Donnerstag, 18. August 2016

Jubiläum: Ukraine feiert 25 Jahre Unabhängigkeit

Am 25. Unabhängigkeitstag ist in der Ex-Sowjetrepublik Ukraine nicht allen zum Feiern zumute. Im Krieg im Osten sterben Menschen, Armut und Korruption prägen den Alltag. Schafft das Land die Wende?

Der offene Protest scheint vielen als einzige Alternative wie hier 2013 am Maidanplatz in Kiev.
Der offene Protest scheint vielen als einzige Alternative wie hier 2013 am Maidanplatz in Kiev. - Foto: © APA/EPA

Am 24. August begeht die Ukraine den 25. Jahrestag der Unabhängigkeit von der Sowjetunion. Präsident Petro Poroschenko wird in der Hauptstadt Kiew als Zeichen neu gewonnener militärischer Stärke eine Parade von 4000 Soldaten sowie Panzern, Haubitzen und Raketenwerfern abnehmen.

„Der Krieg geht weiter“

Denn das Land muss sich wehren, seit Russland 2014 im Handstreich die Halbinsel Krim wegnahm und im Osten einen prorussischen Aufstand mit Soldaten und Waffen anheizte. „Der Krieg für die Unabhängigkeit geht weiter“, sagte Poroschenko bei der Militärparade vor einem Jahr. In diesen Wochen lassen neue Drohungen von Kremlchef Wladimir Putin sogar eine Ausweitung der Kämpfe befürchten.

Im Anfang war die Hoffnung

Dabei hatten sich die Ukrainer eine glänzende Zukunft erhofft, als ihr Parlament nach dem gescheiterten Putsch gegen den sowjetischen Präsidenten Michail Gorbatschow im August 1991 die Unabhängigkeit ausrief. Mit mehr als 90 Prozent Zustimmung bestätigten die Bewohner der nach Russland wichtigsten Sowjetrepublik dann im Dezember, dass sie einen eigenen Staat wollten. „Los von Moskau!“ war die Devise. Die Schwerindustrie im Donbass, Raumfahrt- und Raketentechnik und die berühmte fruchtbare Schwarzerde schienen günstige wirtschaftliche Voraussetzungen für die Ukraine zu bieten.

Von Krise zu Krise

Doch in einem Vierteljahrhundert ist Europas zweitgrößter Flächenstaat nicht auf die Beine gekommen, sondern von Krise zu Krise geschlittert. Das liegt nicht nur am Druck Moskaus. Schuld sind auch verschleppte Reformen, verantwortungslose Eliten und innere Spaltungen. Zwar ist der Graben zwischen dem national-ukrainischen Westen und dem russisch geprägten Osten nie so tief gewesen, wie vom Ausland angenommen; er ist aber auch nie überwunden worden.

Zweitärmstes Land Europas

Nach Angaben des Internationalen Währungsfonds ist die Ukraine mit 1790 Euro Durchschnittseinkommen je Einwohner das zweitärmste Land Europas nach der Republik Moldau. Mit Russland konkurriert sie laut Nichtregierungsorganisation Transparency International um den zweifelhaften Titel des korruptesten europäischen Staates.

 

Die Bevölkerung ist unabhängig von der Annexion der Krim durch Russland geschrumpft durch Abwanderung und geringe Geburtenziffern. Von einst 52 Millionen sind dem Statistikamt zufolge nur noch 43 Millionen Ukrainer übrig – mit weiter abnehmender Tendenz.

Das Volk setzt sich zur Wehr

Zweimal begehrte die Mittelschicht gegen die Zustände auf, in der Orangenen Revolution von 2004 und dem Euromaidan 2013/14. Zwar kämpfte sich das Land in der internationalen Wahrnehmung aus dem Schatten Russlands heraus. Doch die Hoffnungen auf eine Annäherung an den Westen und dessen Wohlstand wurden bisher nicht erfüllt.

 

Im Gegenteil verfielen mit jedem Umbruch die schwachen staatlichen Institutionen weiter. Idole enttäuschten durch Selbstbereicherung. Die Zivilgesellschaft brachte beim Euromaidan hohe Opfer, trotzdem drohen Reformen wie die Erneuerung der Polizei an Unterfinanzierung und Kompetenzgerangel zu scheitern.

Stabilität nicht in Sicht

Eine unabhängige Justiz und Rechtssicherheit sind trotz wiederholter Anläufe nicht in Sicht. 76 Prozent der Ukrainer finden, dass die Staatsführung das Land in die falsche Richtung lenkt. Doch geht es in der öffentlichen Diskussion vor allem um Gefahren von außen.

 

Der ehemalige Präsident Viktor Juschtschenko, auch er ein entzauberter Hoffnungsträger, hat mehrfach vor dem Verlust der Staatlichkeit gewarnt. „Die staatliche Unabhängigkeit nehmen wir nicht auf die leichte Schulter, dafür haben wir einen hohen Preis gezahlt. Wir haben im 20. Jahrhundert sechsmal unsere Unabhängigkeit erklärt und sie fünfmal wieder verloren“, sagte er 2008 der Zeitung „Die Welt“ angesichts des russischen Eingreifens in Georgien.

Abtrünniger Norden

Acht Jahre später ist die Warnung so aktuell wie nie. Moskau hat sich mit der Krim mehr als vier Prozent des ukrainischen Territoriums angeeignet. Weite Teile der ostukrainischen Gebiete Donezk und Luhansk stehen unter Kontrolle der von Russland militärisch unterstützten Separatisten. Daher wirkt es wie ein kleines Wunder, dass auch in diesem Jahr die gelb-blaue Staatsflagge zum Klang der Hymne emporgezogen wird. Viele der Ukrainer werden wie zum Trotz die Zeile singen: „Verschwinden werden unsere Feinde wie Tau in der Sonne.“

apa/dpa

stol