Dienstag, 06. März 2018

Leidgeprüftes Sierra Leone wählt Präsidenten und Parlament

16 Jahre nach einem verheerenden Bürgerkrieg sind 3,1 Millionen Wahlberechtigte im bitterarmen Sierra Leone am Mittwoch zu Parlaments- und Präsidentschaftswahlen aufgerufen. Für das höchste Amt im Staat gibt es 16 Kandidaten, darunter 2 Frauen. Der seit einem Jahrzehnt amtierende Präsident Ernest Koroma vom All People's Congress (APC) darf gemäß der Verfassung nicht wieder antreten.

16 Jahre nach einem verheerenden Bürgerkrieg sind 3,1 Millionen Wahlberechtigte im bitterarmen Sierra Leone am Mittwoch zu Parlaments- und Präsidentschaftswahlen aufgerufen.
16 Jahre nach einem verheerenden Bürgerkrieg sind 3,1 Millionen Wahlberechtigte im bitterarmen Sierra Leone am Mittwoch zu Parlaments- und Präsidentschaftswahlen aufgerufen. - Foto: © APA/AFP

Erneut dürften sich APC und die oppositionelle Sierra Leone People's Party (SLPP) den Sieg streitig machen. Die beiden Parteien beherrschen traditionell das politische Leben in dem westafrikanischen Land.

Der APC schickt den unter Korruptionsverdacht stehenden ehemaligen Außenminister Samura Kamara ins Rennen. Der 66-jährige Wirtschaftswissenschaftler ist seit den 90er Jahren als politischer Strippenzieher hinter den Kulissen tätig – auch als das Militär das Land regierte. Kamara werde „nicht die Stimme seines Meisters“, sondern er selbst sein, sagte der scheidende Staatschef Koroma jüngst bei einer Wahlveranstaltung über seinen engen Vertrauten. Koroma will nach dem Ausscheiden aus dem Präsidentenamt weiter die Geschicke des APC leiten.

Sierra Leone leidet unter der Inflation – unter Koroma hat sich der Reispreis verfünffacht -, wachsenden Staatsschulden und einer anhaltend hohen Jugendarbeitslosigkeit. Überschattet wird Koromas Herrschaft auch durch das Verschwinden von Millionen Dollar, die für den Kampf gegen die Ebola-Epidemie bestimmt waren. Ihr fielen zwischen 2014 und 2016 etwa 4000 Menschen zum Opfer. Bei der Hochwasser-Katastrophe im vergangenen August in der Nähe der Hauptstadt Freetown gab es mehr als tausend Tote.

Die SLPP kürte den 53-jährigen Julius Maada Bio zu ihrem Spitzenkandidaten. Der General hatte im Jänner 1996 den Militärmachthaber Valentine Strasser gestürzt und bis zur ersten freien Wahl in Sierra Leone wenige Monate später vorübergehend die Regierungsgeschäfte übernommen. Bei der Präsidentschaftswahl 2012 war er Koroma unterlegen. Im zurückliegenden Wahlkampf war der Kampf gegen Korruption einer seiner Schwerpunkte. Kamara wirft seinem Konkurrenten Bio vor, während seiner kurzen Regierungszeit selbst 18 Millionen Dollar veruntreut zu haben.

Als Königsmacher für den Fall einer Stichwahl gilt der 58-jährige Kandeh Yumkella. Er war einst einer der starken Männer der SLPP, verließ die Partei aber vor weniger als einem Jahr und gründete die Nationale Große Koalition (NGC). Yumkella, der seinen Wahlkampf weniger entlang regionaler und ethnischer Linien führte, findet vor allem im städtischen und gebildeten Milieu Anklang. Der ehemalige UN-Diplomat, der sich mit Energielösungen für Entwicklungsländer und mit dem Klimawandel auskennt, hat auch bei internationalen Geberorganisationen einen guten Namen.

Der APC verspricht, das Straßennetz auszuweiten. Aber die Rolle Chinas, das unter anderem den Bau einer Autobahn mit Mautgebühren finanziert, ist umstritten. Bio sagte während einer Debatte im Fernsehen, die meisten von Peking unterstützten Projekte seien weder für die Wirtschaft noch für die Bevölkerung des Landes von Nutzen.

Die Wahlen gelten als Test für die demokratische Konsolidierung Sierra Leones, wo in den Jahren 1991 bis 2002 ein Bürgerkrieg mit 120.000 Toten und hunderttausenden Flüchtlingen wütete. Die Menschen erwarten von der neuen Staatsführung, dass sie den Frieden bewahrt und sie endlich aus dem Elend führt. Obwohl das Land an Afrikas Westküste reich an Bodenschätzen ist – vor allem Diamanten – ist es eines der ärmsten der Welt. Die Kindersterblichkeit ist äußerst hoch, sauberes Wasser und Strom sind Mangelware.

afp

stol