Wir treffen uns mit dem medizinischen Mikrobiologen Reinhard Würzner von der Medizinischen Universität Innsbruck, um zu erfahren, was auf uns zukommt. Der gebürtige Deutsche erzählt uns, wie diese Viren überhaupt nach Mitteleuropa kommen können und wie sie sich hier verteilen. <BR /><BR />„Die Klimaveränderung hat es ermöglicht, dass ein wesentlicher Pfeiler der Verbreitungskette hier bei uns Fuß fassen konnte: Die asiatische Tigermücke, die es mittlerweile auch in Südtirol gibt. Sie ist ein sogenannter Vektor, der, einmal mit dem Virus infiziert, dieses verteilen kann. Das Virus selbst, in unserem Beispiel das West-Nil-Virus, gelangt über Zugvögel zu uns. Finken und Spatzen sind mögliche Virenwirte“, so Reinhard Würzner. Also aufgepasst, wenn Sie eine Mücke wie ein Helikopter umkreist, es kann auch einer dieser Exoten sein.<h3> Bereits 37 Tote in Italien</h3>Eine Infektionskette kann wie folgt ablaufen: Eine Tigermücke nimmt Viren von einem Wirt auf, sticht einen Menschen und infiziert ihn dadurch mit dem Virus. Dies funktioniert auch indirekt von Mensch zu Mensch. Eine Tigermücke nimmt durch einen Stich eines infizierten Menschen Viren auf, die sie dann an andere Menschen weitergeben kann.<BR /><BR /> Ein infizierter Mensch kann sich hier angesteckt haben oder im Urlaub und das Virus so mitgebracht haben. „Seit 2022 sind rund 1000 Fälle in Europa – ca. 600 aus Italien und 300 aus Griechenland – bekannt. In Italien gab es bereits 37 Tote, in Griechenland starben 31 Menschen“, fasst Reinhard Würzner zusammen.<BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="938350_image" /></div> <BR /><BR />Hat sich das Virus in Südeuropa etabliert, wird es sich, wenn die Temperaturen passen, immer weiter nach Norden ausbreiten. Ein gutes Beispiel, wie schnell das gehen kann, sind die USA. 1999 kam es in der Ostküstenmetropole New York zu einem ersten großen Ausbruch. Die West-Nil-Viren und Mückenvektoren gelangten mit Frachtschiffen von Afrika nach Nordamerika. Also nicht über Zugvögel wie bei uns.<BR /><BR /> „Innerhalb von 3 Jahren haben sich die Viren dann über den gesamten Kontinent bis nach Kalifornien an der US-Westküste ausgebreitet“, so Würzner. Wenn man wissen möchte, was auf uns zukommt, muss man „nur die Lage in wärmeren europäischen Regionen wie das südliche Italien beobachten“, erklärt Reinhard Würzner.<h3> Immer mehr Tigermücken in Südtirol</h3>Doch wo in Südtirol tummeln sich Tigermücken? Zwischen April und Oktober beobachtet das Biologische Labor der Landesagentur für Umwelt und Klimaschutz die Verbreitung der Tigermücke. Dazu werden in öffentlichen Grünanlagen Eiablagefallen aufgestellt, die ein ideales Umfeld für die Eier der Tigermücke bilden. „Die Anzahl der abgelegten Tigermückeneier liefert wertvolle Hinweise zum Vorkommen und zur Intensität des Auftretens an den verschiedenen Monitoring-Stellen und erlaubt somit auch Rückschlüsse auf die Gesamtverbreitung des Insekts“, berichtet Alberta Stenico, Direktorin des Labors. <BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="938353_image" /></div> <BR /><BR />„In den vergangenen 10 Jahren, seit Beginn des Monitorings im Jahr 2013, hat sich die mittlere Anzahl an Eiern in den Eiablagefallen beinahe verzehnfacht. Am stärksten betroffen sind die Haupttallagen von Meran bis Salurn, das Unterland und das Eisacktal bis Vahrn.“ In Italien wies man Tigermücken zum ersten Mal 1990 in Genua nach. 1991 gab es einen weiteren Nachweis südlich von Padua. Im Trentino fand man sie 1996 erstmals in einem Altreifendepot bei Rovereto. <BR /><BR />Für Südtirol weiß man nicht genau, wann der Exot zugezogen ist. In Bozen wurde man aber im Spätsommer 2010 durch eine Mückenplage auf dessen Präsenz aufmerksam.<h3> Ausbruch in der Provinz Ravenna</h3>Das zweite Virus im Bunde der exotischen Einwanderer lautet auf den Namen Chikungunya. Dies heißt in der Sprache des Makonde in Tansania so viel wie „der gekrümmt Gehende“. Ein Hinweis auf die starken Gelenksschmerzen bei einer Infektion. Das Virus stammt ursprünglich aus Indien und Südostasien, aber auch aus Afrika. 2007 sorgte es erstmals für Schlagzeilen. Rund 200 Personen in Norditalien erkrankten nach einer Ansteckung. Ein Rückkehrer aus Indien hatte das Chikungunya-Virus in die Provinz Ravenna gebracht. <BR /><BR />Verbreitet wird das Virus durch die ägyptische Gelbfiebermücke, ebenfalls eine Tigermückenart. Sie ist in Europa in ganz Italien an der französischen Riviera und in Dalmatien heimisch geworden. Die Mücke überträgt übrigens auch das Dengue-Fieber. Aus Südtirol ist – noch – kein Fall bekannt, aber nur eine Frage der Zeit.<h3> Und dann noch die Riesenzecke</h3>Das dritte Beispiel für den Vormarsch von Exoten ist das Krim-Kongo-Fieber, das von Hyalomma-Zecke als Vektor verbreitet werden kann. Diese afrikanische Riesenzecke, etwa doppelt so groß wie die heimische Art, ist ebenso wie die Tigermücke ein Einwanderer. Ebenfalls dank Klimaerwärmung. <BR /><BR />Mittlerweile überwintert sie auch bei uns. Das Virus, das das Krim-Kongo-Fieber auslöst, ist jedoch nur ein möglicher Erreger, der durch diese Zecken, die übrigens wie alle Zecken ihre Opfer stechen und nicht beißen, übertragen wird. „Zecken sind wie Supertanker, voll mit potenziell gefährlichen Krankheitserregern“, schildert Reinhard Würzner.<BR /><BR />