Pfarrer Schießler sagt, warum die Kirche für ihn kein „Kühlschrank“ ist, was er vom Pflichtzölibat hält, an welcher Frage sich die Zukunft der Kirche entscheidet – und wann er wieder in Südtirol anzutreffen ist. <BR /><BR /><BR /><BR /><b>Herr Pfarrer, bei uns läuft die Meldung, dass die Kirchenaustritte im Erzbistum nach der Veröffentlichung einer Missbrauchsstudie geradezu explodieren. Laufen auch Ihnen die Schäfchen davon?</b><BR />Pfarrer Rainer Maria Schießler: Die Zahlen sollen alarmierend sein, höre ich, doch. Waren es vor Veröffentlichung in München allein in etwa 80 Austritte pro Arbeitstag, sei die Zahl seitdem auf 150 bis 160 gestiegen. Bei uns in den Pfarreien dauert es noch etwas, bis dieser Anstieg EDV-mäßig gemeldet sein wird, aber wir werden ihn zu spüren bekommen. Natürlich erfährt man schon vorher davon von etlichen Gesprächen und Begegnungen, wenn einem die Menschen es sagen. <BR /><BR /><BR /><b>Wie gehen Sie persönlich damit um: Sind sie frustriert?</b><BR />Pfarrer Schießler: Was nützt es mir, frustriert zu sein? Es ist eine große Herausforderung, die wir annehmen müssen. Bei uns daheim galt immer der Spruch: „Davonlaufen gilt nicht!“ Das zählt auch jetzt. Und: „Wohin sollten wir gehen“, fragt schon Petrus den Jesus, „du allein hast Worte des ewigen Lebens“. Diesen Anspruch muss Kirche immer an seine Verkündigung stellen.<BR /><BR /><BR /><b>Es ist nicht nur der Missbrauch, auch nach der Pandemie haben viele das Gefühl: Es geht auch ohne Pfarrer, Messfeier und Kirche. Was sagen Sie dazu?</b><BR /> Pfarrer Schießler: Brauche ich Kirche zum Glauben, fragen nicht wenige Zeitgenossen gerade derzeit. Ist eine Institution für den Gläubigen überhaupt notwendig? Ich drehe die Frage gleich um: Schon mal daran gedacht, dass Kirche dich braucht? Natürlich muss ich zunächst alleine glauben; ich kann nicht für dich glauben, so wie ich auch nicht für dich lieben, Schmerz empfinden, Glückserfahrungen machen kann. Aber Kirche als Glaubensgemeinschaft tut etwas, was ich nie alleine kann: feiern, trauern, Leid teilen, Hoffnung schenken. Gläubige werden sich immer zu einer Gemeinschaft verbinden, da bleibt keiner allein. Wie diese Institution sich aufstellt, reformiert und umgestaltet, das steht jetzt an, das wollen wir als Kirche Zukunft haben.<BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="740375_image" /></div> <BR /><BR /><b>Fühlen Sie sich als Pfarrer trotzdem nicht manchmal wie der viel zitierte Mann, der den Eskimos Kühlschränke verkaufen will?</b><BR /> Pfarrer Schießler: Es kommen Menschen zu uns, suchen uns, auch die, die schon lange weit weg von Glaube und Kirche sind. Nie würden wir sie wegschicken. Sie suchen nach Lebensantworten, die Fragen dazu haben sie nicht von mir bekommen. Diese Menschen sind Suchende, denen ich nichts aufdrängen muss, sondern die gerade diese Suche mit mir als „Profigläubiger“ teilen wollen und wissen, dass ich Ihnen das Evangelium Christi anbieten kann. Die Antworten des Evangeliums gehen über die Lösungsversuche der Welt hinaus, sind mehr als „Kühlschränke“ des alltäglichen Lebens; sie versuchen dir zu helfen, Leid und Glück anzunehmen, und hinter allem einen tiefen Sinn zu entdecken. Das wird respektiert, auf alle Fälle!<BR /><BR /><BR /><b>Ja, es kommen Leute. Aber noch mehr gehen weg. Was macht die Kirchenleitung in Ihren Augen falsch?</b><BR />Pfarrer Schießler: Was habe ich davon, jemandem seine Fehler vorzuhalten? Das ist nicht meine Aufgabe. Der Reformstau jedoch, den wir seit der Neuaufstellung der Kirche im Zweiten Vatikanischen Konzil vor uns herschieben und das seit über 60 Jahren(!), muss unbedingt aufgearbeitet werden. Dabei gilt: Keine Angst auch vor radikalen Schritten und nie vergessen: Hier geht's um Strukturen, Aufstellungen, Organisationsbereiche, nicht um Glaubenswahrheiten. Der Pflichtzölibat ist kein Glaubensgeheimnis!<BR /><BR /><embed id="dtext86-53063842_quote" /><BR /><BR /><BR /><b>Das wäre schon mal ein Punkt. Wenn Sie jetzt einen Tag lang Papst wären und 3 Sofort-Beschlüsse für die Weltkirche fassen könnten: Was wären diese?</b><BR />Pfarrer Schießler: Oh, die 3 berühmten „Was-würden-Sie-tun“-Fragen! Sofort geht schon mal gar nichts, aber was immer notwendig ist: Menschen überzeugen – immer auf Augenhöhe bleiben – und begeistern, nicht zwingen! Im Grunde genommen gibt das Evangelium die Antworten. Die erste: „Was ihr dem Geringsten tut, habt ihr mir getan“, also sollen wir eine dienende Kirche sein, das muss ich den Menschen vormachen, gerade als Papst, der den Titel „Diener der Diener Gottes“ trägt. Dann als Zweites: „Ihr wisst, wie es in der Welt zugeht, wie Mächtige über Kleine herrschen, aber bei euch aber soll es nicht so sein“ – eine Kirche auf Augenhöhe ist gefragt, wo es kein Oben und Unten mehr gibt. Und als Drittes: „Gib alles, was du hast, verkaufe es und gib den Erlös den Armen“ - bedeutet eine soziale Kirche sein, die immer zuerst die Armen sucht. Mit diesen 3 Beschlüssen sind wir ausreichend beschäftigt!<BR /><BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="740378_image" /></div> <BR /><b>Bei der Tagung der Katholischen Männerbewegung sprechen Sie auch zum Thema „Hört auf eure Frauen!“ Da wird sich manches gestandene Mannsbild denken: Ja, wo kommen wir da hin! Frage an Sie: Wo kommt die Kirche da hin?</b><BR />Pfarrer Schießler: Also eigentlich geht's in Brixen um das Thema: „Lasst uns anderswo hingehen“, wie Jesus einmal zu seinen Jüngern sagt. Den Satz mit den Frauen habe ich in einem anderen Interview gegeben und damit eher ironisch auf die Frage: Was werden Sie den Männern zurufen? geantwortet mit „Hört auf Eure Frauen!“ - Aber es stimmt durchaus auch für die Kirche. Die Frauenfrage ist die Zukunftsfrage schlechthin für die Kirche. Es ist einfach nicht mehr zeitgemäß, dass wir die Hälfte unserer Mitglieder als verfasste Kirche von den Entscheidungsstrukturen ganz bewusst ausschließen. Das wird uns heute nicht mehr mitgetragen, warum auch? „Wir sind alle eins in Christus“, ruft uns Paulus im Galaterbrief zu, eins durch die Taufe. Wie definiert sich heute also immer noch der konsequente Ausschluss von Frauen aus den Ämtern der Kirche? Diese Frage müssen wir mutig angehen, ohne Berührungsängste, sagen auch mittlerweile viele Bischöfe offen und direkt.<BR /><BR /><BR /><b>Vor Kurzem ist Ihr Buch erschienen, die „Schießler-Bibel“. Sie versprechen darin Kraft für alle Lebenslagen. Woher bitte nehmen Sie die?</b><BR />Pfarrer Schießler: Und am 1. April kommt schon ein neues Buch: „Seid ihr noch zu retten? - Einfach mal machen und so Kirche verändern“! Die Kraft zu all dem nehme ich aus meinem Glauben, den mir allein andere, meine Eltern, meine Kirche, meine Wegbegleiter bis heute geschenkt haben.<BR /><BR /><BR /><b>Man sieht Ihnen irgendwie an: Katholisch sein macht Spaß! Woher kommt Ihre fröhliche Unbekümmertheit?</b><BR />Pfarrer Schießler: Da, wo mein Glaube herkommt. Wir sind schon als Kinder so erzogen worden: Im Leben bekommst du das Wichtigste immer nur geschenkt: Liebe, Solidarität und Lebenskraft. Das alles aber behält man nie für sich. Man hat es, um es ohne zu rechnen, weiterzugeben!<BR /><BR /><BR /><div class="img-embed"><embed id="740381_image" /></div> <BR /><b>Sind Sie öfters in Südtirol anzutreffen, vielleicht als Motorradfahrer?</b><BR />Pfarrer Schießler: Oh ja, immer wieder! Am 20. August feiere ich zum Beispiel eine Trauung in Kurtatsch, eine wunderbare Gelegenheit für eine Motorradtour mit meinem Mesner und mich! Mit einem Freund aus dem Ötztal planen wir auch eine mehrtägige E-bike Tour mit einer ganzen Gruppe interessierter Menschen zu einigen - auch geistlichen - Kraftorten in Südtirol. Ich habe gute Freunde in Bruneck, was auch wunderbar über Osttirol per Motorrad zu erreichen ist. Also, es ist immer was los.<BR /><BR />ZUR PERSON<BR /><BR />Rainer Maria Schießler, 1960 in München geboren, wurde am 27. Juni 1987 in Freising zum Priester geweiht. Von 1987 bis 1993 war er Kaplan in mehreren Pfarreien, seit 1993 ist er Pfarrer in St. Maximilian in München. Von Dezember 2012 bis 2015 hatte er eine eigene Talkshow beim Bayerischen Rundfunk, seit 2020 produziert das Münchner Kirchenradio mit ihm den Podcast „Schießlers Woche – Hier spricht der Pfarrer.“ Erfolgreich ist er auch mit seinen Büchern: „Himmel, Herrgott, Sakrament. Auftreten statt austreten.“ (2016), „Jessas, Maria und Josef. Gott zwingt nicht, er begeistert.“ (2018) und „Die Schießler-Bibel“ (2021). <BR /><BR /><BR />DER TERMIN<BR /><BR />Pfarrer Rainer Maria Schießler ist Hauptreferent bei der Tagung der Katholischen Männerbewegung am <b>Samstag, 5. März 2022 von 9 bis 16.30 Uhr in der Cusanus-Akademie in Brixen</b>. Die Tagung steht unter dem Motto: „Lasst uns anderswo hingehen – der Kraft des Glaubens trauen!“. Am Vormittag findet das Referat und die Diskussion mit dem engagierten Pfarrer der drittgrößten Pfarrei Münchens statt, am Nachmittag wird der Vorstand der Katholischen Männerbewegung neu gewählt, der seit 2019 Georg Oberrauch vorsteht.<BR />