Die 41-jährige Forscherin aus dem Pustertal berichtet über ihre Prioritäten, ökosoziale Vorreiter und ihre überaus unkonventionellen Forschungsansätze.<BR /><BR /><BR /><BR /><b>Frau Elzenbaumer, als Sie letzthin bei einer Fachtagung in Biella als neue Co-Vorsitzende der CIPRA vorgestellt wurden, sprachen Sie davon, wie wichtig die ökonomische Sprache der Ökosystemleistungen ist, weil sie auch von Politik und Wirtschaft verstanden wird. Können Sie das ein wenig aufdeutschen?</b><BR />Bianca Elzenbaumer: Gerne. Es geht prinzipiell darum, den Wert eines Ökosystems sichtbarer zu machen, indem man die ganze Bandbreite der Leistungen dieses Ökosystems zahlenmäßig aufzeigt. Denken wir an einen x-beliebigen Wald: Der bringt der Bevölkerung weitaus mehr als es der bloße Holzwert ausdrückt, denn er bietet Lawinenschutz, sorgt für frische Luft, schafft Rückzugs- und Erholungsräume, bietet Lebensraum für eine Vielfalt anderer Lebewesen, die wiederum für unser eigenes Überleben wichtig sind etc. Diesen Wert kann man mit Parametern berechnen, um dann mit den errechneten Zahlen den Politiker und Wirtschaftsleuten zu veranschaulichen: Der Wald ist nicht nur aus Naturschutzgründen wichtig, sondern weil er viele Leistungen bringt, die wir alle als selbstverständlich hinnehmen. Das sind diese Ökosystemleistungen. <BR /><BR /><b>Etwa auch Leistungen für die menschliche Gesundheit?</b><BR />Elzenbaumer: Ja, vor allem auch für die menschliche Gesundheit. Wie das Institut für Ökomedizin in Salzburg unter seinem Leiter Arnulf Hartl aufzeigt, kann der Wald unserer Gesundheit in einem geradezu enormen Ausmaß zuträglich sein. Das beginnt bei verschiedenartigsten psychologischen und physiologischen Wirkungen und reicht bis hin zum Mikrobiom in unserem Darm und unserer Lunge. Das Immunsystem wird resistenter, man wird weniger anfällig für Allergien und dergleichen mehr.<BR /><BR /><b>„Nicht zu einer Religion werden“</b><BR /><BR /><BR /><b>Und gerade solche Fakten sollten in Politik und Wirtschaft mehr Gehör finden?</b><BR />Elzenbaumer: Ja, man sollte über die üblichen einfachen Rechnungen hinausdenken, und sich im Klaren werden, was es bedeutet, wenn man Wald für neue Infrastrukturen opfert. Uns geht es aber ganz klar um das Sichtbarmachen und Herstellen einer Gesprächsbasis. Mit dem Instrument der Ökosystemleistungen wollen wir von der CIPRA eine Brücke bauen, um in einen konstruktiveren Dialog mit Politik und Wirtschaft zu kommen, allerdings soll das nicht zu einer Religion werden. Die Alpen bilden für fast 100 Millionen Menschen eine Lebensgrundlage, sind aber auch das zweitgrößte Biodiversitätsreservoir Europas. Sie sind ein Wert an sich und folglich so oder so schützenswert. <BR /><BR /><b>Hier der Ruf nach Naturschutz, dort die Forderung nach Wachstum und neuen Infrastrukturen. Vor allem im Alpenraum treten diese Gegensätze immer stärker zutage, wie kann da eine gemeinsame Basis gefunden werden?</b><BR />Elzenbaumer: Gerade diese scheinbaren Widersprüche und Gegensätze finde ich spannend, genau damit beschäftige ich mich schon sehr lange, und wohl deshalb haben sie mich zur Co-Vorsitzenden der Cipra bestellt. Zusätzlich zu unserer politischen Agenda wollen wir auch mit Leuchtturm-Projekten aufzeigen, dass man das Leben im Alpenraum auch auf einer ökologischen und sozial nachhaltigen Grundlage gestalten kann. Dies ist heute umso wichtiger, wo der Klima-Kollaps so eindeutig sicht- und spürbar wird und der Verlust von natürlichem Lebensraum ein rapides Artensterben vorantreibt. Mit unseren Projekten wollen wir zeigen, dass sich eine fürsorgende Wirtschaft, Naturschutz und soziale Gerechtigkeit nicht ausschließen, sondern sehr wohl miteinander kompatibel sind. Wir wollen Ungleichheiten zwischen den Menschen im Alpenraum oder zwischen Gruppen von Menschen verringern und zugleich an der Multiplikation von ökologisch zukunftsfähigen Lebensweisen arbeiten. Nicht bloß auf theoretischer politischer Ebene, sondern auch mit konkreten visionären Projekten.<BR /><BR /><embed id="dtext86-49808206_quote" /><BR /><BR /><BR /><b>Wo gibt es solche Leuchtturm-Projekte?</b><BR />Elzenbaumer: Etwa in Rovereto, wo die Stadtgemeinde viele partizipative Prozesse im ökosozialen Bereich angestoßen hat. Auch ich selbst bin dort über das EU-Programm für Wissenschaftsexzellenz „Marie Skłodowska Curie“ aktiv, habe mit Unterstützung der EU ein Real-Labor am Bahnhof von Rovereto angestoßen und begleite so einige soziale und ökologisch visionäre Projekte substanziell bei der Umsetzung. In Österreich finde ich die Waldkindergartenbewegung spannend. Dabei kommen Kinder mit Bergen, Wald und dem Leben auf den Bauernhöfen in Berührung, und so wird eine emotionale Bindung hergestellt, die ein Leben lang nachwirken kann. Ein gutes Beispiel in Südtirol sind die Initiativen der Bürgergenossenschaft Obervinschgau namens „DA“. Sie leitet nun etwa die Dorfsennerei in Prad und gibt Bauern der Umgebung die Möglichkeit, ihre hochwertigen Produkte zu veredeln und zu verkaufen. Viele Gemeinden unterstützen solche lokale und nachhaltige Projekte. Auch wir von der CIPRA arbeiten vermehrt in diese Richtung, stoßen natürlich auch eigene Initiativen wie gerade jetzt das Alpine Changemaker Basecamp an.<BR /><BR /><b>Worum handelt es sich bei diesem Basecamp?</b><BR />Elzenbaumer: 30 Personen im Alter zwischen 18 und 30 Jahren mit vielversprechenden ökosozialen Projektideen werden nach einer Woche Basecamp ein Jahr lang von einem Team von Mentoren begleitet, damit auch die Umsetzung gelingen kann. Ein junger Innsbrucker möchte eine Kooperation unter den Gemeinwohlinitiativen im Alpenraum ins Leben rufen, eine Französin verfolgt die Idee, in der Natur eine Art Therapiezentrum für Essstörungen aufzubauen. Das sind sehr gut ausgebildete, ehrgeizige junge Leute, wir wollen ihnen Rückenwind geben. Ich kann aus eigener Erfahrung sagen, wie wichtig das ist.<BR /><BR /><b>Inwiefern?</b><BR />Elzenbaumer: Ich habe mich schon als Kind für ökologische Themen interessiert und mich als 6-Jährige für Recycling an der Grundschule eingesetzt. Allerdings fühlte ich mich in meinem Dorf und Umgebung mit meinen Interessen oft recht allein, und so war es mit Anfang 20, als ich mit den Themen und der Gemeinschaft der CIPRA in Kontakt gekommen bin, tatsächlich ein Schlüsselmoment. Ich habe gemerkt, dass ich nicht allein mit meinen Ideen bin, und dass man mittlerweile auch in ländlichen Gegenden Raum und Resonanz dafür bekommt. Gerade diesen Rückhalt möchte ich der heranwachsenden Generation geben. <BR /><BR /><embed id="dtext86-49808207_quote" /><BR /><BR /><BR /><b>Wenn wir an neuartige Phänomene wie die Sharing-Kultur oder vegane Ernährung denken, stellt sich die Frage, ob da tatsächlich eine neue Generation heranwächst. Wie stark ist das ökosoziale Bewusstsein unter der Jugend verankert?</b><BR />Elzenbaumer: Das ist eine sehr spannende Frage. Mich lässt hoffen, dass viele Jugendliche nicht bloß einer Ideologie hinterherjagen, sondern die Dinge auch umsetzen wollen. Tatsächlich sagen viele, etwa auch beim erwähnten Basecamp: Mein Lebenstraum ist nicht das Einfamilienhaus, ein großes Auto und der jährliche Skiurlaub, sondern in Einklang mit dem Ökosystem zu leben. Sie fragen sich, warum nicht mehr in Cohousing investiert wird – einerseits um den ökologischen Fußabdruck zu verringern, andererseits, um die Strukturen einer hyperindividualisierenden Gesellschaft zu durchbrechen – und probieren es einfach aus. Wir sollten uns bewusst werden, dass die Jugend bereits unsere Gegenwart ist. <BR /><BR /><b>Woher kommt diese starke Überzeugung Ihrerseits?</b><BR />Elzenbaumer: Ein Aha-Moment war nach meinem Kurs in internationaler Friedensarbeit und Mediation mein Praktikum in Jerusalem in einem völlig anderem Kontext. Dort war ich tief beeindruckt von den Menschen, die sich für soziale Gerechtigkeit sowohl für Israelis wie für Palästinenser einsetzen. Ich habe mir gesagt, genau das will ich für die Alpen tun – Gegensätze auflösen, Menschen aus unterschiedlichen Lagern und mit unterschiedlichen Interessen für die gemeinsame Sache gewinnen, um unseren Lebensraum zu erhalten. Letztlich sind die Alpen nicht nur Lebensgrundlage für die dortigen Bewohner, sondern auch für die vielen Großstädte rundherum. <BR /><BR /><b>Was haben Sie für Zukunftspläne?</b><BR />Elzenbaumer: Mein EU-Forschungsstipendium mit dem alpinen Real-Labor in Rovereto wird im Dezember auslaufen. Allerdings möchte ich es danach im nicht akademischen Kontext weiterführen, weil es für die Menschen wichtig ist und ich sehen möchte, was es tatsächlich auf längere Zeit bewirken kann. Das deckt sich auch mit meinem 40-jährigen Forschungsprojekt „Brave New Alps“.<BR /><BR /><b>Wie bitte, ein 40-jähriges Forschungsprojekt?</b><BR />Elzenbaumer: Ja, das habe mir mit meinem Lebenspartner Fabio Franz ausgedacht, und wir sind es vor 5 Jahren gemeinsam angegangen. Prinzipiell geht es darum, wie man über ökosoziales Design Gemeinschaftsökonomien schaffen kann, die ein gutes Leben für alle ermöglichen. Die üblichen Projekte sind viel zu kurzfristig angelegt, sowohl um in diese Richtung etwas nachhaltig zu verändern, als auch um zu beobachten, wie weit transformative Ansätze ausstrahlen. Ich möchte längerfristig wirken und scheinbare Gegensätze miteinander versöhnen bzw. in ein Gleichgewicht bringen.<BR /><BR /><BR /><BR /><BR /><BR />