Mittwoch, 15. November 2017

Jérémie Heitz: „Die Angst schärft den Blick“

Jérémie Heitz ist Extremskifahrer und fährt haarsträubend steile Hänge hinab. Für sein Film-Projekt „La Liste“ sogar einige der steilsten Eiswände der Alpen. Am Dienstag war Jérémie in Bozen, um seinen atemberaubenden Film vorzustellen. STOL hat mit dem waghalsigen Freerider noch vor der Südtirol-Premiere seines Films gesprochen.

Mit seinem bahnbrechenden Film „La Liste“ setzte der junge Schweizer Jérémie Heitz neue Maßstäbe im Freeskiing. Am Dienstag war er in Bozen und hat mit STOL über den Film gesprochen. - Foto: Mammut
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Mit seinem bahnbrechenden Film „La Liste“ setzte der junge Schweizer Jérémie Heitz neue Maßstäbe im Freeskiing. Am Dienstag war er in Bozen und hat mit STOL über den Film gesprochen. - Foto: Mammut

Mit seinem bahnbrechenden Film „La Liste“ setzte der junge Schweizer Jérémie Heitz neue Maßstäbe im Freeskiing. Nach der Devise höher, steiler und schneller wagt der 27-Jährige unglaubliche Skibefahrungen der spektakulärsten 4000er der Alpen.

Jérémie Heitz beim STOL-Interview in Bozen. - Foto: DLife

Mit Geschwindigkeiten von bis zu 120 Kilometer pro Stunde donnert er in hochprofessioneller und noch nie dagewesener Manier 55 Grad steile Wände runter – immer hart an der Grenze des Machbaren. Adrenalin pur! Auf Einladung seines Handschuhausstatters Reusch stellte Jérémie Heitz seinen unvergleichbaren Freeride-Dokumentarfilm „La Liste“ am Dienstag zum ersten Mal persönlich in Bozen vor. Vorher nahm er sich aber noch Zeit für ein Gespräch mit STOL. 

Südtirol Online: Jérémie, du bist, wie wir Südtiroler, inmitten der Alpen geboren. Wie hat bei dir alles begonnen und wie bist du zum Extremsport gekommen?

Jérémie Heitz: Ja, genau, ich bin im Wallis im französischen Teil der Schweiz, geboren und stehe seit ich 3 Jahre alt bin auf den Skiern. Etwas später habe ich dann einige Jahre lang an der Worldtour teilgenommen. Irgendwann habe ich beschlossen, die Tour zu verlassen. Seither entwickle ich mich und mein Riding bei Projekten und Filmdrehs, wie eben bei dem Film „La Liste“, den ich vor jetzt ungefähr einem Jahr fertiggestellt habe, immer weiter. Ich fühle mich dabei freier.

STOL: Du bist jetzt nach Bozen gekommen, um deinen atemberaubenden und spektakulären Film vorzustellen. Warum heißt der Film „La Liste“ und was ist die Idee dahinter?

Heitz: Die Idee dahinter ist eigentlich ganz simpel. Ich wollte 15 der imposantesten Viertausender-Steilabfahrten der Alpen schaffen, wie Matterhorn-Ostwand, Lyskamm, Lenzspitze, und Zinalrothorn und dann die Liste der geplanten Abfahrten nach und nach abhacken. Ich traf Legenden wie Sylvain Saudan, der vor vielen Jahren ihre Spuren in den Wänden hinterlassen haben. Er ist im selben Krankenhaus geboren wie ich und ist mit meinem Großvater skigefahren. Er war einer der ersten Freerider und Steilwandskifahrerm bei uns in der Schweiz. Als ich von der Geschichte gehört habe, wollte ich einen Film darüber drehen und eben diese Abfahrten mit dem modernen Material nochmals machen. Der Film dokumentiert sozusagen die Evolution des Steilwandskifahrens. Damals hüpften die Fahrer noch auf den ­Kanten der Ski hin und her, tanzt­en m­it dem Berg. Damit ebneten sie uns ­Freeridern den Weg. Mit „La Liste“ wollte ich Saudan und anderen Pio­nieren Respekt zollen. Und zeigen, was heute mit dem Material möglich ist.

STOL: Wie hast du dich physisch und mental auf dieses Projekt vorbereitet? Und hast du eine bestimmte Routine, bevor du dich eine Steilwand hinunterstürzt?

Heitz: Ganz wichtig ist es, das Material zu prüfen. Auch die Konditionen am Berg beobachten wir genau. Und natürlich ist das Timing sehr wichtig. An manchen Bergen hat man nur ein kleines Zeitfenster. Wetter und Schnee müssen stimmen, die Crew muss startklar sein. Gerade im Frühling muss der Schnee die richtige Konsistenz haben, sonst wird es zu gefährlich. Nur wenn alles passt, kann man das Risiko kalkulieren und das Wagnis einer solchen Abfahrt eingehen. Und natürlich müssen wir fit sein (lacht).

STOL: Beim Extremen bist du also in deinem Element. Wie überwindest du deine Angst?

Heitz: Das ist eine gute Frage und ich habe sie schon öfters gestellt bekommen. Angst ist kein schlechtes Gefühl, sondern ein sehr gutes positives Gefühl . Die Angst lehrt einen vorsichtig und aufmerksam zu sein, sowohl beim Aufstieg auf den Gipfel, als auch dann beim Downhill. Sie bewahrt einen oft vor gewissen Dummheiten. Die Angst schärft deinen Blick, sie macht dich wach. Man darf der Angst aber nicht ­zu viel Raum lassen. Vor der Abfahrt sperre ich negative Gedanken aus und gebe mich dem Glücksrausch hin, den ich nach der Abfahrt habe. 

STOL: Was war eigentlich die gefährlichste Situation während der Dreharbeiten zu „La Liste“?

Heitz: Das war wohl, als ich während einer Abfahrt einen Ski verloren habe. Ich bin den Nordhang des Grand Combin hinuntergefahren. An einer eisigen Stelle war der Druck auf die Skier dann plötzlich zu groß und ich habe einen der Skier verloren. Ich hatte Riesenglück. Wie durch ein Wunder konnte ich irgendwie mit meinem zweiten Ski 20 Meter weiter unten stoppen. Ganz langsam bin ich dann auf einem Ski mithilfe meines Eispickels bis zum Basecamp gefahren. Es war eine sehr gefährliche Situation, aus der ich aber viel gelernt habe.

STOL: Und welches war dein lohnendster und unvergesslichster Moment?

Heitz: Das war zweifelsohne die Abfahrt vom Obergabelhorn. Es war der letzte Gipfel auf der Liste. Das Gabelhorn ist einfach wunderschön. Wenn ich den Berg nur sah, wollte ich ihn sofort bezwingen. Er ist ein schwieriger Berg, was perfekte Konditionen betrifft. Und wir hatten den perfekten Tag erwischt. Alles lief nach Plan. Ich erinnere mich noch gut wie der Helikopter über mir kreiste, um mich zu filmen. Es war einfach ein unbeschreibliches Gefühl.

STOL: Wie gehen denn deine Eltern, deine Freundin und Freunde mit deinem risikoreichen Sport um?

Heitz: Meine Mutter und Großmutter respektieren das, was sich mache. Wir sind alle in den Bergen aufgewachsen. Mein Vater ist Bergführer. Die Berge sind also so ein Familiending. Natürlich sind sie manchmal besorgt, wenn ich gewisse Hänge fahre, aber ich erzähle ihnen genau was ich geplant habe. Sie vertrauen mir und wissen was ich tue. Wir werden sehen wie alles läuft. 

STOL: Was sind deine nächsten Pläne? Vielleicht ein bisschen Skifahren hier in Südtirol?

Heitz: Ja, warum nicht? Mit euch? Und dem ganzen Team? Nein, im Ernst. Ich werde neues Material testen und die neuen Handschuhe von Reusch, natürlich werde ich auch weiterhin ein bisschen trainieren. In der Schweiz haben wir ja schon ein wenig Schnee. Außerdem möchte ich wieder mehr für meine Fitness tun. Und dann gehen ja schon die Vorbereitungen für mein neues Filmprojekt los, womit ich die nächsten 3 Jahre beschäftigt sein werde. Da werde ich versuchen, Hänge von 6000 hohen Bergen zu bezwingen. Es gibt viel zu organisieren für das Projekt.

Interview: Verena Stefenelli

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stol