Noch vor wenigen Jahren war Linz bekannt als graue Industriestadt. Zwar an der schönen Donau inmitten grüner Landschaften gelegen, aber von dunklen Wolken verdeckt und stets im Schatten von Salzburg und Wien. Auch die Tatsache, dass Linz die Jugendstadt Adolf Hitlers war, trug wenig Gutes zum Image bei.Heute präsentiert sich die Hauptstadt Oberösterreichs durchaus freundlich und selbstbewusst. Einen beträchtlichen Beitrag hat dabei die Hinwendung zur Kultur ausgemacht: Schritt für Schritt hat sich Linz von der Industriestadt zur Kulturstadt entwickelt – von „In Linz da stinkt’s“ zu „In Linz beginnt’s“. Linz09 als „Stadtentwicklungsprojekt“Dass Linz 2009 neben Vilnius, der Hauptstadt Litauens, Kulturhauptstadt Europas ist, wurde in der Stadt als große Chance gesehen. „Das Projekt wird als Stadtentwicklungsprojekt verstanden“, so Heller. Man habe die Möglichkeit bekommen, eine Entwicklung nachzuholen, Ziele abzustecken und über sich selbst durch Kultur nachzudenken.Das Motto des Jahres „Linz. verändert,“ sei prägend und kennzeichnend zugleich. Es habe auch eine historische Dimension: „Linz war eine dreckige, versmogte Industriestadt. Heute hat sich Linz in einem beispiellosen Kraftakt zur sauberen Stadt entwickelt“, betont Heller.„Linz.verändert,“ versuche zu postulieren, dass ein Prozess der Wandlung stattgefunden habe. Man habe ein neues, positives Industriebild schaffen wollen. „Linz ist Industrie, Kultur und Natur“, so Heller, „eine Formel, auf die wir immer wieder aufgebaut haben.“ 7.500 Veranstaltungen bieten Kultur „So sind in Linz 220 Projekte mit ca. 7.500 Veranstaltungen entstanden“, erklärt Heller. An allen 365 Tagen des Jahres solle der Linz-Besucher die Möglichkeit haben, zwischen mehreren Veranstaltungen auszuwählen. „Die Möglichkeit, sich für oder gegen etwas zu entscheiden, ist für mich ein Qualitätsmerkmal.“ So wehen im Kulturhauptstadtjahr überall in Linz neonfarbene Fahnen, machen großformatige Plakate und zahllose Flyer auf Ausstellungen, Konzerte, Theateraufführungen und Filme aufmerksam.„Es war mir wichtig, Linz09 auf Gegenwartskunst auszurichten“, meint Heller. Kunst und Kultur – auch die, die nicht jeder als solche erkennen würde – sind u.a. im Kunstmuseum Lentos, im Landestheater, im Brucknerhaus, in der Landesgalerie, im Offenen Kulturhaus Oberösterreich, beim Ars Electronica Festival, dem Festival der Regionen, dem Filmfestival Crossing Europe aber auch auf Straßen und Plätzen zu finden.Der Schweizer Intendant sieht sich weniger als Kulturmanager, denn als Autor. Ihm alleine obliegt die Entscheidung über das Programm von Linz09. „Hätte man mir dies nicht zugestanden, hätte ich das Engagement nicht angenommen.“ Er habe zwar einen Aufsichtsrat, doch außer in finanziellen Dingen dürfe dieser ihm nicht dreinreden. „Kulturhauptstadttitel hat Sogcharakter“ Acht bis neun Jahre habe sich Linz auf das Kulturhauptstadtjahr vorbereitet. „Das Interesse, sich zu bewerben, bestand schon lange“, weiß Heller, der mit einem Budget von rund 70 Millionen Euro arbeitet. Im Sommer 2005 gab es dann den ersehnten Zuschlag. „Der Kulturhauptstadttitel hat Sogcharakter“, weiß Heller. Vor allem Bauprojekte würden zu so einer Gelegenheit lieber genehmigt und auch von öffentlicher Hand finanziert. „Von den 70 Millionen Euro fließt nichts in Bauten“. Die öffentliche Hand investiere insgesamt 280 Millionen in die Restaurierung, Erbauung oder Neugestaltung von Plätzen, Promenaden und Gebäuden. So kommt es, dass sich Linz 2009 in einem durchaus neuen Gewand präsentieren kann. “Jede Stadt kann Kulturhauptstadt werden“Im Grunde könne jede Stadt Kulturhauptstadt werden, „sie muss es nur wollen“, so Heller. Als Ingredienzien für eine gelungene Bewerbung gibt er den Willen, eine gewisse kulturelle Grundausstattung, ein ausreichendes Budget und eine gewisse Größe an. „Auch ein Budget von 40 Millionen Euro kann reichen“, meint Heller. Wenn eine Stadt allerdings zu klein sei, müsse man sich überlegen, sich mit anderen Städten zusammenzutun oder eine ganze Region mit einzubeziehen. Bozen strebt den Titel als Europäische Kulturhauptstadt 2019 an - ein gemeinsames Bewerbungsprojekt mit Trient und Innsbruck wird angedacht. Heller sieht darin durchaus Potential: „Es muss nicht heißen, dass eine Kleinstadt keine interessante Kulturhauptstadt wird“. Der Kulturhauptstadttitel sei für jede Stadt – vor allem für Linz – eine große Gelegenheit. „Wir machen es in diesem Jahr vor und haben die Anfangsinvestition geleistet.“ Jetzt sei die Politik an der Reihe. Allerdings müsse klar sein, dass es künftig ein höheres Kulturbudget brauche als bisher. „Ich glaube, dass es im nächsten Jahr auch zu einer Zusammenarbeit mit den Sponsoren kommen wird.“ Es müsse der Stadt von allen Seiten die Möglichkeit gegeben werden, den veränderten Stellenwert der Kultur auszudrücken.Barbara Raich