Wenn man eine Sache angehe und dabei etwas Gescheites herauskommen soll, seien Leidenschaft und Begeisterung unverzichtbar, sagt Karl Perfler. „Komm, ich zeige dir etwas“, gibt er mir, aus der Küche kommend, mit dem Kinn ein Zeichen. <BR /><BR />So durchquere ich hinter dem 70Jährigen den gewölbten steingemauerten Saal im Erdgeschoss der Tschenglsburg und betrete den mit kopfgroßen Steinen gepflasterten Innenhof. Am Turmfuß lehnt ein geschliffener weißer Marmorbrocken mit der Inschrift: „Mit dem Herzen sehe ich gut, deshalb folge ich meinem Herzen.“ Dieser Stein, beziehungsweise was darauf stehe, sei sein Kompass, sein Lebenswegweiser, sagt Perfler, und dreht sich um Richtung Vinschgau. <BR /><BR />Unter uns liegt das Dorf Tschengls, die gotische Pfarrkirche spitzt in den Sommerhimmel. Gegenüber die schroffen, ausgedörrten Hänge des Vinschger Sonnenberges. <BR /><BR />Mit den Augen seines Herzens, sagt Perfler, während er mit der Hand einen Schlenker über das Tal macht, wo Obstplantagen immer weiter an den Hängen emporklettern, mit seinem inneren Auge sehe er da lauter Kornfelder und Marillenhaine. „Der Vinschgau war ja die Kornkammer Tirols.“ Perfler baut selbst Getreide an, im Ofen hier im Schlosshof bäckt er Bio-Brot, Vinschger Urpaarl und Dinkellaib. Jetzt zeigt der Mann, der sich selbst Kulturwirt nennt, auf eine kleine Kirche am Fuß des Nörderbergs, sie sei der Hl. Ottilia geweiht, Schutzpatronin der Blinden und Sehbehinderten. <BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="913765_image" /></div> <BR /><BR />Während der „Marillenblüten-Wanderungen“, die Perfler mit Chören aus nah und fern organisierte, habe man im blühenden Marillenhain die Schönheit der Schöpfung besungen und dann die Heilige Ottilie um ein neues Sehen angerufen, erzählt Perfler. Die Marillenblüte, zart, vergänglich und wunderschön, frage, wie die ganze Schöpfung, nach keinem Nutzen. <BR /><BR />„Und jetzt kemmen mir zum Succo“, sagt Karl Perfler. „Die Blüten laden uns ein, uns von Dingen zu trennen, in denen keine Aufrichtigkeit, keine Wahrhaftigkeit ist.“ Wenn wir lediglich auf unseren Vorteil bedacht sind, auf die Verwertbarkeit, sich alles um den Profit dreht, sagt Perfler, „sind wir nur mehr Rechenwesen, ohne emotionale Intelligenz. Ich nenne diesen Typus den Maschinenmenschen.“<h3> Flucht aus der Priesterschmiede</h3>Karl Perfler klingt wie ein Philosoph, er hat auch etwas von einem Prediger und New-Age-Guru. Bio-Bauer ist er obendrein; als Sohn eines Goldrainer Bauern besuchte Perfler das Bischöfliche Seminar Vinzentinum, damals noch eine Priesterschmiede. Mit 15 sei er abgehauen, weil er sich doch nicht für den geistlichen Beruf entscheiden konnte. <BR /><BR />„Im Humanistischen Gymnasium in Meran landete ich am ersten Schultag auf dem einzigen freien Platz neben einem Burschen, der zum dritten Mal in der ersten Klasse saß – mit mir ging es dann ebenfalls bergab, ich schmiss die Schule“, erzählt Perfler und lacht – alles längst verjährte Jugendsünden.<BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="913768_image" /></div> <BR /><BR /><BR /> „Während die Mama öfter die Rute auspackte, sagte der Tata immer, ‚des wird schun werden!‘ “ Ohnehin seien Umwege, auch Irrwege, oft die wichtigsten Wege. „Am meisten lehrt einen ja das Leben“, sagt Perfler. Nachdem der elterliche Hof wegen Überschuldung durch ein Hotelprojekt (Ende der 1970er Jahre galoppierte die Inflation, die Zinsen schossen auf astronomische 27%) verloren war, zerbrach auch Perflers Ehe an den Geldsorgen. Er wurde Gastwirt, Alm- und Skihütten-Pächter.<BR /><BR /> Als Kulturwirt auf der Tschenglsburg hat Perfler seine Bestimmung gefunden. „Meine Vorgänger hielten hier nur ein paar Jährchen durch – ich bin seit 12 Jahren hier“, sagt er – an Selbstbewusstsein fehlt es ihm nicht. <h3> Gut vernetzter Charismatiker</h3>An diesem Nachmittag sitzen im kühlen Gewölbesaal vor der Theke vier Handwerker beim Kartenspiel. Es gibt eine „Perlogger-Ecke“, jeder Dienstag-Abend sei auf der Tschenglsburg Perlogger-Abend, erzählt Perfler. „Hier saßen schon die Süd- und Nordtiroler Landesregierung. Auch die Kantonalregierung von Graubünden hat bei uns ein Meeting abgehalten.“ <BR /><BR />Der Charismatiker Perfler ist gut vernetzt, er kann begeistern. Mit 250 Leuten sei er von der Etschquelle dem Fluss entlang bis zum Meer gewandert, „wo sich die Fluten aus dem Gebirge mit dem Meer vermählen.“ Einer wie er, sagt er, polarisiere natürlich. „Wie damals, 1990, als ich das Vinschger Bahnl gerettet habe.“ Mit seiner alten Füllfeder habe er dem obersten Beamten der Italienischen Staatsbahnen einen Brief geschrieben. „Dann besuchte ich den Bahnchef in Verona. Innerhalb von fünf Minuten erhielt ich die Zusicherung, dass auf der Strecke zwischen Meran und Mals drei Mal wöchentlich Nostalgiezüge mit Dampflokomotiven rollen.“ <BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="913771_image" /></div> <BR /><BR />Als sich ein paar hundert Leute, darunter hochrangige Politiker, im Bildungshaus Schloss Goldrain trafen, habe er, Perfler, vorgeschlagen, eine große Fläche im Innenhof als Parkplatz für Fahrräder zu reservieren. „Daraufhin hieß es: der Perfler spinnt! Und die Leute sind, empört ihre Köpfe schüttelnd, hinausgerannt.“ Ha ha ha, lacht Perfler: und heute staue sich auf dem Etschradweg der Radlerverkehr! „Es ist eben nicht einfach, als Prophet im eigenen Land aufzutreten.“ <BR /><BR />„Vinschger Erde“ heißt Karl Perflers jüngstes Projekt, ein Laden in Glurns, in welchem Produkte aus dem Vinschgau angeboten werden: Mehl, Brot, Wein, Säfte und Nudeln aus hiesigem Getreide. 25 bis 30 Tonnen baut Perfler selbst an, etwa am Unterfrinighof oberhalb von Tanas. „Dort ist es steil – ich pflüge und egge mit dem Pferd.“ <BR /><BR />Der Kulturwirt plant, dort oben ein Erntefest zu veranstalten, mit Familien und Kindern. Alle sollen mithelfen, nach dem Garbenaufbinden soll man zusammen essen und trinken und den Glühwürmchen zuschauen. „Wer will, rollt auf dem Kornfeld seinen Schlafsack aus.“ <h3> Über die Raffgier</h3>Während der Corona-Pandemie hat Perfler angefangen, ein Buch zu schreiben. Ihn beschäftigt das Habenwollen, die Gier, das Anhäufen von Privatbesitz. „Einen Irrtum der Evolution“, nennt Perfler diese Entwicklung, die nach der Sesshaftwerdung in der Jungsteinzeit begann. Die Raffgier führe zu Neid, Konkurrenz und Krieg, ein tödlicher Kreislauf. „Wir sind ja immer noch so blöd, dass wir Kriege führen, während unschuldige Kinder verhungern.“ Man werde ihn hinauswerfen, erzählt er, habe er sich gedacht, als er in einer Stadt in Deutschland „vor lauter Bankern“ ketzerische Thesen zu einer gemeinwohlorientierten Wirtschaft vortrug. „Stattdessen klatschen alle begeistert.“ Geschichten wie diese kann Perfler Hunderte erzählen. <BR /><BR />Der Mann hat eine Vision – er strebt nach einer besseren, gerechteren, solidarischeren Welt. Bei der „Mohrenhütte“ unterhalb von Tschengls, einem langen hölzernen Flachbau an der Straße zwischen Tschengls und Spondinig, die früher für die Lagerung von Gemüse diente, hält Karl Perfler mit seinen Unterstützern gelegentlich einen Getreidemarkt ab. Natürlich geht es auch dabei um Missionierung. <BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="913774_image" /></div> <BR /><BR />Einen Steinwurf von der Mohrenhütte entfernt dehnt sich ein Kornfeld aus. Hüfthoch und kerzengerade stehen die Ähren; in ein oder zwei Wochen, sobald sie reif sind, werden sie sich leicht nach unten neigen. Man hätte Lust, hier am Rand seine Picknickdecke auszubreiten. Am Himmel halten Schwalben ihre akrobatischen Flugmanöver ab, im Wind wogen die Halme, schaukeln hin und her wie Meereswellen. <BR /><BR />Solche wie ihn brauche es, „du hältst uns den Spiegel vor“, sagte vorhin auf der Burg einer am Perlogger-Tisch zu Karl Perfler. Er selbst erzählte von seinem Traum, „die goldene Farbe der schwebenden Kornfelder in unser Tal zurückzubringen.“ <BR /><BR />Noch bildet das Gold lediglich einige Tupfer inmitten des Apfelgrüns. An Apfel-Monokulturisten, Realitäts-Fatalisten und Machbarkeitsfanatikern herrscht ja kein Mangel. Hätten wir hingegen mehr tatkräftige Träumer und Weltbeweger vom Schlag Karl Perflers, müssten wir uns um goldene Farb-Akzente keine Sorgen machen. Und wer weiß, vielleicht gingen wir dann, allen - leider nicht ganz unberechtigten - Schwarzmalereien zum Trotz, einer insgesamt goldigeren Zukunft entgegen? <BR /><BR />