Allein wie locker-lässig er sich im schmal geschnittenen Lederdress bewegt, das zeigt: Da will nicht einer auf „cooler“ Pfarrer machen und sich bei Bikern anbiedern. „Die Maschine ist mein Auto, damit lege ich bis zu 30.000 Kilometer im Jahr zurück“, sagt Mario Pinggera. Die richtige Schutzkleidung gehöre selbstverständlich dazu. Bei der naheliegenden Frage nach seiner Motorradmarke kann er sich dann einen Scherz nicht verkneifen: „Bis heute immer BMW – für Beata Maria Vergine.“<BR /><BR />Als schlagfertiger Konter wäre an dieser Stelle der Titel „Super-Mario“ für den Star aus dem gleichnamigen Videospiel zur Hand. Aber nach einigen weiteren Sätzen ist klar: Mario Pinggera ist kein „Klempner“, der in bunten Spielwelten herumhüpft, sondern ein gestandener Mann, der mehrere Level des Lebens geschafft hat. <h3> Orgel ist Liebe auf den ersten Blick</h3>Da ist einmal seine Musikalität, die er vom Großvater geerbt hat, der aus Lichtenberg im Vinschgau stammte. Schon als Neunjähriger spielt Mario Klavier, mit 15 setzt er sich erstmals an eine Kirchenorgel und kommt davon nicht mehr los. <BR /><BR />Er besucht die Fachschule für Orgelbau, studiert Kirchenmusik, gibt Konzerte in Kathedralen, darunter Canterbury, Riga und Lateran in Rom. „Orgelmusik in einer Kirche erzeugt eine mystische Atmosphäre, mit diesen Schwingungen hole ich Menschen ab, die zum Teil von der Kirche schon weit weg sind“, sagt Pfarrer Pinggera.<BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1320765_image" /></div> <BR /><BR />Aber auch in den Gläubigen, die mit ihm die Messe feiern, bringt der hochmusikalische Pfarrer gerne etwas zum Klingen. So wechselt er beim Gottesdienst schon einmal vom Altartisch zum Spieltisch, um den Volksgesang zu begleiten. <BR /><BR />Aus Südtiroler Sicht bringt ausgerechnet die Orgel eine Dissonanz in die Geschichte.<h3> Ein folgenschweres Treffen in Sulden</h3>Seit Kindheit liebt Mario Pinggera seine Vinschger Wurzeln, in Lichtenberg bei Prad verbrachte er meist die Sommerferien, später kaufte seine Familie dort ein kleines Haus. <BR /><BR />Daher half der junge Organist gerne in mehreren Pfarreien des Tales aus, 1984 erstmals am Heiligen Abend in Sulden, später in Stilfs, Schluderns und Kloster Marienberg. <BR /><BR />In Sulden ist der Musiker zu Gast beim legendären Pfarrer Josef Hurton, dieser fädelte es geschickt ein, dass Pinggera dort auch den damaligen Bischof Wilhelm Egger traf. Denn inzwischen stand für den Musiker fest, dass er Priester werden will. <BR /><BR />Bischof Egger freute sich über die Aussicht auf einen jungen Geistlichen, er sei „herzlich willkommen“. Doch Pinggera setzte Prioritäten: Zuerst wird er das Kirchenmusikstudium abschließen und dann mit der Theologie beginnen. Nach der Priesterweihe möchte er beides verbinden. <BR /><BR />„Ich fragte Bischof Egger, was er mit einem Priester vorhat, der Kirchenmusik studiert hat. Bischof Egger meinte dann, er könne keine Versprechen abgeben.“ Das war dem Seminaristen in spe zu vage, er bog auf seinem Weg ab in Richtung Schweiz, zuerst in das Priesterseminar im Bistum Chur, dann nach Freiburg. Im März 2003 wurde er in Kloster Einsiedeln zum Priester geweiht, am 15. Juni feierte er in Lichtenberg seine „Heimatprimiz“.<BR /><BR />Damit erfüllt sich der Berufswunsch, den Mario Pinggera schon als Bub hatte, nach einem geradezu traumatischen Berufungserlebnis. Drei Monate nach seiner Erstkommunion wurde er am 1. Juni 1978 von einem Auto überfahren, die Ärzte sehen kaum Überlebenschancen. <h3> Ein Unfall und die Berufung zum Priester</h3>Aber Pinggera kämpfte sich durch. An einem Sonntag kam der Seelsorger des Krankenhause mit der Kommunion vorbei. Nach einem kurzen Gespräch war für den Buben klar: „Das, was dieser Priester tut, das macht Sinn, das muss ich später auch mal machen. Und genauso ist es gekommen, allerdings zuerst mit der Musik“, erzählt der Pfarrer. <BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="1320768_image" /></div> <BR /><BR />Dass er ohne zu zögern auf Straßen abbiegt, die für ihn in die richtige Richtung führen, das zeigt Pinggera auch an kleineren Kreuzungen des Lebens, zum Beispiel mit dem Führerschein für Lastwagen und Busse. Schon als Jugendlicher habe er davon geträumt, am Steuer der ganz großen Gefährte zu sitzen. Als geprüfter Berufschauffeur bringt Pinggera heute schon einmal eine Gruppe aus seiner Pfarrei ans Ziel und am Samstag springt er ab und zu beim örtliche Spediteur ein. <h3> Zuversichtlich, aber auch nicht ganz zufrieden</h3>Und wie sieht er den Kurs der Orts- und Weltkirche, den er aufmerksam beobachtet und bei Bedarf auch kritisch kommentiert? Mehrere Ausfahrten in Richtung Zukunft habe die Kirche verpasst, bringt es Pinggera auf den Punkt. So habe er bereits Bischof Egger vorgeschlagen, die Seelsorge im Vinschgau mit Blick auf den herannahenden Priestermangel neu aufzustellen: von Prad bis Reschen zwei bis drei Priester, zwei bis drei Diakone und drei bis vier Pastoralassistentinnen und -assistenten. <BR /><BR />Das alle blieb eine Vision, die vieles in der Seelsorge hätte retten können. <BR />Gerade in der derzeitigen Weltlage hätte die Kirche aber neue Chancen, sie sie am Schopf packen müsste, überlegt der Pfarrer weiter. In seinen Gottesdiensten oder auch bei der Motorradsegnung merke er, dass Menschen nach Antworten suchen, „da müssen wir zupacken“. Jetzt müsse man die Menschen abholen, wo sie stehen „wir sollten nicht warten, bis irgendjemand kommt.“ In diese Richtung ist er selbst unterwegs, mit Vollgas.