„Wir laden herzlich ein zur zweitägigen Veranstaltung, die der Frage nach dem Minimum an Narration in Kunst, Literatur und Tanz nachgeht und exemplarisch vor Augen führt, warum ein Erzählen selbst in seiner Reduktion kein Ende nimmt“, so Literatur Lana. Die Veranstaltung findet im Eurocenter in der Industriezone von Lana (MeBo Ausfahrt Meran Süd) statt.„Dort wird eine Halle bespielt und damit für zwei Tage eine periphere Kulturstation an einem Ort von eigenartiger Südtiroler Atmosphäre errichtet: Inmitten einmaliger Kulisse, schöner Natur und der hybriden Raumordnung der Gewerbezonen sollen sich Literatur, Kunst und Tanz als Gastspiel ereignen“, erklärt Christine Vescoli von Literatur Lana. „Was passiert mit dem Rest an Narration, nachdem Kunst in der Darstellung von Wirklichkeit nach einem möglichst puren oder pur künstlerischen Ausdruck strebt und danach trachtet, den narrativen Grund und die narrative Mitteilung aufzulösen, um in Abstraktion überzusetzen? Dann gewinnt möglicherweise die Reduktion der Narration und Handlung umso mehr die zwingende Bedeutung der Erinnerung ans Gegebene und der Erinnerung an den Anfang als Auslöser der Erzählung und des Sprechens im Kontinuum.“ ACTA EST FABULA - von der Nähe des Erzählens in Dichtung, Kunst und TanzFreitag, 27. Mai und Samstag, 28. Mai, Literatur Lana im Eurocenter, Industriezone Lana Kuratiert von Michael Donhauser und Christine Vescoli. Mit Judith Albert, Werner Hamacher, Farhad Showghi, Ferenc Szijj, Anja Utler und Paul Wenninger mit dem Kabinett ad Co. DAS PROGRAMMFreitag, 27. Mai; 20.00 UhrEröffnung: Christine VescoliMichael Donhauser: bewegend bewegt. Zur Frage des Erzählens und der PerspektiveJudith Albert: VideoarbeitenSamstag, 28. Mai11.00: Werner Hamacher: Thesen zur Philologie. Kommentierter Vortrag und Gespräch18.00: Lesungen: Ferenc Szijj, Anja Utler und Farhad Showghi20.30: Paul Wenninger und Kabinett ad Co: 47 ITEMS - Ingeborg & ArminKonzept: Paul Wenninger?Tanz: Ewa Bankowska, Laia Fabre, Lisa Hinterreithner, Esther KollerText: Michael DonhauserSoundenvironment: Nik Hummer?Komposition und Trompete: Franz Hautzinger60 Minuten Während der Gesamtdauer der zweitägigen Veranstaltung werden zwei Videoarbeiten von Judith Albert in der Halle der Eurocenters gezeigt: - Pomeriggio, 2002, Video, 60 Min. Loop, Farbe, Ton- rough the eye of the hand, 2010, Video, 6 Min. Loop, Farbe, Ton Die Veranstaltung versammelt in ihrer grundlegenden Frage nach dem Rest an Erzählung Lyrik, Theorie, Kunst und Tanztheater: In den Videoarbeiten der Künstlerin Judith Albert gibt es Handlungen, kleinste Geschichten, die erzählt werden, den Ablauf eines Geschehens mit einem Anfang und einem Ende. Dabei wird die Handlung in ihren Wendepunkten nur leicht angedeutet, kaum merklich ausgeführt oder durch die verlangsamten Bewegungen leicht verfremdet. Das Moment der Unmittelbarkeit ist so zurück genommen, dass die Zeit und Bewegung zwischen den kaum sich verändernden Videobildern das die Mittelbarkeit des Mediums in den Vordergrund rücken. „Auch wenn bisweilen Bezüge zu bekannten Gemälden aufleuchten, so erinnert diese Sprache höchstens, und auch dies nur von ferne, an die Arbeiten Tarkowskis; wie dort ist hier eine Verbindung von Ruhe, Konzentration und Gelassenheit zu spüren, die einem erst nach dem Verlassen des Raumes zeigt, dass nicht mehr alles so ist wie vorher.“ (NZZ, 9.,10 November 2004)Werner Hamacher, luzider Denker der Sprachphilosophie, Literaturtheorie und politischen Philosophie, nimmt ein provokant deklariertes Ende des erzählenden Sprechens als Anlass, um über Gegenwart und Gegenwert der Philologie zu reflektieren. In (Selbst)Ironie und gewitzt denkt Hamacher über die notwenige Selbstvergessenheit der Philologie nach: „Beten ist nur möglich, wenn es keinen Gott gibt. Erst das Gebet ergibt einen Gott. Die fortgesetzte Gabelung zwischen keinem und einem Gott ist der Weg der Philologie. Er ist eine fortgesetzte Aporie, eine Diaporie.“ Mit den Dichtern Ferenc Szijj, Farhad Showhgi und Anja Utler kommt eine Lyrik zur Sprache, die auf je verschiedene Weise den narrativen Grund als „assoziative Andockmanöver“ (F. Mayröcker) oder als beständige Kulisse der zurückhaltenden Reflexion aufbaut und präsent hält. Wie auf leisen Sohlen wird dabei ein Geschehen erzählerisch arrangiert, nicht weniger reflexiv beschattet, stets bedroht durch das Moment der Kontingenz. Tanztheater Kabinett ad Co. um Paul WenningerDen Abschluss der Veranstaltung bildet eine besondere Aufführung des arrivierten und mit zahlreichen Preisen ausgezeichneten Tanztheaters Kabinett ad Co. um Paul Wenninger. In der Inszenierung „47 Items – Ingeborg & Armin“ folgt die Tanzgruppe einer Textvorlage des Lyrikers Michael Donhauser und erhebt darin die Koordination als Methode der Raumerzeugung. Sie geschieht parallel zur szenischen Handlung anhand von Produkten aus dem Supermarkt, das heißt: die Produkte aus den Re­galen sind sowohl szenisches Referenzmaterial als auch Baustoff für den Raum und erzählen so die Handlung. Der Text wird also nicht als Wortsprache realisiert, sondern durch das Zusammenwirken von Objekten in einen raumzeitlichen Ablauf übersetzt. Der stilisierte Supermarkt ist dabei gleichermaßen fertig inszenierte Umgebung wie Objektlager. Der Text selber überträgt den Mythos von einem alten Paar, das zwei Göttern vorbehaltlos Gast­freundschaft gewährt, in die Welt einer Imbissbude mit Gartenwirtschaft. Er erzählt von dem Wunsch, der den beiden Alten freigegeben wird, von einem Anbau sowie einem Dahlienbeet, von einem Gehil­fen und dem Erinnern, das seinen Anlass über die Jahre vergisst. Die musikalische Umsetzung der imaginären Geschichte zeigt eine Vergänglichkeit, die sich im Klang der Trompete manifestiert und dabei Reales, Erfundenes und Göttliches in eins setzt. Die auf einer Metaebene operierende Musik folgt den Spuren, welche die Ereignisse beschreiben und die dramaturgischen Elemente verbindet. Klingende Produkte setzen die Töne der Trompete in den nöti­gen akustischen Referenzraum aus dem alles kommt und in dem alles wieder verschwindet: Weißes Rauschen.