<BR /><b>Was verschlägt eine junge Frau aus der Großstadt in das Pustertal?</b><BR />Erica Giopp: Das war so nicht geplant. Ich muss vorausschicken, dass ich gebürtig aus Pieve di Cadore bin. Es ist von Vorteil, wenn man nach Südtirol kommt und ein bisschen Bergmensch schon ist. Ich lebte aber davor 10 Jahre in Rom und habe mich dort eigentlich sehr wohl gefühlt...<BR /><BR /><b>Wie kam’s dann zum Umzug in den Norden?</b><BR />Giopp: Ich habe orientalische Sprachen studiert und war viel zwischen Rom und Peking unterwegs. Beruflich habe ich Italien-Reisen für Chinesen geplant. Kurz vor Corona habe ich mich für die Wanderführer-Ausbildung – in Italienisch – in Südtirol angemeldet. Weil Chinesen nicht nur Europa in 4 Tagen entdeckt wollen, sondern zunehmend das Besondere suchen. Ich wollte ihnen die Berge zeigen. Dann kam Corona, und ich war hier, aber ohne Chinesen. Die waren zu Corona nicht mal mehr in China beliebt. <BR /><BR /><embed id="dtext86-64846106_quote" /><BR /><BR /><b>Und dann?</b><BR />Giopp: Mein Opa aus dem Cadore, der in Percha einen Brennstoff-Handel führt, meinte, ich könnte ja dort ein bisschen arbeiten. Aber das hat trotz Crash-Deutsch-Kurs nicht funktioniert. Ich saß am Firmentelefon und habe nix verstanden. Ich habe das Heizöl an die falsche Adresse geschickt, Familien im Kalten sitzen lassen, die Rechnungen falsch ausgestellt – eine Katastrophe. Mit Hochdeutsch kommt man im Pustertal nicht weit. Ein Freund hat mir dann einen Dialektkurs in Bruneck empfohlen – der hat mein Leben verändert. <BR /><BR /><b>Inwiefern?</b><BR />Giopp: Ich habe endlich verstanden, was die anderen reden. Wenn jemand am Telefon „1000 Lito Heizöl“ gesagt hat, dann habe ich das verstanden. Und ich habe es selbst irgendwie reden können. Das öffnet einem Türen. Wenn man etwas nicht versteht, ist es besser, einfach „jo ebn“ zu sagen als „cosa?“<BR /><BR /><b>Sie sprechen besser Puschtra Dialekt als Hochdeutsch?</b><BR />Giopp: Absolut. Man muss es nicht perfekt können, weil hier alle italienisch verstehen. Wenn mir das Wort für Aufzug nicht einfällt, dann sage ich „ascensore“ und jeder versteht es. Meine Sprache ist „a bissl Mischmasch“. <BR /><BR /><b>Nach 3,5 Jahren hier: Sind Sie einheimisch geworden?</b><BR />Giopp: Ich habe den Erstwohnsitz hier, weil man sonst die Sackln für den Biomüll nicht bekommt (lacht). <BR /><BR /><b>Und fühlen Sie sich mittlerweile auch einheimisch?</b><BR />Giopp: Nicht ganz, weil ich „einheimisch“ noch nicht „gscheit“ sagen kann. Aber ich bin auf einem guten Weg. <BR /><BR /><embed id="dtext86-64846108_quote" /><BR /><BR /><b>Vermissen Sie nichts an der Großstadt?</b><BR />Giopp: Man muss in der richtigen Phase seines Lebens hierher kommen. Also in einer Phase, in der man viel Bewegung und Natur braucht. Ich bin „bouldon“, „eisstockschiaßn“, „kletton“, „skifohrn“, logisch zum Aprés-Ski und Skitouren gegangen. Wer Vernissagen, Party-Nächte und große Kultur braucht, für den ist das Pustertal vielleicht nicht das Richtige. Ich war im richtigen Moment hier. <BR /><BR /><b>Mit dem Dialekt zur perfekten Integration also?</b><BR />Giopp: Nicht nur. Wenn man hier leben und einheimisch werden will, muss man akzeptieren, dass das hier nicht Italien ist. Es ist nicht besser und nicht schlechter, aber anders. Wer hierher kommt und „siamo in Italia“ sagt, wird es nicht leicht haben. Oder wer nicht verstehen will, dass man hier Pizza auch zu Mittag isst.<BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1030737_image" /></div> <BR /><BR /><b>Ist Ihr Buch für Römer, Napolitaner und Mailänder gedacht, die hier heimisch werden wollen?</b><BR />Giopp: Nein, ich glaube, die würden das Buch nicht verstehen, weil zu viel von „ingaling“, „Schnapslan“, „Mogsch la kemm“, „na gewaltig“ und „bittschian“ drinnenstehen. Es ist mehr an Zweisprachige gedacht, die die Realität hier kennen. Ich erkläre nicht den Italiener Südtirol und ich bereite auch nicht die komplexe Geschichte des Landes auf, ich will ein bisschen unterhalten und erzählen, wieso ich nach dreieinhalb Jahren schon ein bisschen verliebt in diesen Ort und in diese Art zu leben bin.<BR /><BR />Buch-Tipp:<BR />Erica Giopp, „Südtirol. Handbuch zum Einheimisch-Werden“, Raetia, um 18 Euro im Handel erhältlich<BR /><div class="img-embed"><embed id="1030740_image" /></div> <BR /><BR />