: Seit Dezember bist du hauptberuflich Comedian. Wie sieht ein typischer Arbeitstag aus?Windschnur: Wahrscheinlich weniger aufregend, als es sich viele vorstellen. Ich bin jeden Tag um 8 Uhr im Büro und gehe um 18 Uhr wieder heim. Natürlich kommt es vor, dass ich mal für einen Videodreh einen Tag lang unterwegs bin, viel ist aber Schreibtischarbeit: Skripte schreiben, Newsletter verfassen, Community-Pflege, Kampagnen für Werbepartner planen. Für die biete ich ja im Grunde Marketing-Dienstleistungen an. Da muss man professionell sein. Kunden wollen Ergebnisse sehen, da kann ich nicht warten, bis mich die Muse küsst.STOL: Kann man Kreativität erzwingen?Windschnur: Man muss es lernen. Wenn am nächsten Tag ein Video für einen Partner raus muss, kann ich nicht sagen: „Heute ist mir halt nichts eingefallen.“ Dann muss ich eben eine Runde spazieren gehen, bis die Idee kommt.STOL: Zeigst du deine Videos vor der Veröffentlichung noch jemandem, um ein erstes Feedback einzuholen?Windschnur: Mittlerweile eigentlich nicht mehr. Die Frequenz ist einfach zu hoch geworden; ich muss ja alle paar Tage liefern. Ganz am Anfang haben wir die Videos noch im Kollegenkreis herumgezeigt. Das war zwar hilfreich, aber nicht immer. Ich erinnere mich an einen Kollegen, der sagte, er „checke“ einen meiner Clips überhaupt nicht. Ich war kurz davor, das Video gar nicht zu posten – im Endeffekt wurde es eines meiner erfolgreichsten Videos der Anfangszeit. Man muss seine Zielgruppe finden. Wenn einer es nicht versteht, heißt das nicht, dass es nicht zehn andere lustig finden.STOL: Wie vernetzt bist du mit anderen Größen der Szene wie Thomas Hochkofler oder Buonomemes? Gibt es da Konkurrenzdenken oder tauscht man sich kollegial aus?Windschnur: Die Szene ist klein und es gibt keinen allzu großen Austausch, aber zu Thomas Hochkofler und Buono ist der Draht gut. Thomas hat mir beim Schreiben meines Live-Programms geholfen, und ich durfte bei ihm auch schon öfter im Vorprogramm auftreten. Dafür bin ich sehr dankbar. Auch mit Buono stehe ich regelmäßig in Kontakt. Wir planen gerade einen regelmäßigen gemeinsamen Brainstorming-Call, um Ideen hin- und herzuschmeißen. Echtes Konkurrenzdenken spüre ich nicht. In diesem Business ist man oft allein unterwegs und zieht sein Ding durch, da ist es angenehm, mal mit jemandem zu reden, der im gleichen Boot sitzt. https://www.instagram.com/reel/DJZioPBMpRV/?utm_source=ig_web_copy_link&igsh=MzRlODBiNWFlZA== STOL: Die erste Tour ist im Kasten. Wie sieht der Plan für das kommende Jahr aus?Windschnur: Für das Frühjahr planen wir definitiv eine neue Tour. Wir diskutieren gerade noch, ob ich mit einem Special Guest auftreten werde – wenn ja, wird es auf jeden Fall jemand Hochkarätiges. Ansonsten versuche ich momentan einfach, „zu überleben“ (lacht). Es ist alles noch im Aufbau und man muss schauen, wie es sich finanziell langfristig ausgeht, aber ich bin da sehr guter Dinge. Live-Auftritte werden in Zukunft sicher eine noch größere Rolle spielen.STOL: Könntest du dir vorstellen, in fünf Jahren gar nicht mehr auf Social Media stattzufinden, sondern nur noch auf der Bühne?Windschnur: Schwer zu sagen. Ich glaube, Social Media wird für mich immer ein wichtiges Instrument bleiben. Aber ob ich mir diesen Druck, täglich neuen Content liefern zu müssen, bis zum Ende meiner Tage geben will, weiß ich nicht. Es ist eine Typsache, wie lange man diesen Speed durchhält.STOL: Zum Abschluss: Wann musstest du das letzte Mal selbst so richtig herzhaft lachen?Windschnur: Das ist eine gute Frage! Wir lachen bei den Videodrehs zwar viel, aber oft ist es eben Arbeit. Eigentlich müsste man wieder mehr Videos machen, bei denen man einfach nur selbst eine Gaudi hat. Aber so richtig herzhaft gelacht habe ich erst gestern, als ein Kollege von mir jemanden parodiert hat.