Dienstag, 17. Oktober 2017

Katalonien: Wer sind die beiden Inhaftierten?

Der eine ist ein Linksintellektueller, der zweite ein Selfmademan. Im gut eingespielten Duo avancierten Jordi Sanchez und Jordi Cuixart zum Herz und Motor der Unabhängigkeitsbewegung in Katalonien. Nun sitzen beide hinter Gittern. Einige atmen auf, andere schimpfen.

In Katalonien wird am Dienstag heftig gegen die Inhaftierung der beiden Anführer der Unabhängigkeitsbewegung protestiert.
In Katalonien wird am Dienstag heftig gegen die Inhaftierung der beiden Anführer der Unabhängigkeitsbewegung protestiert. - Foto: © APA/AFP

Es sind zwei völlig verschiedene Charaktere, im Doppelpack haben sie Macht und Berühmtheit erlangt. Die katalanischen Aktivisten Jordi Sanchez und Jordi Cuixart sind die ersten „großen Namen“, die im Konflikt um die Unabhängigkeitsbestrebungen in der Region im Nordosten Spaniens von der Justiz hinter Gitter gesteckt werden. (STOL hat berichtet)

Als Chefs der beiden wichtigsten separatistischen Privatorganisationen Kataloniens spielten sie bisher vor allem bei der Mobilisierung der Massen eine entscheidende Rolle.

„Aufwiegler und Provokateure“

Die beiden agierten dabei derart im Einklang miteinander, das sie in Spanien nicht nur von Medien, sondern auch in Cafés und Büros nur noch „die Jordis“ genannt werden. Für Unionisten sind sie – mehr als Regionalpräsident Carles Puigdemont – ein rotes Tuch. Sie werden als „Aufwiegler“ und „Provokateure“ beschimpft. Für die Separatisten sind sie dagegen Leitfiguren. Ihre Inhaftierung wegen „aufrührerischen Verhaltens“ löste eine heiße Debatte aus.

Doch wer sind „Los Jordis“? Welche Organisationen leiten sie? Der 53 Jahre alte frühere Politik-Dozent Sànchez ist schon seit vielen Jahren unter anderem bei den katalanischen Grünen politisch aktiv. Er engagierte sich vor allem im Bildungssektor, nebenbei arbeitete er für zahlreiche katalanische Medien. Separatist war er „schon immer“, wie er selber sagt. Und Monarchiegegner. Vor einem Besuch des damaligen Königs Juan Carlos „entführte“ er nachts mit Gesinnungsgenossen die spanische Fahne auf dem Balkon des katalanischen Regierungspalastes Palau de la Generalitat.

Wer sind die beiden?

Seit 2015 ist der Vollbart- und Sakko-Träger als Nachfolger der aktuellen Präsidentin des Regionalparlaments, Carme Forcadell, Chef der Katalanischen Nationalversammlung (ANC). Die Bürgerinitiative wurde 2012 im Zuge des Wiederaufflammens des Separatismus in Katalonien gegründet und hat rund 80.000 Mitglieder. Im Interview mit der Deutschen Presse-Agentur sagte Sanchez jüngst auf die Frage nach der Möglichkeit einer Inhaftierung: „Ich habe keine Angst davor, weil ich ein sehr, sehr ruhiges Gewissen habe.“

Cuixart ist ebenfalls Vollbartträger und entschiedener Separatist. Anders als der linksgerichtete Intellektuelle Sanchez, mit dem er 2015 eine 400 Kilometer lange Menschenkette organisierte, ist der Sohn eines Bauarbeiters und einer Metzgerei-Angestellten ein Selfmademan, der mit der Gründung eines Verpackungsunternehmens zu Erfolg und Geld kam. Seit 2015 ist er Präsident des Kulturvereins „Omnium Cultural“, einer Organisation, die 1961 mit dem Ziel der Förderung der von der Franco-Diktatur (1939-1975) unterdrückten katalanischen Kultur und Sprache ins Leben gerufen wurde.

Mit den beiden verlieren die Unabhängigkeits-Befürworter Herz und Motor

Mit der Inhaftierung der beiden verlieren die „Independentistas“ Herz und Motor. Eine Schande, meint der Chef der linken Partei Podemos, Pablo Iglesias, der die Separatisten nicht unterstützt. Es gehe nicht an, dass es „im Spanien des 21. Jahrhunderts politische Häftlinge“ gebe. Die Volkspartei PP von Ministerpräsident Mariano Rajoy, die von einem Putsch in Katalonien spricht, entgegnete, die beiden seien nicht wegen politischer Ideen, sondern wegen der Bedrängung von spanischen Polizisten bei Demonstrationen in U-Haft.

Auch in spanischen Diplomatenkreisen wurde betont, dass in Spanien niemand wegen seiner Meinung in Untersuchungshaft genommen werde. Bei den beiden Aktivisten bestehe aber die Gefahr einer Flucht ins Ausland und das Risiko der Vernichtung wichtiger Unterlagen.

apa/afp

stol