Auf den ersten Blick klingt das Thema der Abschlussarbeit von Nora Reichhalter kompliziert, es geht um das sogenannte Network-Marketing – genauer gesagt um das „Multi Level Marketing“. Und damit sind wir auch schon mittendrin im Geschäft, denn „Multi Level Marketing“ heißt alles und nichts. Für die Wirtschaftskammer Österreich ist es eine „Form des Direktvertriebs in Netzwerken mit weiteren Unternehmern/Vertriebspartnern“. Die unseriöse Variante von MLM ist als „Schneeballsystem“ oder „Pyramidensystem“ schon seit Jahrzehnten bekannt.<BR /><BR /><b>Wie bist du zu diesem heiklen Thema gekommen?</b><BR />Nora Reichhalter: „Bereits in der Oberschule in Bozen sind mir auf Social Media solche Stories und Posts aufgefallen. Dabei interessierte mich vor allem die Frage, wie es möglich ist, dass Leute auf diese Masche aufspringen und nicht merken, dass es Scam (Betrug, Anm.d.Red.) ist. Bei einer Projektarbeit im Studium sollten wir entweder ein TikTok-Video machen, oder eine Dokumentation. Und da griff ich diese Frage wieder auf und schon begann ich mit 3 Kommilitonen eine umfassende Recherche.“<BR /><BR /><b>Für die Recherche bist du verdeckt auf ein solches Event gegangen. Warum?</b><BR />Reichhalter: „Die undercover Recherche war eigentlich nicht geplant. Wir spielten von Anfang an mit offenen Karten, kontaktierten MLM-Agenturen bzw. Profile, erklärten unsere Projektarbeit und wollten Infos einholen. Sämtliche Interviewanfragen blieben unbeantwortet bzw. es kam eine Absage.“<BR /><BR /><b>Und dann?</b><BR />Reichhalter: „Für eine ausgewogene Berichterstattung ist es ja unumgänglich, beide Seiten zu befragen. Die einzige Chance, mit den Organisatoren solcher MLM-Events zu reden war dann, direkt hinzugehen. Als ganz „normale“ Person sozusagen und ich kaufte mir für 65 Euro ein Ticket“.<BR /><BR /><b>Wie hast du die Veranstaltung in Stuttgart erlebt?</b><BR />Reichhalter: „Die meisten Teilnehmer waren Gäste, die wohl von ihren Teamleadern zum Event eingeladen wurden. Die Stimmung war euphorisch, alles war perfekt durchorganisiert. U.a. gab es Vorträge, wie Kritik an diesem System zu entschärfen. Die Redner bzw. Organisatoren wurden vom Publikum wie Superstars gefeiert.“<BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1079049_image" /></div> <BR /><b>Auffällig in deiner Doku war die Sprache dieser MLM-Promoter. Englische Begriffe sind Standard, das klingt natürlich wichtig – sorgt aber auch für Verwirrung, oder?</b><BR />Reichhalter: „Das ist uns auch aufgefallen, alle reden etwa vom richtigen „Mindset“ für den Erfolg, aber niemand erklärt, was genau sie damit meinen. Das war dann auch unser Antrieb, der Sache nachzugehen, denn kein normales Unternehmen verwendet solche Begriffe. Wir haben dann eine Psychologin mit diesen Anglizismen konfrontiert und sie hat uns bestätigt, dass diese Begriffe und Ausdrucksformen bewusst verwendet werden, um Leute anzulocken.“<BR /><BR /><b>Der 2. auffällige Punkt, alle Teilnehmer waren extrem gut gekleidet, die Frauen in langen Kleidern, die Männer im Anzug, also wie auf einem Maturaball oder einer Hochzeit. Lassen sich junge Menschen davon beeindrucken?</b><BR />Reichhalter: „Zu 100%, das ist Teil ihrer Masche. Es geht ihnen darum, den Traum vom schnellen Geld zu verkaufen, und sie treiben dieses Bild auf die Spitze. Beim Event stand zum Beispiel ein teurer Sportwagen beim Eingang. Die Botschaft ist eindeutig: Sei dabei, sei einer von uns und du wirst reich.“<BR /><BR /><b>Aber keiner fragt, wem der Sportwagen am Eingang gehört?</b><BR />Reichhalter: „Ganz genau. Wir haben bei unseren Recherchen herausgefunden, dass diese Veranstalter ganz bewusst für den Event teure Autos mieten, teure Uhren mieten und dann ganz viele Fotos und Selfies machen um diese dann auf Instagram zu posten. Das ist der beste Weg, Leute zu locken, indem du das Geld zeigst. Bilder aus Dubai, Jetset-Lifestyle usw.. Interessantes Detail: Vor allem junge, unsichere Männer lassen sich von diesem Trick beeindrucken.“<BR />Du hast ja einige Organisatoren solcher Veranstaltungen direkt getroffen. <BR /><BR /><b>Ist das wirklich alles nur Schein, oder schwimmen sie tatsächlich im Geld?</b><BR />Reichhalter: „Für mich ist das alles nur eine Scheinwelt. Auf dem Event wurden z.B. die erfolgreichsten Mitglieder prämiert, mit einem Ring und einer Plakette bzw. einer Trophäe. Aber ich glaube nicht, dass der Ring irgendeinen Wert hatte. Das sah alles eher nach Billigware aus. Es kann aber durchaus sein, dass jene 2, 3 Personen ganz oben, viel Geld gemacht haben bzw. machen. Die ganz unten finanzieren denen ganz oben das Luxusleben, ganz einfach.“<BR /><BR /><b>Deine „Tarnung“ ist dann beim Event in Stuttgart aufgeflogen und du wurdest vor die Tür gesetzt. Warum?</b><BR />Reichhalter: „Es war so, kurz vor Ende der Veranstaltung habe ich ganz offen um Interviews mit den Veranstaltern gebeten. Der 1. Gesprächspartner, ein Vollprofi, wusste auf jede kritische Frage die passende Antwort, weil er die Kritikpunkte am System offenbar kannte. Als ich den Oberboss, nennen wir ihn Alex, zum Interview bat, kippte die Stimmung, denn er hatte ja zuvor schon jede Anfrage von uns abgeblockt. Dieser Alex kam auf mich zu, mit versteinerter Miene, ignorierte mich demonstrativ und ging weiter. Kurz darauf wurde ich kommentarlos aus dem Saal begleitet.“<BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1079052_image" /></div> <BR /><b>Ihr habt im Zuge der Doku auch mit einem Anwalt gesprochen, der Opfer solcher Machenschaften vertritt. Wie sieht er die Thematik?</b><BR />Reichhalter: „Es ist ja keine pure Abzocke, denn die Opfer geben ihr Geld ja gewissermaßen freiwillig aus, in der Hoffnung, eine gute Investition zu tätigen. Da sind wir in einer rechtlichen Grauzone, denn die hochriskante Investition könnte ja tatsächlich funktionieren – theoretisch zumindest. Am Ende aber wenden sich ganz wenige Opfer an einen Anwalt, auch weil sie sich schämen. Da ist es einfacher, die Fehlinvestition einfach aufzugeben und zu verdrängen. Auch dieser Umstand kommt den Blendern zugute. Hinzu kommt: Sie haben dir ja tatsächlich etwas verkauft, etwa die App, das Paket, zum Traden. Wenn die Gewinne ausbleiben, ist es halt unternehmerisches Risiko.“<BR /><BR /><b>Dein Fazit?</b><BR />Reichhalter: „Schnell reich werden, im Luxus leben mit teuren Autos und teuren Uhren, gibt es nicht. Wenn etwas zu gut klingt, um wahr zu sein, dann wird es wohl auch nicht wahr sein. Unsere Psychologin bestätigt es ja, es werden Mechanismen verwendet, die schon seit Jahrhunderten funktionieren, etwa bei Sekten. Als Außenstehende bei diesem Event, das fühlte sich an, wie im falschen Film.“<BR /><BR /><i>Fallzahlen aus Südtirol zu dieser Problematik gibt es nicht. Nachdem es aber Opfer in Österreich und Deutschland gibt, ist stark davon auszugehen, dass auch Südtiroler auf diese Masche reingefallen sind. Zudem gilt: Nicht jede Form von Multi Level Marketing ist unseriös.</i>