<BR /><b>Eine Karriere als Nationaltrainerin mit 27: Wie kam es dazu?</b><BR />Sophia Zingerle: Selbst wenn man mir das vor einem halben Jahr gesagt hätte, hätte ich es nicht glauben können. Ich war vorher in Wien und habe dort in einem leistungsdiagnostischen Institut gearbeitet. Ich war jedoch schon auf der Suche nach etwas Neuem. Mein Freund hat mir dann die Stellenausschreibung in Luxemburg gezeigt. Ich dachte mir: Das wäre cool, habe mich am Anfang aber nicht getraut, mich zu bewerben. Immerhin ist das ein großer Verband, und solche Positionen werden oft schon im Hintergrund vergeben. Am letzten Tag habe ich aber doch die Bewerbung abgeschickt. Und dann ging alles ganz schnell. Innerhalb von ein paar Ta<?TrVer> gen hatte ich das Vorstellungsgespräch und zwei Wochen später die Zusage. Dann bin ich sofort nach Luxemburg gezogen. Es ging also alles schnell und unerwartet.<BR /><BR /><b>Dabei stammt Ihr Freund selbst aus Luxemburg und ist im Radsport kein Unbekannter …</b><BR />Er kommt aus Luxemburg und ist seit drei Jahren Trainer beim französischen Profiteam „Total Energies“. Ich dachte mir immer: Eigentlich würde ich gerne das Gleiche machen wie er. Es ist aber nicht so einfach, dort hinzukommen. Es braucht viel Glück. Und jetzt hat sich für mich genau diese Chance ergeben – wie bei ihm. Er hat mich jedenfalls motiviert, es zu probieren. Alleine hätte ich mich wahrscheinlich nicht getraut.<BR /><BR /><b>Und kennengelernt haben Sie sich auch über den Radsport?</b><BR />Ja, wir haben uns bei einer Fortbildung in Zusammenhang mit der „Tour de France“ kennengelernt. In Wien haben wir dann in den vergangenen Jahren gemeinsam gelebt – er hat von dort aus gearbeitet.<BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1350474_image" /></div> <BR /><b>Ihr Vorgänger als Nationaltrainer der Damen in Luxemburg ist kein Geringerer als Ex-Radprofi Fränk Schleck (Tour-de-France-Dritter von 2011 und Bruder von Andy Schleck, dem Tour-Sieger von 2011). Wie gehen Sie damit um, in so große Fußstapfen zu treten?</b><BR />Ich hatte logischerweise großen Respekt davor, in diese Fußstapfen zu treten. Es ist aber wichtig, sich nicht zu vergleichen. Ich werde nie ein Fränk Schleck sein. Er mag je<?TrVer> de Strecke und die Dynamik im Profiradsport genau kennen, ich komme hingegen von der physiologischen Seite und kenne mich da besser aus. Außerdem habe ich – so glaube ich – einen sehr guten Umgang mit jungen Frauen. Ich versuche also nicht, ihn nachzuahmen, sondern konzentriere mich auf meine Stärken und gehe meinen Weg.<BR /><BR /><b>Luxemburg ist sehr klein. Wie viel Potenzial steckt in dem Land – mit Blick auf die Radsport-Weltspitze?</b><BR />Luxemburg ist von der Größe her etwa nur ein Drittel von Südtirol. Trotzdem gibt es im Radsport viele Profis oder angehende Profis. Dass Luxemburg so klein ist, bietet sogar Vorteile: Wenn man Athletinnen oder Athleten anruft und sagt: „Wir machen am Wochenende ein Trainingslager“, dann reist jeder nur eine halbe Stunde an. Es gibt hier zudem eine Sportschule – ähnlich wie jene in Mals – wo viele junge Athleten zusammen sind. Die Voraussetzungen sind also op<?TrVer> timal.<BR /><BR /><b>Inwiefern ist es als Trainerin von Profis notwendig, selbst einmal als Profi erfolgreich gewesen zu sein?</b><BR />Ich glaube nicht, dass es wichtig ist, in der Sportart erfolgreich gewesen zu sein, aber es ist nicht unwichtig, überhaupt in der Sportart gewesen zu sein. So ist es im Radsport etwa von Vorteil, einmal in einem Peloton gefahren zu sein, um zu verstehen, dass es nicht ganz einfach ist, in die erste Position zu gehen. Dadurch, dass ich selbst zwei Jahre Rennen in Österreich gefahren bin, habe ich sehr gute Einblicke erhalten. Ehemalige Profisportler, die keine richtige Ausbildung haben, tendieren eher dazu, einfach „Copy and Paste“ zu machen – also ihren Weg zu kopieren. Das ist aber nicht der richtige Weg für jeden. Frauenrennen werden übrigens ganz anders gefahren als Männerrennen. Dadurch, dass sie kürzer sind, werden sie viel intensiver gefahren.<BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1350477_image" /></div> <BR /><b>Welche Erfahrungen – in positiver wie in negativer Hinsicht – haben Sie bisher als junge Frau in dieser Position in den ersten Monaten gemacht?</b><BR />In meiner aktuellen Position habe ich keine negativen Erfahrungen gemacht. Im Gegenteil: Vor allem viele Athletinnen oder ihre Eltern kommen zu mir und sagen: „Es ist so schön, eine Frau hier zu haben“, was mich sehr freut. Ich hatte es aber zuvor nicht immer leicht. Denn bei einer jungen Frau wird viel eher die Kompetenz hinterfragt. Die Vorstellung, dass ein Trainer im Spitzensport ein Mann ist, ist noch sehr verbreitet. Es ist wichtig, dass sich das ändert – und ich möchte da als positives Beispiel vorangehen.<BR /><BR /><b>Welche Ziele als Damen-Nationaltrainerin haben Sie sich gesetzt?</b><BR />Als Damentrainerin von Luxemburg kümmere ich mich auch um den Nachwuchs. Dieser ist mir ein riesengroßes Anliegen. Ich möchte einen breiten Nachwuchs aufbauen, also mehr junge Frauen für den Radsport begeistern und sie auf dem Weg bis ganz nach oben begleiten.<BR /><BR /><b>Der Frauenradsport erlebt seit einigen Jahren einen enormen Boom – sei es im Profibereich als auch im Freizeitsport. Wie bewerten Sie das?</b><BR />Ich finde das unfassbar cool. Es sind wirklich sehr viele Frauen, die Rennrad fahren. Es gibt eine wechselseitige Entwicklung: Weil es Vorbilder im Profiradsport gibt, entwickelt sich der Breitensport. Funktioniert der Breitensport, gibt es eine größere Dichte im Leistungssport. Nicht nur in der World-Tour, auch bei kleineren Rennen steigt das Niveau von Jahr zu Jahr enorm. Es ist insofern ein Paradebeispiel, wie sich eine Sportart entwickeln kann.<BR /><BR /><b>Was wünschen Sie sich für den Frauenradsport?</b><BR />Ich wünsche mir, dass man den Frauen mehr zutraut. Wenn wir über die Tour de France reden: Dieses Jahr gibt es neun Etappen, bei den Männern waren es 21 über drei Wochen. Es gibt physiologisch keinen Grund, wieso die Frauen nicht mehr Etappen haben sollten. Und man könnte – so wie bei der diesjährigen Tour de Suisse erstmals – Männer und Frauen an denselben Tagen auf die fast identische Strecke schicken – alleine schon wegen der Zuschauer und der Aufmerksamkeit. Wenn viele Menschen Frauenradsport sehen, werden sich auch die Preisgelder bei den Frauen entwickeln. Es soll<?TrVer> te nämlich auch leichter sein, als Frau vom Radsport leben zu können. Auf kontinentalem Niveau hat man dazu – im Gegensatz zu den Männern, die sich dort in Richtung World-Tour-Profis entwickeln können – kaum eine Chance.<BR /><BR /><b>In fünf Jahren sehen wir Sie dann als Trainerin eines Profi-Teams bei der Tour de France der Frauen?</b><BR />Ausschließen würde ich das nicht. Aktuell bin ich mit meiner Position aber sehr glücklich, weil es mir vor allem große Freude macht, mit jungen Frauen zu arbeiten und sie in ihrer Entwicklung zu begleiten. Die Jugend ist immer eine schwierige Lebensphase. Den Athletinnen da zur Seite zu stehen, ist für mich sehr erfüllend und kann für sie unfassbar viel wert sein.<BR /><BR /><BR />ss<embed id="dtext86-76051065_listbox" />